Die Geschichte des Porzellan-Sammelns. Ein Beitrag rund um die MAK-Ausstellung 300 JAHRE WIENER PORZELLANMANUFAKTUR

Bereits seit drei Jahrhunderten lassen die Erzeugnisse der Wiener Porzellanmanufaktur Sammlerherzen höherschlagen. Das Wiener Porzellan durchlief einen beeindruckenden Weg, von der höfischen oder fürstlichen Tafel in die bürgerliche sowie institutionelle Schauvitrine – und damit vom dekorativen Gebrauchsgegenstand zum gesuchten Sammlerstück bzw. musealen Schauobjekt.

Im frühen 18. Jahrhundert gelang es erstmals, das „weiße Gold“ in Europa herzustellen. So begannen die von der „Maladie de porcelaine“ – einer fast krankhaften Leidenschaft für Porzellan – befallenen, zumeist höfischen Sammler, sich nicht mehr ausschließlich asiatischen Importprodukten zu widmen, sondern sich auch für heimische Erzeugnisse zu begeistern.

Schon im Dezember 2017, wenige Monate vor der Eröffnung der Jubiläumsausstellung 300 JAHRE WIENER PORZELLANMANUFAKTUR (16. Mai – 23. September 2018) lud das MAK Annette Ahrens ein, ihre Publikation Sammlung Faltus. Wiener Porzellanfiguren des Rokoko zu präsentieren und Einblick in die historische Wiener Tafelkultur zu geben.

Die Jubiläumsausstellung selbst begeistert mit mehr als 1 400 Exponaten der Wiener Produktion. Sie war auch der Anlass für eine umfassende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte des Wiener Porzellans, nachzulesen in Beiträgen namhafter ExpertInnen im umfassenden Ausstellungskatalog 300 Jahre Wiener Porzellanmanufaktur.

Pantherschale, Wien, um 1730
Ausführung: Manufaktur des Claudius Innocentius Du Paquier
© Joe Coscia Jr./MAK

Die Wiener Porzellanmanufaktur setzte immer wieder Maßstäbe und war auch eine der ersten, die neben chinesisch inspirierten Objekten auch nach europäischem Geschmack modellierte und bunt bemalte Tischdekorationen aus Porzellan produzierte. Als Tafeldekorationen und Tischaufsätze ersetzten sie die zuvor modischen Figuren aus Zucker oder Tragant. Ihrer Haltung zur Wiener Produktion verlieh Kaiserin Maria Theresia 1761 mit einer Resolution Nachdruck, die besagte, dass bei den hohen Kosten für die Tafeldekoration gespart werden und die Zuckerdekoration somit ersetzt werden müsse: „All diese Aufbutz mit Zucker, und Zieraten kann nicht leiden, habe schon offt dagegen geredet, nichts als Porcelaine, und natürliche Blumen Jahr aus Jahr ein tägl. das nemliche, […]“ (zit. n. Hubert Chryspolitus Winkler).

Tafelaufsatz aus dem Stift Zwettl, Allegorie der Porzellanerzeugung mit den vier Kardinaltugenden,
Wien, vor 1769
Ausführung: Kaiserliche Porzellanmanufaktur Wien
Porzellan, glasiert
© MAK

Als Inbegriff des Prunks wurden in Adelskreisen um 1700 Porzellan-Kabinette modern. Das permanent in der MAK-Schausammlung Barock Rokoko Klassizismus ausgestellte Porzellanzimmer aus dem Brünner Palais Dubsky (1720–1735) ist ein besonderes Zeugnis dafür. Bei diesem Hauptwerk der Wiener Porzellanmanufaktur handelt es sich um eines der ersten Kabinette, die nicht mit asiatischem, sondern europäischem Porzellan ausstaffiert wurden. Die Ausstattung des Zimmers, das ursprünglich für das Lustschloss von Joseph Graf Czobor in Holitsch (Holíč, Slowakei) entstand, lässt sich bis ins Jahr 1724 zurückverfolgen. Basierend auf neuestem Material aus Archiven in Wien, Ungarn, der Slowakei und Tschechien rollen Rainald Franz und Michael Macek die Geschichte des Dubsky-Zimmers von den Anfängen bis zum Ankauf durch das k. k. Österreichische Museum für Kunst und Industrie (heute MAK) in ihrem Katalogbeitrag „Das Dubsky-Zimmer und das MAK. Ein aristokratisches Porzellanzimmer aus dem 18. Jahrhundert und seine Geschichte“ neu auf.

