Wien 1900: Zwischen Alt und Neu


Mit der am 20. November neu konzipierten Schausammlung Wien 1900 richtet das MAK den Blick auf eine der spannendsten Entwicklungsphasen dieser Stadt. Mit mehr als zwei Millionen EinwohnerInnen trat Wien damals in Konkurrenz zu den europäischen Metropolen Berlin, London und Paris und entwickelte sich zum kulturellen Zentrum Mitteleuropas.

Gleichzeitig stand die Stadt vor gewaltigen politischen und sozialen Herausforderungen. Zehntausende von ZuwandererInnen drängten nach Wien und ließen sich meist außerhalb des Linienwalls nieder, der als Steuerschranke die Stadt von den Vororten trennte. An ihren Toren wurde seit 1829 die Verzehrungssteuer für Lebensmittel eingehoben, die für die Stadt bestimmt waren. Wer wenig Geld zur Verfügung hatte, lebte in den Vorstädten, wie die Arbeiterfamilien, die meist in kleinen Wohnungen riesiger Wohnblöcke Unterschlupf fanden. Diese wurden rasch zu Elendsvierteln, denn Kindersterblichkeit und Tuberkulose (die „Wiener Krankheit“) hatten in den „hoffnungslos überbelegten Zinskasernen“ freie Bahn, wie Günter Düriegl in seinem Beitrag für den Katalog der Ausstellung Traum und Wirklichkeit – Wien 1870–1930 (1985) schildert.

Die Abschaffung der Verzehrungssteuer 1889 und das vom Kaiser 1890 unterzeichnete Gesetz zur Eingemeindung der Vororte bildeten den legistischen Rahmen für einen Wachstumssprung, der die Fläche der Stadt auf einen Schlag verdreifachte und einen rasanten Anstieg der Bevölkerungszahl verursachte.
Aber nicht nur Bauern und Bäuerinnen oder ArbeiterInnen zog es nach Wien. Die Stadt entwickelte sich auch in künstlerischer und wissenschaftlicher Hinsicht zu einem europäischen Mittelpunkt und lockte MalerInnen, SchriftstellerInnen, MusikerInnen, ArchitektInnen u. a. an. Diese sorgten im Spannungsfeld einer untergehenden Epoche und dem Beginn der Moderne für einen Aufschwung, der auf uns im Rückblick große Faszination ausübt.

Foto: © MAK; Josef Hoffmann, Foto: © MAK; MAK, Foto: © MAK

Die Komplexität der Stadt erinnert ein wenig an unsere heutige Situation. Jean-François Lyotard erkennt im Wien um 1900 Prozesse, die erst hundert Jahre später ihre volle Wirkung entfaltet haben. Im Postmodernen Wissen spricht er von der „hybriden Kultur“ der Stadt und einem komplexen kulturellen System, das ganz Zentraleuropa überzieht. Wer sich mit der Geschichte Wiens an der Schnittstelle von 19. und 20. Jahrhundert beschäftigt, blickt also nicht nur einfach zurück in die Vergangenheit, sondern sieht sich mit Entwicklungen konfrontiert, die uns heute – aber auch zukünftig – beschäftigen.

Diese Verbindungen möchte auch die neu konzipierte Schausammlung Wien 1900 sichtbar machen und wagt ein kuratorisches Experiment in der Beschäftigung mit dem Wiener Kunstgewerbe von 1890 bis 1938. Auf die inhaltlich-kuratorische Neugestaltung Wien 1900 von Christian Witt-Dörring in einer temporären Präsentation reagiert die amerikanische Künstlerin Pae White später mit einer künstlerischen Intervention, die erstere durch einen neuen Aspekt ergänzen wird.

Mit der Neugestaltung dieses für das Haus zentralen Museumsbereichs rückt das MAK das Thema Wien um 1900 in den Mittelpunkt seiner Aktivitäten und beleuchtet damit wohl eines der interessantesten Kapitel dieser Stadt. Das Blog folgt dieser Vorgabe und wird möglichst viele Facetten dieser Entwicklung beleuchten.

MAK inside: Die Welt von gestern, heute im MAK: “WIEN 1900″


„Es kann unmöglich genügen, wenn wir Bilder, u. wären sie auch noch so herrlich, erwerben. So lange nicht unsere Städte, unsere Häuser, unsere Räume, unsere Schränke, unsere Geräte, unsere Kleider und unser Schmuck, so lange nicht unsere Sprache und unsere Gefühle in schlichter, einfacher und schöner Art den Geist unserer eigenen Zeit versinnbildlichen, sind wir unendlich weit gegen unsere Vorfahren zurück und keine Lüge kann uns über alle diese Schwächen täuschen.“

Josef Hoffmann / Koloman Moser / Fritz Waerndorfer: Arbeitsprogramm der Wiener Werkstätte, 1905


“WIEN 1900. Wiener Kunstgewerbe 1890–1938“

Was macht die Faszination Wiens um 1900 aus? Die multikulturelle sowie traditionsreiche Vielfältigkeit der Monarchie um 1900 bildete mit all ihren Gegensätzen und Widersprüchen den Nährboden für eine kulturelle Blüte.

