ARTIFICIAL TEARS – Keine Tränen mehr? Ein Beitrag anlässlich der Ausstellung ARTIFICIAL TEARS. Singularität & Menschsein – Eine Spekulation

Eingebettet in die diesjährige Ausgabe der VIENNA BIENNALE 2017: Roboter. Arbeit. Unsere Zukunft rückt die Ausstellung ARTIFICIAL TEARS nicht Maschinen und künstliche Intelligenz (KI), sondern grundlegende menschliche Eigenschaften und Emotionen in den Fokus. Anders als hochentwickelte KI geht es beispielsweise beim menschlichen Erinnern nicht um Quantität – was wichtig ist und was nicht, wird über die damit verknüpften Gefühle definiert. Das Vergessen ist keine menschliche Ineffizienz – im Gegenteil, es ist ein wichtiges Tool, um überhaupt mit komplexen oder belastenden Erlebnissen umgehen zu können. Experimentieren, Scheitern und daraus Lernen sind grundlegende menschliche Erlebensformen, aus denen neue Denkräume und Potenziale hervorgehen.

Ausstellungsansicht ARTIFICIAL TEARS. Singularität & Menschsein – Eine Spekulation, 2017

„Wenn künstliche Intelligenz, sensorische Maschinen und zuletzt die ‚technologische Singularität‘ jeden Bereich der menschlichen Existenz vereinnahmt haben, die Natur und das menschliche Leben simulieren, sich an alles erinnern, das jemals stattgefunden hat, alle Daten von jedem von uns speichern, abrufen und auswerten können – werden wir noch wissen, was es bedeutet, ‚lebendig‘ zu sein, zu lieben, zu lachen und zu weinen, wie ein Baum riecht, wie sich unsere Haut anfühlt oder wie Salzwasser schmeckt?“

Diese Frage stelle ich mir, den KünstlerInnen und den BesucherInnen in der Ausstellung ARTIFICIAL TEARS. Künstliche Tränen sind so faszinierend. Sie sind wie eine Prothese, die einen Mangel suggeriert, nämlich dass man nicht genug Tränen produziert. Man kann sie brauchen, wenn wir zu lange unsere Bildschirme und Smartphones anstarren und dabei unsere Augen austrocknen. Doch das Weinen kann uns niemand abnehmen: Wussten Sie, dass es drei verschiedene Arten von Tränen gibt? Die chemische Zusammensetzung menschlicher Tränen ändert sich, je nachdem, warum sie geweint werden. Emotionale Tränen enthalten mehr Proteine als basale (diese schützen unser Auge vor dem Austrocknen und versorgen es mit Nährstoffen). Reflextränen beinhalten außerdem natürliche schmerzstillende Opioide.

Zukunftsvisionen sind entweder Fortschreibungen einer zuletzt gültigen Geschichte oder Spekulationen. Und gerade deshalb ist die Ausstellung der Kunst verpflichtet: Spekulativ und individuell stellen 13 KünstlerInnen mit ihren Arbeiten ethische Überlegungen zur Zukunft der Menschheit in den Fokus, um gleichzeitig intellektuelle und emotionale Assoziationen zu stimulieren. Einige davon möchte ich in diesem Beitrag kurz vorstellen.

Körper und Bewusstsein – eine untrennbare Einheit? Menschliche Emotionen sind kulturell geprägt: Die Konzepte unserer Weltauffassung werden mit psychologischen Erfahrungen kombiniert, die jeder von uns auf der Grundlage unserer einzigartigen persönlichen Geschichte, Physiologie und Umwelt konstruiert. Es gibt keine kognitive Erinnerung, die nicht mit Gefühlen verknüpft ist. Jede Erfahrung, die mit intensiven Emotionen verbunden ist, wird vom Kurz- ins Langzeitgedächtnis übertragen und dort „gespeichert“. Auch Affekte (wie Angst, Scham, Ekel, Neugier, Trauer u. a.) sind mit bestimmten Objekten bzw. Situationen gekoppelt, die sie auslösen.

„Human Body is like a Factory“, chinesisches Gesundheitsplakat, um 1935
Courtesy of the National Library of Medicine

Das menschliche Gehirn nutzt unsere erlernten Konzepte, um die uns umgebende Welt zu „simulieren“ und die empfangenen Impulse entsprechend zu deuten. Das trifft auch auf jene chemischen Substanzen zu, die Gerüche und Geschmäcker erzeugen. Die Zuweisung der sensorischen Besonderheit zu einem bestimmten Gefühl ist konstruiert. Mentale Phänomene können als Kombination aus Vorhersage und sensorischer Information verstanden werden – dazu zählen auch Tagträume, Erinnerungen, Halluzinationen, der Placebo-Effekt, Meditation, Fantasien und optische Täuschungen.

