10/11 ANGEWANDTE KUNST HEUTE

Donald Judd, Bett (Nr. 11), 1984, MAK Inv. Nr. H 3112

Donald Judd, Bett (Nr. 11), 1984, MAK Inv. Nr. H 3112

Zum Stichwort „angewandte Kunst“
Impulsreferate
Gerald Bast, Rektor, Universität für angewandte Kunst, Wien
Sebastian Hackenschmidt, MAK-Kustode, Sammlung Möbel und Holzarbeiten
Christian Höller, Redakteur, springerin, Wien
Oswald Oberhuber, Künstler, ehemaliger Rektor Universität für angewandte Kunst, Wien
Donnerstag, 10. November 2011, 12.30–14.30 Uhr

MAK-Säulenhalle

Die Sammlungen des MAK basieren im Wesentlichen auf den materialspezifischen Einteilungen von Textil, Glas, Keramik, Metall, Holz (Möbel) etc. – Einteilungen, die für das Kunstgewerbe des 19. Jahrhunderts sinnvoll erschienen und prinzipiell auch bis heute weitergeführt werden können. Im 20. Jahrhundert wurde es allerdings notwendig, die Sammlungen um die Bereiche Design und Gegenwartskunst zu erweitern, um den veränderten Bedingungen künstlerischer Gestaltung und industrieller Produktion gerecht zu werden. Auch das erscheint konsequent: Denn im Unterschied zu den Begriffen Kunstgewerbe, Kunsthandwerk, Kunstindustrie, dekorative Kunst und Design ist der Begriff „angewandte Kunst“ dazu in der Lage, nicht nur die Tendenzen eines zunehmend konzeptuellen und „künstlerischen“ Designs zu fassen, sondern auch jene zeitgenössischen Entwicklungen, in denen die „freie“ Kunst ihren Gebrauchswert kritisch hinterfragt und durch konkrete Dienstleistungen, Nutzungsangebote und Grundlagenforschung für zukunftsweisende Denkansätze und Wirkungsbereiche permanent erweitert. Ohne dass die freie Kunst dabei ihren Autonomieanspruch aufgeben müsste, scheint sich dadurch aber zugleich dasjenige zu verändern und zu erweitern, was unter „angewandter Kunst“ verstanden werden kann.

Impulsreferat Sebastian Hackenschmidt, MAK-Kustode, Sammlung Möbel und Holzarbeiten
Zum Stichwort „angewandte Kunst“

Die Sammlung des MAK basiert im Wesentlichen auf den materialspezifischen Einteilungen von Textil, Glas, Keramik, Metall, Holz (Möbel), Papier (Bücher, Grafik) etc. – Einteilungen, die für das Kunstgewerbe des 19. Jahrhunderts sinnvoll erschienen und prinzipiell auch bis heute weitergeführt werden können. Allerdings wurde es im 20. Jahrhundert notwendig, die Sammlung um die Bereiche Design und Gegenwartskunst zu erweitern, um den veränderten Bedingungen künstlerischer Gestaltung und industrieller Produktion gerecht zu werden. Freilich wird vor allem an der Sammlung Gegenwartskunst immer wieder Kritik geübt: In schöner Regelmäßigkeit wird in den österreichischen Medien – auch in den vermeintlich weniger konservativen – die absurde Forderung laut, es müsse endlich eine definitive Entscheidung darüber geben, welche Museen zeitgenössische Kunst ausstellen und sammeln dürfen. In den letzten Jahren wurde dabei meist auch gefordert, das MAK möge sich doch bitte hauptsächlich dem Bereich des Designs zuwenden und die zeitgenössische Kunst aufgeben.

Ich möchte deshalb hier ein kurzes Wort für ein breiteres Verständnis von „angewandter Kunst“ einlegen: Im Unterschied zu den Begriffen Kunstgewerbe, Kunsthandwerk, Kunstindustrie, dekorative Kunst und Design ist der Begriff angewandte Kunst dazu in der Lage, nicht nur die Tendenzen eines zunehmend konzeptuellen und „künstlerischen“ Designs zu fassen, sondern auch jene zeitgenössischen Entwicklungen, in denen die freie Kunst ihren Gebrauchswert (den es ja auf rezeptionsästhetischer Ebene ja doch auch gibt!) kritisch hinterfragt und durch konkrete Dienstleistungen oder Nutzungsangebote für zukunftsweisende Denkansätze und Wirkungsbereiche permanent erweitert. Dabei wird weniger der Autonomieanspruch der freien Kunst in Frage gestellt, als vielmehr ein Potential deutlich, das das Begriffsfeld der angewandten Kunst ausdehnen und erweitern könnte. Viele Gründe sprechen meiner Ansicht nach dafür, den Begriff der angewandten Kunst offen und grenzüberschreitend zu verstehen:

