Die Bartholomäus Kapelle an St. Stephan – die erste Reliquienschatzkammer der Habsburger in Österreich

4. Juni 2021

Insights

Mit den sieben Scheiben aus der Bartholomäus Kapelle an St. Stephan besitzt das MAK wichtige Teile eines der bedeutendsten Zyklen mittelalterlicher Glasmalerei aus der Zeit zwischen 1370 und 1395 europaweit. Rainald Franz, Kustode der MAK-Sammlung Glas und Keramik, berichtet über die Geschichte der Scheiben, ihren Weg ins MAK und die neuen Erkenntnisse, die im Vorfeld der geplanten Rekonstruktion gewonnen werden konnten.

Die Bartholomäus Kapelle von St. Stephan in Wien ist eine von vier Kapellen, die im 14. Jahrhundert, noch vor dem Bau des gotischen Langhauses, als zwei Doppelkapellen an die Westfassade des romanischen Vorgängerbaus angebaut wurden. Nach 2021 ist eine leihweise Rückführung des überwiegenden Teils der sogenannten Herzogs- oder Fürstenscheiben an den ursprünglichen Aufstellungsort nach über 130 Jahren in Planung. Das Projekt wird von der Sammlung Glas und Keramik und der Restaurierung des MAK gemeinsam mit der Dombauhütte St. Stephan, der Abteilung für Konservierung und Restaurierung des Bundesdenkmalamtes, dem Wien Museum und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sowie mit internationalen Expert*innen vorbereitet.

 

Die obere, südwestliche Kapelle, ursprünglich dem Erzengel Michael geweiht, wies eine bedeutende mittelalterliche Verglasung auf: der Zyklus der ursprünglich dreigeschossigen Kapellenfenster umfasste unter anderem die sogenannten „Habsburgerfenster“ oder „Fürstenfenster“, den Stammbaum der fürstlichen Stifter sowie Darstellungen des Heiligen Stephanus, der Epiphanie und des Erzengels Michael als Seelenwäger. Schon in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurde die Kapelle dem Heiligen Bartholomäus resakriert. Nachdem sie ihre ursprüngliche Funktion eingebüßt hatte und von König Albrecht II. der Wiener Bürgerfamilie Füchsel überlassen worden war, änderte dies auch die Aussage der für den Raum geschaffenen Glasfenster. Dies erschwerte auch die spätere Erschließung der ursprünglichen Nutzung des Kapellenraumes. 1887/88 wurden die zu diesem Zeitpunkt noch erhaltenen Scheiben ausgebaut.

 

Während ein Teil der Fenster dem Historischen Museum der Stadt Wien als Leihgabe überlassen wurde, kaufte das MAK die noch heute in seinem Besitz befindlichen Scheiben vom Domkapitel 1874 an. Die Ersatz-Fenster gingen am Ende des Zweiten Weltkriegs beim Brand von St. Stephan verloren. Spätestens seit der Publikation durch Eva Frodl-Kraft im Jahr 1962 im Band des Corpus Vitrearum Medii Aevi, der den mittelalterlichen Glasgemälden in Wien gewidmet ist, ist die herausragende Bedeutung des Glasfensterzyklus aus der ehemaligen St. Michaelskapelle in St. Stephan bekannt.

 

Forschungen des Bauhistorikers Günther Buchinger haben kürzlich Licht in die Frage nach der ursprünglichen Verwendung der Kapelle an der Westfassade von St. Stephan gebracht und die Basis für eine Rekonstruktion des Glasfensterzyklus gelegt. Buchinger erschloss überzeugend die Nutzung des Sakralraumes, den Herzog Rudolf IV. (1339–1365) um 1360 konzipiert und sein jüngerer Bruder Albrecht III. (1349–1395) zwischen 1370 und 1380 vollendet hatte: Kein Herrscheroratorium, da keine optische Verbindung zum romanischen Langhaus gegeben und die Erschließung unrepräsentativ war, sondern die erste, über der Herzogskapelle gelegene Reliquienschatzkammer der Habsburger. Der von Rudolf IV., dem „Stifter“, seit 1356 in der Hofburg zusammengetragene Reliquienschatz der Habsburger fand in der ursprünglichen Michaelskapelle eine erste, den französischen Sainte-Chapelles, vergleichbare Unterbringung. Dies wurde noch von der 1365 erfolgten Stiftung des Kollegialkapitels Allerheiligen unterstrichen, Vorläufer des Domkapitels von St. Stephan.

 

Vornehmste Aufgabe des Kollegialkapitels war die Verwahrung des rudolfinischen Reliquienschatzes in der neuen Kapelle. In der ersten Reliquienschatzkammer der Habsburger in Österreich fanden sich so bedeutende Stücke wie ein Nagel vom Kreuz Christi, ein Dorn der Dornenkrone und Fragmente vom Geißelstrick, vom Schwamm und vom Tischtuch des letzten Abendmahls. Dieser Schatz legte den Grundstein für die Reliquienverehrung der Habsburger und für die später in der geistlichen Schatzkammer der Hofburg verwahrte Sammlung. Er lieferte den Anlass für die selbstbewusste und hochkarätige Ausstattung des Raumes mit dem Glasfensterzyklus, ebenfalls orientiert an französischen Kathedralbauten. Der Raum entsprach den Ambitionen Rudolfs IV. auf die deutsche Königswürde. Nach Rudolfs frühem Tod 1365 vollendete sein jüngerer Bruder Albrecht III. mit geringen Änderungen die Reliquienkammer nach dem Konzept Rudolfs. Die erste Reliquienschatzkammer der Habsburger sollte auch unter Albrecht wie zuvor unter Rudolf für den Fortbestand der Dynastie sorgen, die sich in den Fürstenscheiben ihr bedeutendstes Denkmal des ausgehenden 14. Jahrhunderts schuf.

Die für die kommenden Jahre geplante Rekonstruktion dieses Raumes ist ein historisch bedeutendes Projekt, das das MAK kunstwissenschaftlich und konservatorisch begleiten wird.

Ein Beitrag von Rainald Franz, Kustode MAK-Sammlung Glas und Keramik

Schreiben Sie einen Kommentar