Matt Mullican, Untitled (5 Worlds), 2013 (1987)
Ölkreide auf Leinwand
Courtesy of the artist and Massimo De Carlo, Milan/London/Hong Kong

Matt Mullican entwirft seit den frühen 1970er Jahren aus einer subjektiven Weltsicht erschaffene modellhafte Kosmologien. Er beschäftigt sich intensiv mit dem Phänomen der Wahrnehmung als unbewusster Prozess einer sinnlichen Rezeption von Realität. Zwischen einer persönlichen Weltbeziehung und den als universell geltenden Weltanschauungen unserer Zivilisation erforscht er das Verhältnis von Abbild und Bezeichnung und versucht – als Legastheniker – Sprache und Zeichen über ihren Code hinaus Bedeutung zu geben. Mullican experimentiert immer wieder mit bewusstseinserweiternden Substanzen und erforscht ihre Auswirkungen auf seine Wahrnehmung und Kreativität.

Mariechen Danz, Imprint Pressures, 2013
Gravierter Stein

Die Arbeiten der Künstlerin Mariechen Danz thematisieren den Menschen in seiner Verkörperung, gekoppelt an das menschliche Konzept von Wissen und die Doppelrolle des menschlichen Körpers als sich selbst erhaltendes, (re-)produzierendes System und als Gegenstand der wissenschaftlichen Reflexion zugleich. Das Gehirn als körperliches Zentrum des Wissens ist dabei ein wiederkehrendes Symbol.

Die Skulptur Imprint Pressures (2013) besteht aus Stein und trägt den reliefhaft eingepressten Abdruck einer menschlichen Hand – ein erstes Zeichen des Ausdrucks und der Identifikation des Menschen, von frühzeitlichen Höhlenmalereien bis zur Authentifizierung im Informationszeitalter.

In Zusammenarbeit mit Genghis Khan Fabrication Co. (Alvaro Guillen) entwickelte die Künstlerin eine neue Arbeit der Serie Modular Glyphic System (2013/2017), eine Installation aus quadratischen Aluminiumplatten, die modular kombiniert und räumlich zusammengesetzt werden können. Sie sind mit unterschiedlichen Zeichen, Piktogrammen und Zeichnungen bedruckt, wie beispielsweise dem menschlichen Verdauungsapparat (das „Bauchgefühl“), der Wirbelsäule („Rückgrat beweisen“) oder Elementen unseres Gehörsinns (wie Hammer, Amboss und Steigbügel im menschlichen Ohr), die wesentlich mit dem körperlichen Gleichgewicht zusammenhängen.

Wissen wird nicht allein über Gehirn und Bewusstsein vermittelt, das körperliche Erfahren von Raum, Temperatur oder Oberflächen trägt dazu ebenso sehr bei.

 

Mit bedruckten Kuhfellen verweist die Serie Shamanistic Travel Equipment/Coats von Sarah Ancelle Schönfeld auf schamanistische Praktiken des Reisens in andere Welten. Der Mantel des Schamanen ist ein grundlegendes Werkzeug für die Reise, die eine Begegnung mit anderen Bewusstseinszuständen, Entitäten, Realitäten und Regeln ermöglicht. Der ins Universum reisende Mensch der heutigen Zeit wiederum hat seine helfenden unentbehrlichen Technologien bei sich, um diesen radikal anderen Bedingungen körperlich zu begegnen.

Die Künstlerin kombiniert Mythen und Weltmodelle indigener Kulturen und deren Kosmologien mit Referenzen an heutige Technologien, Raumfahrt und Werke der Science-Fiction. Schönfeld bezieht sich dabei auf den brasilianischen Theoretiker und Anthropologen Eduardo Viveiros de Castro, der Schamanismus als „kosmische Diplomatie“ bezeichnet und konstatiert, dass die Beziehung zwischen Natur und Kultur neu überdacht werden muss.

„Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“
Arthur C. Clarke

Dora Budor, Our Children Will Have Yellow Eyes, 2015
Im Film verwendete Miniatur-Wohncontainer aus Johnny Mnemonic (1995); Innengerüst aus Stahl, Epoxy-Ton, erkrankte Silikonprothetik, Acrylpolymer mit schwebendem Farbstoff, SFX und verwitternde
Farbe, verschiedene Metallteile
Courtesy of the artist und einer Privatsammlung, Wien

Im Science-Fiction-Film summieren sich Kulisse, Requisiten, Prothesen, Special Effects und künstliche Tränen zu einem magischen Moment zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Doch die Gefühle des Publikums sind in jedem Fall real.

In Erwartung der von dem amerikanischen Futuristen Ray Kurzweil prophezeiten „Singularität“, die durch das exponentielle Wachstum von Technologie und durch selbstlernende, superintelligente maschinelle Schnittstellen herbeigeführt wird, rücken die kühnsten und schrecklichsten Visionen der Science-Fiction in den Fokus ernst zu nehmender wissenschaftlicher Überlegungen.