Dubsky-Zimmer, um 1740
MAK-Schausammlung Barock Rokoko, Klassizismus
© Joe Coscia, Jr./MAK

Aufgrund der Verschuldung ihres Gründers Claudius Innocentius du Paquier ging die Wiener Porzellanmanufaktur 1744 in kaiserlichen Besitz über. Der Wiener Hof war unter Kaiserin Maria Theresia jedoch kein Großabnehmer von Wiener Porzellan. Außer porzellanenen Desserttellern sah die höfische Etikette nur Silberservice auf den reichlich gedeckten Tafeln vor. Die benötigten Porzellanteller wurden vom Kaiserhaus aus dem Fabrikbestand geliehen und nur zu Bruch gegangene Stücke finanziell abgegolten. Da sich aus dieser Zeit keine Objekte erhalten haben, die nachweislich am Hof genutzt wurden, brennen passionierte Sammler des Alt-Wiener-Porzellans noch heute für die Frage, wie die bereits 1783 schriftlich erwähnten, frühen Kennzeichnungen höfischer Stücke ausgesehen haben könnten.

Das Kaiserhaus unterstützte sein Porzellan jedoch anderweitig. Um die heimische Porzellan-Wirtschaft anzukurbeln, erhöhte Maria Theresia 1749 die Einfuhrzölle auf asiatische Porzellane und Majolika auf 60 Prozent und wirkte so lenkend auf den damaligen Geschmack ein.

Solitär-Service aus der kaiserlichen Hofhaltung Maria Theresias, Wien, um 1778
Ausführung: Kaiserliche Porzellanmanufaktur Wien
Courtesy of Sammlung PSM
© MAK/Georg Mayer

Die gestalterischen Perioden der Manufaktur laufen nahezu synchron mit den Direktoren der Wiener Porzellanmanufaktur, wie Rainald Franz, Kustode MAK-Sammlung Glas und Keramik und Ausstellungskurator, in der Konzeption und den begleitenden Texten der aktuellen Ausstellung nachvollziehbar macht. 1784 wurde Conrad Sörgel von Sorgenthal Direktor der Manufaktur und läutete eine besonders fruchtbare Periode ein, in der nur künstlerisch bestens ausgebildete Porzellanmaler beschäftigt wurden. Sorgenthal gründete die Manufakturschule und schaffte damit eine direkte Verbindung zur kaiserlichen Akademie. Am Hof wurde unter Joseph II. mit der Tischdekoration jedoch zunehmend gespart. Auch mit den privaten Abnehmern konnte in dieser Zeit kein großes Geschäft gemacht werden. Mit dem Aufkommen des Klassizismus wandelte sich der Geschmack, und die nun vorherrschende Mode des weißen Biskuitporzellans zwang die Wiener Porzellanmanufaktur, ihre großen Restbestände an bunten Figuren günstiger zu verkaufen. So landeten erstmals zahlreiche dieser Figuren auch in den Vitrinen weniger betuchter Haushalte.

Antikisierende weibliche Figur, Wien, 3. Viertel 18. Jh.
Ausführung: Kaiserliche Porzellanmanufaktur Wien
Porzellanmaler: Christoph Dreischarf
© MAK/Nathan Murrell

Zur Zeit des Wiener Kongresses wurden zahlreiche Bestellungen für politische Geschenke in der Manufaktur getätigt. Ab 1816 gab es wenig Nachfrage seitens des Hofes – ausschließlich das 1818 in Auftrag gegebene Wellington-Service, aus dem zahlreiche Stücke aktuell im MAK zu sehen sind, kann als letztes großes Staatsgeschenk betrachtet werden.

