Interdisziplinarität nachgefragt #1

Die VIENNA BIENNALE – noch bis 4. Oktober zu besuchen – ist die erste Biennale, die Kunst, Design und Architektur verbindet. Interdisziplinarität bedeutet dabei in erster Linie Anstoß zur Reflexion: Welche Begriffe sind charakteristisch für die jeweils anderen Disziplinen? Denken KünstlerInnen anders als DesignerInnen, wer spricht in welcher Form über deren Problemlösungen, Formfindung und Arbeitsweise?

Doris Rothauer, Mitglied des Vienna Biennale Circle (VBC), haben wir einige Fragen zur Disziplin der bildenden Kunst gestellt.

Liebe Frau Rothauer, was wollten Sie der Disziplin der bildenden Kunst schon immer mitteilen?
Ich habe eine hohe Wertschätzung allen Künstlerinnen und Künstlern gegenüber, nicht nur für das, was sie schaffen, für ihre Kunst, sondern für ihre Entscheidung, so zu arbeiten und zu leben, wie sie es tun. Für ihre Kreativität, ihre ungewöhnlichen Denk- und Handlungsweisen, die enorm viel Mut, Offenheit, klare Werte und Haltungen erfordern. Davon könnte unsere Gesellschaft mehr brauchen, um den gegenwärtigen Herausforderungen im Gesellschaftswandel gewachsen zu sein und ein neues Denken und Handeln auch außerhalb der Kunst zu entwickeln.

Wer ist Ihr Lieblingskünstler oder Ihre Lieblingskünstlerin der Gegenwart?
Eine von vielen Positionen, die ich sehr schätze, ist Andrea Zittel, weil sie sich unglaublich mutig und konsequent mit den ganz grundsätzlichen Fragen, warum wir leben, wie wir leben, auseinandersetzt und uns damit aufzeigt, welche Perspektiven wir haben, wenn wir gewohnte Pfade verlassen.

Welche Bilder hängen bei Ihnen zu Hause?
Ich habe vor allem Arbeiten von Künstlern und Künstlerinnen, mit denen ich gearbeitet habe und zu denen ich daher einen persönlichen Zugang habe, zum Beispiel Erwin Wurm, Brigitte Kowanz, Otto Zitko oder Lawrence Weiner. Und dann gibt es zwischen all den Werken von befreundeten Kunstschaffenden eine Fotoarbeit von Wolfgang Tillmans – Tulips –, die ich vor vielen Jahren als junge Frau in einer New Yorker Galerie gekauft habe. Ich war damals als anonyme Besucherin in der Ausstellung, habe mich sofort in diese Arbeit verliebt und sie einfach vom Fleck weg gekauft. Das wäre mir heute nicht mehr möglich.

Können Sie uns eine Ausstellung oder ein Buch zum Thema bildende Kunst empfehlen?
So wie es nicht die eine Position gibt, gibt es auch nicht die eine Ausstellung oder das eine Buch. Was ich empfehlen kann, ist so viel wie möglich zu sehen, zu lesen. Nicht alles wird begeistern, aber vieles wird zum Nachdenken anregen. Und darum geht es in der Auseinandersetzung mit Kunst: seinen eigenen Horizont ständig zu erweitern.

Doris Rothauer ist Mitglied des Vienna Biennale Circle (VBC). In der Vorbereitung der VIENNA BIENNALE hatte der VBC zwei wesentliche Aufgaben: zum einen die Projekte der Biennale-KuratorInnen interdisziplinär zu erörtern und dazu Impulse einzubringen, zum anderen vor dem Hintergrund der Biennale-Projekte ein Ausstellungsmanifest zu erarbeiten. Doris Rothauer ist Geschäftsführerin des Büro für Transfer, das mit Strategieberatung und Projektentwicklung an der Schnittstelle von Kunst, Kreativität, Wirtschaft und Gesellschaft agiert.

Ein Beitrag von Noëmi Leemann in Zusammenarbeit mit Sara Alavi Kia für die Abteilung Neue Lernkonzepte.

Foto © MAK/Georg Mayer

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