Mit der Erweiterung bzw. „Optimierung“ des menschlichen Organismus durch tragbare oder implantierte Computertechnologie, Nanotechnologie, gedächtniserweiternde Drogen („Nootropics“) oder der Vision der Kryokonservierung (dem Einfrieren hochentwickelter Lebewesen) müssen gängige Vorstellungen und Lebensentwürfe völlig neu definiert werden – von Geschäftsmodellen bis zum menschlichen Lebenskreislauf, einschließlich des Todesbegriffs.

Die Künstlerin Aleksandra Domanović betrachtet die Geschichte und Entwicklung von Technologie aus einer genderbewussten Perspektive. Für ihre Installation Things to Come (2014) bilden Requisiten aus Science-Fiction-Filmen das Ausgangsmaterial für illustrative Darstellungen, die symbolhaft für die weiblichen Filmcharaktere stehen und ihre Rollen mitdefinieren: Der Mantel der Replikantin Zhora aus Blade Runner (1982); Officer Ellen Ripleys „Power Loader“ aus Alien (1979); Tachikomas aus Ghost in the Shell (1995), ein MedPod aus Prometheus (2012) oder Joshua, der Rollstuhl-Roboter aus Demon Seed (1977). Die menschliche Figur ist ausgelöscht, ein Nachleben haben nur die technologischen Tools.

Die großformatigen, skulptural anmutenden Drucke auf transparenten Folien nehmen unmittelbar Bezug auf die Zelluloid-Folien, die zum Zeichnen von Animationsfilmen verwendet werden. Domanović spricht damit einen weiteren Aspekt der Rolle von Frauen im Kontext von Filmproduktion an: Während die kreative Arbeit, das Entwerfen und Zeichnen der Figuren in den amerikanischen Animationsstudios ausschließlich Männern vorbehalten war, war das repetitive Ausmalen von Umrissen und Hintergründen Frauenarbeit.

 

Einen eindeutigen Bezug zur Science-Fiction hat auch die Arbeit der Künstlerin Dora Budor, die ihre Skulpturen und Installationen aus tatsächlichen materiellen Relikten aus Hollywood-Produktionen entwickelt: Für ihre Arbeiten One Million Years of Feeling Nothing und Our Children Will Have Yellow Eyes (beide 2015) verwendete sie Prothesen oder architektonische Miniaturen, die On-Screen durch Materialimitation, künstliche Verwitterung oder Perspektive im Film real wirken, wie Miniatur-Wohncontainer aus den Filmen Das fünfte Element (1997) und Johnny Mnemonic (1995).

Im Vordergrund:
Clemens von Wedemeyer, A Recovered Bone, 2015
3-D-Druck in Sand, Podest, Lichtstrahler, Video (Farbe, ohne Ton); Dimensionen variabel
Courtesy of the artist and KOW, Berlin
Im Hintergrund:
Dora Budor, One Million Years of Feeling Nothing, 2015
Im Film verwendete Miniaturgaragen aus Das fünfte Element (1997); Innengerüst aus Stahl, Epoxy-Ton, erkrankte Latexprothetik, Acrylpolymer mit schwebendem Farbstoff, SFX und verwitternde Farbe, verschiedene Metallteile
Courtesy of the artist und einer Privatsammlung, Zürich

Clemens von Wedemeyer zitiert für seine Installation A Recovered Bone (2015) aus einem der vielleicht bekanntesten Science-Fiction-Filme: Arthur C. Clarkes und Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum (1968). Der Künstler bezieht sich dabei konkret auf eine Szene des Films, in der ein Hominide einen Knochen als Werkzeug und Waffe verwendet – die erste aus sich selbst gewonnene „Technologie“ der Menschheit. In einer Geste des Triumphs in die Luft geschleudert, transformiert sich der Knochen im Flug zu einem Satelliten. Die Form des Knochens wurde vom Künstler mit 3-D-Modeling rekonstruiert und mit Sand 3-D-gedruckt – ein artifizielles Zeugnis fiktiver Ereignisse.

Ein Beitrag von Marlies Wirth, Kuratorin Digitale Kultur und Kustodin Sammlung Design, MAK; Kuratorin der Ausstellung ARTIFICIAL TEARS. Singularität & Menschsein – Eine Spekulation.

Sofern nicht anderes angegeben, alle Fotos © MAK/Aslan Kudrnofsky

ARTIFICIAL TEARS. Singularität & Menschsein – Eine Spekulation.
bis 1. Oktober 2017
MAK-Ausstellungshalle
www.viennabiennale.org

KünstlerInnen:
Jean-Marie Appriou, Dora Budor, Mariechen Danz, Aleksandra Domanović, Cécile B. Evans, Genghis Khan Fabrication Co., Daiga Grantina, Matt Mullican, Sean Raspet, Sarah Ancelle Schönfeld, Jeremy Shaw, Kiki Smith, Clemens von Wedemeyer

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