Von Blatt zu Blatt: Die aufwendige Erschließung der Katagami-Sammlung des MAK

Als ich im Jahr 1982 meine Tätigkeit im MAK (damals Österreichisches Museum für angewandte Kunst) begann, stand das Haus vor der Generalsanierung. Es gab damals noch keine Fotografien der Objekte, nur spärliche Beschreibungen in den Inventaren. Man begann aber schrittweise Ordnung in den Depots zu schaffen. Eine der Objektgruppen, die konservatorisch gut aufbewahrt wurde, waren die japanischen Färbeschablonen – Katagami. Ich war von der Vielzahl der Ornamente und Muster fasziniert. Die Sammlung beinhaltet mehr als 8 000 Katagami – eine Fülle, die eine intensive Auseinandersetzung fordert. Für die Beschreibung der verschiedenen Musterkombinationen fehlte uns auch die Sprache – ein Problem, das sich bis heute zeigt. Immer wieder machte ich halt vor den Ladenschränken, um die Schablonen durchzusehen.

 

Beginn der Japonismusforschung in Wien

1987 wurde im MAK die Großausstellung Josef Hoffmann. Ornament zwischen Hoffnung und Verbrechen gezeigt, in der auch eine große Anzahl seiner Ornamententwürfe präsentiert wurde. Sofort fielen mir Ähnlichkeiten mit den Mustern der Färbeschablonen auf, und zum Erstaunen meiner KollegInnen gelang es auch relativ schnell, Hoffmanns „Vorbilder“ in der Katagami-Sammlung des MAK zu finden. Dies war der Beginn der Japonismusforschung in Wien. Die Bedeutung des japanischen Kunsthandwerks für das europäische Kunstgeschehen um 1900 konnte aufgezeigt werden.

 

Es folgten Präsentationen im In- und Ausland, in denen Katagami eine wichtige Rolle spielten. Von besonderer Bedeutung waren die Ausstellungen Katagami – les pochoirs japonais et le japonisme (2007) in Paris sowie KATAGAMI Style (2012) in Tokyo. In beiden Schauen kam der Großteil der gezeigten Katagami aus der MAK-Sammlung. Im MAK selbst zeigten wir Katagami erstmals 1990 in Verborgene Impressionen – Japonismus in Wien 1870–1930. Seine erste spezifische Katagami-Ausstellung veranstaltete das MAK in den Jahren 2008/09 unter dem Titel 2 x JAPAN. Katagami / Textilien.

 

Die Wiederentdeckung der Sammlung von Heinrich Siebold

In der Zeit des Umbaus des MAK und der Errichtung der neuen Depots in den Jahren 1989 bis 1993 nahmen wir die Gelegenheit wahr, auch die Sammlungsgeschichte neu zu beleuchten. Die Wiederentdeckung der Sammlung von Heinrich Siebold war damals eine Sensation. 1892 übergab Siebold seine reiche Japansammlung dem Handelsmuseum, das als „orientalisches Museum“ nach der Wiener Weltausstellung gegründet worden war. Darin enthalten waren über 8 000 japanische Färbeschablonen. Heinrich Siebold lebte als Mitarbeiter der österreichisch-ungarischen Gesandtschaft lange Zeit in Tokyo und konnte sehr viel japanisches Kunsthandwerk zusammentragen. Seine Sammlung ist heute im MAK, das 1907 die Bestände des Handelsmuseums übernahm, im Weltmuseum und auch in anderen europäischen Sammlungen zu finden.

Frauen-Kimono mit Edo-Komon-Muster (Same Komon, d. i. Haifischhaut-Muster), Detail, Japan, Anfang 20. Jh. Seide, gefärbt in Katazome-Technik MAK-Depot © MAK/Mona Heiß Katagami im MAK
Frauen-Kimono mit Edo-Komon-Muster (Same Komon, d. i. Haifischhaut-Muster), Detail, Japan, Anfang 20. Jh., Seide, gefärbt in Katazome-Technik, MAK-Depot
© MAK/Mona Heiß

Die Digitalisierung der 8 000 Färbeschablonen

Zahlreiche Versuche, die Katagami-Sammlung fachgerecht zu beschreiben und auch in Kooperation mit japanischen FachkollegInnen und Museen zugänglich zu machen, sind an der großen Anzahl und Vielfalt gescheitert. Ein internationales Treffen zum Thema „Katagami in the West“ an der Universität Zürich im Jahr 2016, das die Probleme in der Erfassung von Katagami untermauerte, motivierte uns, es nochmals zu versuchen. 2017 starteten wir das Projekt der Digitalisierung aller Katagami – über 4 000 Abbildungen sind bis jetzt vorhanden. Mithilfe historischer Musterbücher konnten wir zu den Motiven außerdem eine fachgerechte, den westlichen und auch japanischen Standards genügende Beschreibung verfassen. Zum jetzigen Zeitpunkt sind über 600 mit detaillierten Datenblättern versehene Katagami in der Online-Datenbank des MAK veröffentlicht – und täglich werden es mehr. Für dieses Projekt konnte das MAK eine in Wien lebende Japanerin gewinnen, eine dreisprachige Bearbeitung in Deutsch, Englisch und Japanisch zu erstellen. Eine Besonderheit unserer Katalogisierung ist auch das digitale Zusammenfügen von Schablonen-Sets, wodurch die Muster erst ersichtlich werden.

 

Mit dem Katagami-Projekt wurde die Bearbeitung und Veröffentlichung des letzten großen Konvoluts der Japan-Sammlung des MAK in Angriff genommen. Die 4 300 japanischen Farbholzschnitte (ukiyo-e) und die 2 700 Tuschezeichnungen (sumi-e) sind in ihrer Gesamtheit schon seit Längerem über die Online-Datenbank des Museums öffentlich zugänglich.

Da die Recherchen rund um die Erschließung der einzelnen Katagami manchmal zeitintensiv sind, lässt sich die Dauer des Projekts bisher noch nicht abschätzen, aber mit der wachsenden Routine wächst auch die Datenbank rasch.

Das Katagami-Projekt des MAK wird international mit Interesse verfolgt. Es ist anzunehmen, dass bald auch andere große Sammlungen von Färbeschablonen für die interessierte Öffentlichkeit erschlossen werden.

Ein Beitrag von Johannes Wieninger, Kustode MAK-Sammlung Asien
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Lampenschirme mit Katagami-Motiven aus der MAK-Sammlung

Wer die fragilen Motive der Färbeschablonen gerne in den eigenen vier Wänden bestaunen möchte, hat im MAK Design Shop die Möglichkeit, einen Lampenschirm für Decken- oder Standleuchten mit einem persönlich ausgewählten Katagami-Muster bedrucken zu lassen.

links: Lampenschirm mit Katagami-Muster, MAK Design Shop rechts: original japanische Färbeschablone (Katagami), 19. Jh. © MAK Katagami im MAK
links: Lampenschirm mit Katagami-Muster, MAK Design Shop
rechts: original japanische Färbeschablone (Katagami), 19. Jh.
© MAK

Verfügbar in 3 Größen (B x H): klein (20 x 25 cm), mittel (35 x 25 cm), groß (40 x 25 cm),
hergestellt in einer Manufaktur in Wien

 

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