Ab dem Spätbiedermeier wurde neben Hof und Adel auch das Bürgertum zunehmend zu Kunden der Manufaktur. Die aufkommende Massenproduktion der Industrialisierung machte es den handgefertigten Produkten jedoch zusehends schwerer, auf dem Markt zu bestehen. Die finanziellen Schwierigkeiten führten schließlich zur Auflösung der Manufaktur im Jahr 1864. Das MAK bewahrt seither den Nachlass – bestehend aus Skizzen, Musterbüchern etc. –auf. Besonders nach der Schließung der Manufaktur entstanden zahllose Fälschungen von Wiener Porzellan, die nur gut geschulte ExpertInnen identifizieren können. Verstärkt wurde das Interesse der Wiener Gesellschaft am Wiener Porzellan gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch eine Monografie zur „Geschichte der k.k. Wiener Porzellanfabrik“, die der damalige Direktor des Museums, Jacob von Falke, 1887 auflegte.

Tasse mit Untertasse Achat, Wien, um 1809
Ausführung: Kaiserliche Porzellanmanufaktur Wien
Courtesy of Sammlung APR
© MAK/Georg Mayer

Der regelrechte Boom des Sammelns von Wiener Porzellan um 1900 spiegelte sich auch in der großen Porzellanausstellung (1904) im MAK wider, erklärt Rainald Franz. Unter den Exponaten fanden sich Leihgaben von zahlreichen adeligen und großbürgerlichen SammlerInnen aus der Wiener High Society, wie beispielsweise aus der legendären Porzellansammlung Bloch-Bauer oder den privaten Sammlungen der Erzherzogin Marie Therese, des Fürsten Auersperg oder des Grafen Clam-Gallas.

Der Zeit vor und während des Zweiten Weltkrieges und der Rolle des Museums am Stubenring bei der Zerstörung des illustren, jüdischen Sammlerkreises Wiener Porzellans widmet sich der Katalogbeitrag „Die Wiener ,Porzellan-Szene‘“ des Provenienzforschers Leonhard Weidinger. Er beleuchtet nicht nur ein düsteres Kapitel in der Geschichte des Museums, sondern verdeutlicht auch die später erfolgten Bemühungen, die nicht rechtmäßig erworbenen Objekte ihren BesitzerInnen zu restituieren. Ein Anliegen der aktuellen MAK-Ausstellung ist es, an heute fast vergessene Sammlungen wie jene der Familie Wittgenstein zu erinnern.

Zu den heutigen Spitzenstücken am Kunstmarkt zählen Objekte aus der Du Paquier-Periode oder solche, die unter Conrad Sörgel von Sorgenthal entstanden sind. Zahlreiche Prunkstücke aus privater Sammlerhand können im Rahmen der MAK-Ausstellung erstmals in Österreich besichtigt werden. Diese verdeutlichen eindrucksvoll die Relevanz der Sammlerkreise, die die Faszination für das Porzellan bis heute teilen, und zeigen so eine Parallele zur großen Wiener Porzellan-Ausstellung von 1904 auf, so Rainald Franz.

Sollten Sie vermuten, ein besonderes Stück zu besitzen, können Sie dieses am 12. Juni 2018 im Rahmen des ABENDS DER PORZELLANSCHÄTZE von den Dorotheum-Expertinnen Regina Herbst, Magda Pfabigan und Ursula Rohringer im Kaminzimmer des MAK schätzen lassen. Weiters bietet dieser Abend die Möglichkeit, an einer Expertenführung mit Michael Macek durch die Ausstellung teilzunehmen. Alle Informationen zum umfangreichen Rahmenprogramm rund um die MAK-Schau finden Sie auf unserer Website.

 

Ein Beitrag von Lara Steinhäußer,  MAK-Presse und Öffentlichkeitsarbeit.

 

 

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