MASKE, SYMBOL, RITUAL. Zum „Fundamentalismus“ der Architektur von Raimund Abraham

Ein Vortrag von Matthias Boeckl

Raimund Abraham: Austrian Cultural Forum (ACF), New York, 1993-2002 © David Plakke

Vor zehn Jahren wurde in New York der aufsehenerregende Neubau des Austrian Cultural Forum eröffnet. Von Architekten, US-Medien und der internationalen Fachpresse wurde vor allem die Kompromisslosigkeit der ästhetischen Haltung gewürdigt, in welcher der austro-amerikanische Architekt Raimund Abraham (Lienz 1933 – 2010 Los Angeles) über dem extrem schmalen Bauplatz in Midtown Manhattan ein schlankes Hochhaus aus symbolisch aufgeladenen Formen errichtete. Dieser Bau zählt zu den unumstrittenen architektonischen Landmarks der Stadt. Anlässlich des zehnten Jahrestages der Eröffnung präsentiert der Vortrag von Matthias Boeckl einen Rückblick auf die spannende Entstehungsgeschichte des berühmten Hauses.

Matthias Boeckl ist Professor für Geschichte und Theorie der Architektur an der Universität für angewandte Kunst Wien.
Der Vortrag findet im Rahmen von
ERSCHAUTE BAUTEN. Architektur im Spiegel zeitgenössischer Kunstfotografie
statt.
Dienstag, 17. April 2012, 20 Uhr
MAK-Vortragssaal

Tipp:
Bereits um 19 Uhr eröffnet die Ausstellung  … ALLER GATTUNGEN MÖBEL.
Entwurfszeichnungen der Danhauserschen Möbelfabrik
im MAK-Kunstblättersaal

Symmetrien, Formadditionen, symbolische Maskenformen und technoide Materialien prägen das markante Erscheinungsbild des Austrian Cultural Forum. Diese Elemente stehen für ein Architekturverständnis, das nicht in mechanisch-funktionalen Aspekten denkt, sondern in den ursprünglichsten, magisch-ästhetischen Kategorien des Bauens. Abrahams Haltung wurzelt in der Architekturdebatte der 1950er und 1960er Jahre und ihrer massiven Funktionalismuskritik. Junge Architekten wie Hans Hollein, Walter Pichler und Raimund Abraham begeisterten sich für prähistorische Sakralbauten als purifizierte Manifestation spiritueller Kräfte und für die „elementare“ Architektur Jahrtausende alter Bautechniken in entlegenen Bergregionen. Ähnliche Theorien, die der spätmodernen westlichen Bauproduktion sehr kritisch gegenüberstanden, verfolgten um 1960 auch die international bekannten Architekturdenker Edoardo Gellner (Alte Bauernhäuser in den Dolomiten), Bernard Rudofsky (Architecture without Architects), Roland Rainer (Anonymes Bauen Nordburgenland) und Günther Feuerstein (Archetypen der Architektur), die allesamt aus Österreich stammen.

Raimund Abraham bereiste gemeinsam mit dem Fotografen Josef Dapra Tiroler und Schweizer Alpentäler, um dort älteste Bautechniken zu dokumentieren, 1963 erschien ihr Buch Elementare Architektur. In einigen seiner kaum bekannten frühen Bauten (z.B. Haus Dellacher, Oberwart, Burgenland) konnte Abraham seine darauf aufbauende elementaristische Architekturtheorie in die Praxis umsetzen. In den darauf folgenden Jahrzehnten, die vorwiegend der Lehre an renommierten US-Architekturschulen gewidmet waren, konzentrierte sich Abraham auf seine berühmten Architekturzeichnungen, die emotionale und spirituelle Inhalte des Bauens thematisieren und in ihrer Perfektion zu den Inkunabeln der Postmoderne zählen. Erst der spektakuläre Sieg im international offenen Architekturwettbewerb für das Austrian Cultural Forum gab ihm Gelegenheit, seine Deutung des Bauens als spirituelle Manifestation just im Zentrum der globalen Kunstdebatte als dauerhafte Erinnerung an die kulturelle Herkunft des Menschen zu präsentieren. Die Wettbewerbsjury – dominiert von den berühmten Architekten der New York Five – erkannte in einer seltenen historischen Glückskonstellation diese Botschaft des gemeinsam mit über 200 Beiträgen anonym eingereichten Projekts. Wirkung und Betrieb des Hauses beweisen seither, dass diese Botschaft unverfälscht ihre Adressaten erreicht und dass diese Inhalte – zufällig oder nicht – von einer europäischen Nation mit akzentuiert kulturellem Selbstverständnis getragen werden.

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