1. Der Unterschied zwischen Design und Kunst ist meist sehr offensichtlich; vermutlich werden sich 95 % der künstlerischen Erzeugnisse intuitiv und relativ eindeutig einer dieser beiden Sparten zuordnen lassen. Nicht zuletzt deshalb ist es auch absolut sinnvoll, diese tradierten Kategorien beizubehalten! Dennoch gibt es einen wichtigen Grenzbereich, in dem sich Kunst und Design, freie und angewandte Kunst und natürlich auch Architektur überschneiden. Das ist keinesfalls ein neues Phänomen und trifft für gewisse Zimmereinrichtungen des Jugendstils oder Erzeugnisse des Bauhauses ebenso zu wie heute etwa für die Schnittstelle von unbrauchbaren Kunst-Möbeln und dienstbarer Möbel-Kunst. Auch das Phänomen des Künstlerbuchs, das an dieser Stelle schon am Dienstag (MAP vom 8.11.2011: Bibliothek und Kunstblättersammlung) diskutiert worden ist, kann eben nicht nur als zu gestaltendes Buchobjekt aufgefasst werden, sondern seit den 1960er Jahren auch als ein Lieblingsmedium der Konzeptkünstler. Gerade in diesen Arbeitsfeldern scheint die freie Kunst einen Gebrauchswert anzubieten, der zugleich das Verständnis von angewandter Kunst erweitern könnte! In dem unverzichtbaren Grenzbereich angewandter und freier Kunst durchdringen sich künstlerische und kunsthistorische, ästhetische und politische Fragen; hier werden Selbstreflexion und Institutionskritik betrieben und die Spielräume künstlerischer Gestaltung zwischen Auftragsarbeit und Selbstverwirklichung, zwischen Funktionserfüllung und Autonomieanspruch ausgetestet. Ein lebendiges Museum für angewandte Kunst sollte diese Entwicklungen befördern und in möglichst allen Bereichen dokumentieren.

2. Kunst stellt für Designer eine wichtige Inspirationsquelle dar: Wie sich an vielen Beispielen belegen lässt, etwa dem Einfluss des Konstruktivismus auf das Grafikdesign oder dem „Proust“-Sessel von Alessandro Mendini, dient sie gleichermaßen als Referenz und Ideenreservoir. Umgekehrt gilt das natürlich genauso für den Einfluss des Designs und des Kunstgewerbes auf die Kunst: Was wäre die Pop-Art ohne die Werbegrafik und die Designprodukte der Konsumkultur, was wären die Plastiken eines Jeff Koons ohne ihren Bezug auf kunstgewerblichen Kitsch und das Design unserer Alltagswelt. Ein Museum für angewandte Kunst muss dieser gegenseitigen Beeinflussung Rechnung tragen und darf nicht darauf verzichten, freie Kunst in ihrer Vorbildfunktion für die Bereiche des Designs und der angewandten Kunst auszustellen, zu sammeln und in die Forschung mit einzubeziehen.

3. Auch freie Kunst kann „angewendet“ werden – etwa wenn ein autonomes Kunstwerk in einer Ausstellung kuratorisch re-kontextualisiert wird (z.B. ein historisches Gemälde oder eine Skulptur in der Einrichtung eines Period Room) oder wenn sie im Zuge einer ästhetischen Auseinandersetzung neu kontextualisiert wird (z.B. die Ensembles aus Möbeln, Instrumenten, Kuriositäten und Kunstwerken in den Ausstellungen Artempo und Infinito im Palazzo Fortuny, Venedig 2007 und 2009). Bei einem offenen Verständnis von „angewandter“ Kunst können Kunst und Design, künstlerische Artefakte und Gebrauchsgegenstände auf vielfältige Weise und auf Augenhöhe miteinander in Bezug gesetzt werden: Ich möchte mich also in diesem Museum für einen möglichst vielfältig angewandten Umgang auch mit freier Kunst aussprechen.

 

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