Am 20. November werden daher im MAK drei grundlegend neu konzipierte Schauräume eröffnet, die der Entwicklung des Wiener Kunstgewerbes zwischen 1890 und 1938 gewidmet sind. Gegliedert in drei Kapitel, begibt sich die Neuaufstellung, eingebettet in einen breiten zeitlichen Rahmen, auf eine historische Suche nach einem modernen Wiener Stil.

In einer ersten von Michael Embacher gestalteten Phase wird das von Christian Witt-Dörring in Zusammenarbeit mit den KustodInnen des MAK erarbeitete inhaltliche Gesamtkonzept anhand ausgewählter, bisher kaum der Öffentlichkeit bekannter Objekte vorgestellt. Angelehnt an die bisherige Praxis des MAK, der Gestaltung seiner Säle ein künstlerisches Gesamtkonzept zu Grunde zu legen, wurde die Künstlerin Pae White (Los Angeles) mit dem Entwurf einer künstlerischen Intervention für die zweite abschließende Phase betraut. Sie wird auf Basis dieser temporären Präsentation und Objektauswahl im Mai 2013 eröffnet.

Gustav Klimt, Entwurfszeichnung Erfüllung, 1911, © MAK/Georg Mayer; Rosa Krenn, Zierschrank, Wien, 1912, Ausführung: Karl Adolf Franz (Marketerie), Florian Hrabal (Tischlerarbeit), © Gerald Zugmann/MAK; Koloman Moser, Paravant, Wien, 1906, Ausführung: Wiener Werkstätte; © MAK/Georg Mayer

Highlights der Ausstellung: Klimt, Hoffmann, Loos, Moser, Wagner

Zu den Highlights der Ausstellung zählen die neun Entwurfszeichnungen Gustav Klimts, die er für das zwischen 1905 und 1910 entworfene Fries für die Speisehalle des Palais Stoclet anfertigte. Im Kontrast dazu steht die einfache und reduzierte Formensprache der Werke Josef Hoffmanns und Koloman Mosers, der Begründer der Wiener Werkstätte. Bestandteil der umfangreichen MAK-Sammlung sind unter anderem verschiedene Metall-, Glas- und Textil-Objekte der Wiener Werkstätte, die in den Schauräumen in Szene gesetzt werden. Otto Wagners „Geschirrschrank“, das erste „moderne“ Wiener Möbel, den er 1899 für seine eigene Wohnung entworfen hat, sowie ein von Adolf Loos gestaltetes und nachgebautes Zimmer sind weitere Besonderheiten der Ausstellung.

Wir freuen uns schon sehr darauf, diese einzigartigen Objekte der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Um die Wartezeit zu verkürzen, möchten wir euch schon vorab einen exklusiven Einblick in die Aufbauarbeiten der Ausstellung geben.

Wir freuen uns auf Euren Besuch!

Mehr Infos zur Ausstellung und dem Führungsprogramm gibt es hier

© Sabrina Handler

Ein erster Blick in den Ausstellungsraum …

© Sabrina Handler

Kurator Christian Witt-Dörring:

„Am momentanen Prozess ist es äußerst spannend zu sehen, wie die am Papier erarbeiteten konzeptuellen Ideen sich im Raum realisieren und dementsprechend punktuell adaptiert werden müssen.“

© Sabrina Handler

Ausstellungsarchitekt Itai Margula vom Büro Embacher/Wien mit Projektkoordinatorin Sabrina Handler

Sabrina Handler:

„WIEN 1900 ist für mich deshalb ein besonderes Projekt, da ich erstmals mit beinahe allen MAK-KustodInnen gleichzeitig an einer Neupräsentation der Schausammlung zusammenarbeite. Momentan scheint alles wie ein Puzzle. Allmählich fügen sich die einzelnen Elemente zu einem schönen Gesamtbild!“

© Sabrina Handler

Elisabeth Schmuttermeier, Kustodin MAK-Sammlung Metall und Wiener-Werkstätte-Archiv

© Sabrina Handler

Hier werden ab 20. November die Entwurfszeichnungen Gustav Klimts zu sehen sein.