Interdisziplinarität nachgefragt #3

Die VIENNA BIENNALE – noch bis 4. Oktober zu besuchen – ist die erste Biennale, die Kunst, Design und Architektur verbindet. Interdisziplinarität bedeutet dabei in erster Linie Anstoß zur Reflexion: Welche Begriffe sind charakteristisch für die jeweils anderen Disziplinen? Denken KünstlerInnen anders als DesignerInnen, wer spricht in welcher Form über deren Problemlösungen, Formfindung und Arbeitsweise?

Marlies Wirth, MAK-Kuratorin, hat für unseren Blog einige Fragen beantwortet.

Liebe Marlies, was wolltest du der Designbranche schon immer mitteilen?
Ohne Gestaltung bricht die Welt zusammen! Aber das wissen die ja.

Wer ist dein Lieblingsdesigner oder deine Lieblingsdesignerin der Gegenwart?

Ich mag die Arbeiten von Marco Dessí (* 1976, Meran, Italien, www.marcodessi.com) und Patrick Rampelotto (* 1978 in Sterzing, Italien, www.patrickrampelotto.com), zwei junge, befreundete und auf wundervolle Weise sehr unterschiedliche Designer, die ihre Studios in Wien haben. Ich finde es spannend, ihren kreativen Prozess und die Entwicklung neuer Projekte zu beobachten und zu verfolgen. Sie können sich schon mal eine Stunde lang über die Verbindung eines Stuhlbeins mit der Sitzfläche unterhalten oder den perfekten Winkel, das richtige Licht – durch die Details lernt man viel über die grundlegenden Fragen: Was muss Design „können“, was funktioniert, was nicht.

Welches Designobjekt funktioniert für dich nicht?
Es ärgert mich tatsächlich, wenn Details nicht zu Ende gedacht sind, zum Beispiel die Abnutzung von Material, oder wenn Proportionen nicht stimmen …

Kannst du uns eine Ausstellung oder ein Buch zum Thema Design empfehlen?

Letztes Jahr habe ich zusammen mit dem Berliner Architekten Wilfried Kuehn an der großen HOLLEIN-Ausstellung im MAK gearbeitet. Dabei hat uns u. a. Hans Holleins Ausstellungsprojekt MANtransFORMS fasziniert, das er 1976 zur Eröffnung des Cooper-Hewitt National Museum of Design in New York entwickelt hat. Darin wird Design als Transformationsprozess analysiert: Im Zentrum steht der Mensch mit seinen Bedürfnissen (wie Zusammenleben, Essen, Kleidung etc.), unter seiner Hand wird Materie in Gegenstände verwandelt. So kann beispielsweise anhand von einem Stück Stoff der Designprozess bis zur Entwicklung komplexer zivilisatorischer Errungenschaften abgeleitet werden. Vom Schutz des Körpers (Kleidung, Grabtuch) über Architektur (Stoff, als Zelt gespannt) bis hin zu nationaler Identität (Flagge), Energiegewinnung und Mobilität (Windmühle, Segel). Diese Haltung ist für mich ein grundlegendes Thema im Bereich Design. Der originale Ausstellungskatalog dazu ist wie ein Künstlerbuch gestaltet und ebenso visionär wie aktuell (leider ist er bereits vergriffen, aber in vielen Bibliotheken vorhanden, auch im MAK)! Der kurz darauf erschienene Katalog über das Ausstellungskonzept von MANtransFORMS ist ebenso spannend und immer noch erhältlich.

Marlies Wirth kuratierte aktuell die Gruppenausstellung 24/7 the human condition im Rahmen der VIENNA BIENNALE 2015 am MAK.

Ein Beitrag von Noëmi Leemann in Zusammenarbeit mit Sara Alavi Kia für die Abteilung Neue Lernkonzepte.

Fotos © Marlies Wirth

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