Auf Silber konnten wir uns alle einigen!

2 353 Plakate gingen beim diesjährigen Wettbewerb des Vereins 100 Beste Plakate e.V. ein. Wie wählt die internationale Jury die 100 besten Einreichungen aus? Astrid Seme, Grafikerin und Jurorin der 100 Besten Plakate 18. Deutschland Österreich Schweiz lässt uns in ihrem Gastbeitrag hinter die Kulissen des Auswahlverfahrens blicken.

Es ist schon erstaunlich, was Trends wie derzeit der Druck mit Silber für eine common sense Wirkung haben. Wir Jurorinnen haben uns selbst oft gefragt, woran das liegt – und vielleicht kann man die Ursache in den digitalen Verbreitungsformen suchen. Vielleicht entspricht Silber aber auch einfach unserem Zeitgeist. Silber ist die Farbe der Weisheit und der übersinnlichen Fähigkeiten, und ja, die vermissen wir gerade sehnsüchtig zur Lösung manch irdischer Probleme. Unsere eigenen Probleme bestanden vor allem darin, wie wir eine Vielzahl von Plakaten in einem so kurzen Zeitraum jurieren sollten. Nach einer ersten (digitalen) Juryrunde blieben uns noch immer 695 Plakate, die wir im Original sichten durften – und innerhalb von zwei Tagen zu den „100 Besten“ wählen mussten.

 

Leidenschaftliche Plädoyers im Sekundentakt

Plakate wurden im Minuten- und Sekundentakt von StudentInnen der Universität der Künste Berlin mit großem Respekt hochgehalten, Großflächenplakate wurden akrobatisch durch den Raum bewegt. Ein von uns festgelegter Kriterienkatalog aus fünf Punkten stand uns bei der Bewertung zur Seite. Zu den Kriterien zählten u.a. die Interpretation der Botschaft mit einer intelligenten und originellen Bildidee, sowie eine eigenständige gestalterische Handschrift, die auch den zeitgenössischen Kontext reflektiert. Trotzdem waren unsere gestalterischen Sichtweisen und Geschmäcker überaus unterschiedlich – so unterschiedlich, wie ich es ehrlich gesagt nicht erwartet hätte. Dies hatte jedoch vor allem positive Wirkung auf die Stimmung bei der Juryarbeit, denn wir alle verteidigten unsere Auserwählten mit leidenschaftlichen Plädoyers und begannen so gegenseitig unsere Meinungen zu hinterfragen – Danke hierfür an meine klugen und humorvollen Kolleginnen Anna Haas, Annette Lenz, Johanna Siebein und Andrea Tinnes!

 

Analog versus Digital

Überrascht wurde ich oft auch von der Diskrepanz zwischen digitalem und analogem Plakat. Was in der digitalen Vorauswahl wie ein klarer Gewinner aussah, offenbarte im Analogen Schwächen. Das Gleiche gilt übrigens auch für die andere Richtung: So manch ein Plakat entfaltete erst im Original die phänomenale Wirkung einer speziellen Drucktechnik oder die Präzision, mit der bis ins kleinste Detail gearbeitet wurde.

Präsent waren die zahlreichen Einreichungen von Hochschulen. Inhaltlich bleiben diese jedoch im akademischen Kontext verhaftet und werben für Ausstellungen, Rundgänge oder Vorträge. Wo sind aber die kritischen (jungen) Stimmen, die über den akademischen Tellerrand hinausblicken und aufzeigen, wo es langgeht, oder langgehen soll? Noch weniger präsent waren die Einreichungen aus Österreich – eine traurige Tradition, die sich leider auch dieses Jahr fortgesetzt hat. Womit dies zu tun hat? Ich kann nur mutmaßen. Vielleicht mit einem mangelnden Selbstbewusstsein gegenüber der starken Konkurrenz aus den Nachbarländern? Wenn dem so sein sollte, dann kann ich nur die hiesigen GrafikerInnen ermuntern einzureichen, denn verstecken müssen wir uns wirklich nicht.

 

Die Personen hinter dem Wettbewerb

Für mich persönlich war es eine große Ehre, als Jurorin Teil jenes Wettbewerbes zu sein, den ich selbst seit meiner Studienzeit jedes Jahr genau mitverfolge. Mit Kolleginnen auf so einem Niveau inhaltlich zu debattieren war eine wunderbare Bereicherung. Dieser produktive und konzentrierte Austausch konnte nur stattfinden, weil die OrganisatorInnen Susanne Ellerhold und Hermann Büchner (https://100-beste-plakate.de) einen fantastischen Rahmen mit einer liebevollen Atmosphäre geschaffen haben. Zusammen mit Anna Berkenbusch, Erich Brechbühl, Fons Hickmann und Verena Panholzer treiben sie ehrenamtlich den Wettbewerb voran und lassen die 100 Besten durch Wien, Lausanne, Karlsruhe, Luzern, St. Gallen, La Chaux-de-Fonds, Essen, Berlin und Seoul touren.

Nicht unerwähnt bleiben darf die sympathische Idee, die Jury und die Verantwortlichen des Corporate Designs jährlich zu tauschen. So bleibt der gesamte Wettbewerb – seine Erscheinung und Entscheidungen – vielfältig.

 

Astrid Seme ist Grafikdesignerin. Nach ihrem Abschluss an der Universität für angewandte Kunst Wien absolvierte sie den Master-Studiengang Werkplaats Typografie an der ArtEZ University of the Arts in Arnhem, Niederlande. Ihr Studio arbeitet in den Bereichen Art Direction, visuelle Identitäten und redaktionelle Projekte – in Web, Print und im dreidimensionalen Raum. Sie ist Teil von Mark Pezinger Books, einem Verlag für KünstlerInnenbücher. Von 2016 bis 2018 war sie Gastdozentin an der New Design University St. Pölten. Vorträge: Rhode Island School of Design, Oslo School of Architecture and Design, Typojanchi – International Typography Biennial Seoul, Hochschule für Gestaltung Luzern, Sint Lucas School of Arts Brussels, Universität für angewandte Kunst Wien (u.a.).

Die Ausstellung 100 Beste Plakate 18. Deutschland Österreich Schweiz war von 6. November 2019 bis 1. März 2020 im MAK-Kunstblättersaal zu sehen.
Eine Kooperation des MAK und des Vereins 100 Beste Plakate e. V.

 

Ein Gastbeitrag von Astrid Seme, Grafikdesignerin und Jurymitglied 100 Beste Plakate.

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