Post-Couture Collective – tragbare Zukunftsentwürfe?

Ein Interview mit Martijn van Strien (Gründer des Post-Couture Collective) über Design, Produktion, Konsum, die Zukunft von Mode und sein gemeinsames Projekt mit dem Wiener Label meshit im Rahmen der VIENNA BIENNALE 2017.

 

Mit den Kleidern, die Sie mit dem Open-Source-Projekt Post-Couture Collective kreieren, versuchen Sie, den sich rapide verändernden Mechanismen der heutigen Modeindustrie zu entkommen. Warum, denken Sie, ist es so wichtig, die vorherrschenden Verhaltensmuster von Konsum und Produktion zu hinterfragen, und wie sieht Ihre alternative Herangehensweise an Mode aus?

Eines der größten Probleme, die ich mit den vorherrschenden Verhaltensmustern habe, ist die Menge an Produkten, die wir herstellen, aber wahrscheinlich nie benutzen können. Von all der Kleidung, die serienmäßig in Asien produziert und in Geschäfte auf der ganzen Welt verschickt wird, werden ungefähr 30 Prozent gar nicht verkauft und deshalb am Ende jeder Saison weggeworfen. Bei der Alternative, die wir vorschlagen, handelt es sich um Produktion auf Nachfrage. Anstatt Zehntausende exakt gleiche Kleidungsstücke auf der anderen Seite unseres Planeten in Masse herzustellen, wollen wir eine lokale Produktion, die nur dann erfolgt, wenn Kleidung wirklich benötigt wird. Moderne Technologien machen das möglich und haben zusätzlich den Vorteil, dass wir zum Beispiel all unsere Stücke nach Maß fertigen können. Weil wir die Kunden am Produktionsprozess teilhaben lassen, können sie die Entwürfe auch so modifizieren, dass dabei sogar bessere und persönlichere Kleidungsstücke entstehen. Durch diese Herangehensweise werden unsere Produkte dann hoffentlich stärker wertgeschätzt als massenproduzierte Waren und in weiterer Folge besser gepflegt, und dadurch halten sie auch viel länger.

StadtFabrik: Demonstratoren in der Stadt
Martijn van Strien im Post-Couture Maker-Shop in Kooperation mit meshit, VIENNA BIENNALE 2017
© eSeL.at – Lorenz Seidler

Welche Gründe waren für Sie ausschlaggebend, recyceltes PET als Material für Ihre Post-Couture Collective-Linie zu verwenden, und sind diese Textilien auch hautfreundlich?

Ich glaube wirklich, dass ständiges Recyceln (halb-)synthetischer Materialien langfristig nachhaltiger ist, als wenn man natürliche Materialien immer wieder nachwachsen lässt. Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass überall auf der Welt und zu jeder Zeit recycelt werden kann, im Gegensatz zum Anbau von Baumwolle zum Beispiel, der nur in bestimmten Teilen der Welt möglich ist. Alle Materialien, die wir verwenden, so etwa recyceltes Polyester, aber auch gewalkte Wolle, sind atmungsaktiv und hautfreundlich. In puncto Recycelbarkeit ist es auch hilfreich, dass bei unseren Schnitten keinerlei zusätzliche Materialien wie Nähgarn, Reißverschlüsse oder Knöpfe vorgesehen sind, die das Recyceln erschweren – indem wir auf sie verzichten, wird unsere Kleidung zu 100 Prozent wiederverwertbar.

Martijn van Strien – Post-Couture Collective, One / Off Collection, 2016
© Martijn van Strien – Post-Couture Collective/Foto: Marinka Grondel

Einer der Entwürfe aus Ihrer One / Off Collection wird derzeit in der Ausstellung StadtFabrik: Neue Arbeit. Neues Design., die Teil der VIENNA BIENNALE 2017: Roboter. Arbeit. Unsere Zukunft ist, präsentiert. Zwei weitere Designs, die zusammen mit dem österreichischen Label meshit entworfen wurden, werden vom 15. bis zum 24. September 2017 im QWSTION Store in Wien on-demand erhältlich sein. Mit diesem Pop-up zählen Sie auch zu den Demonstratoren in der Stadt im Rahmen des StadtFabrik-Kooperationsprojekts der Wirtschaftsagentur Wien mit ihrem Kreativzentrum departure und des MAK. Bitte schildern Sie uns, inwiefern sich diese neue Post-Couture Vienna-Kollektion von dem unterscheidet, was gegenwärtig im MAK zu sehen ist.

Zusammen mit meshit haben wir zwei neue Entwürfe entwickelt, eine Jacke und eine Tasche, die beide mittels einer Auswahl an verschiedenen Taschenausführungen individuell gestaltet werden können. Das T-Shirt, das im MAK ausgestellt ist, stammt aus der ersten Kollektion, die entwickelt wurde, um das erste Konstruktionskonzept zu testen. Mit jeder Kollektion entwickeln wir diese Technologie ein klein wenig weiter und fordern uns selbst und die Designer, mit denen wir zusammenarbeiten, heraus, um die „normale“ Alltagskleidung Schritt für Schritt tragbarer zu machen. Wir glauben, dass diese Jacke und diese Tasche dem schon ganz nahe kommen, weil wir ein wirklich schönes Material aus gewalkter Wolle verwendet haben und die Verbindungen so fest sind, dass das Kleidungsstück zusammenhält, egal wie es zum Einsatz kommt. Beide Stücke heben sich auch ästhetisch von unserer ersten Kollektion ab, weil es den Designerinnen von meshit gelungen ist, ihren Stil so umzusetzen, dass er sich gut mit unserer Technologie vereinbaren lässt.

THE POST-COUTURE COLLECTIVE, Lasercutter (Detail), 2016
© Olya Oleinic

 

Ein Beitrag von Lara Steinhäußer für die Abteilung MAK-Presse und PR