Rückkehr nach Wien: Die Sammlung André Marcus im MAK

Vor zwei Jahren erhielt das MAK eine wertvolle Schenkung des in Prag lebenden Kunstsammlers André Marcus. Teile daraus sind derzeit in der großen Ausstellung JOSEF HOFFMANN. Fortschritt durch Schönheit zu sehen, u.a. eine von Hoffmann entworfene und von der Wiener Werkstätte ausgeführte Schreibgarnitur, die sich zwischenzeitlich im Besitz des amerikanischen Pop Art-Künstlers Andy Warhol befunden hatte. Sebastian Hackenschmidt, Kustode der MAK-Sammlung Möbel und Holzarbeiten, sowie Anne-Katrin Rossberg, Kustodin der MAK-Sammlung Metall und Wiener-Werkstätte-Archiv, stellen die Objekte am MAK-Blog vor.

Josef Hoffmann
Josef Hoffmann, Teile einer Schreibgarnitur (Federtasse, Tintenfass mit Ablage, Briefbeschwerer), Ausf. Wiener Werkstätte, 1909, GO 2319 © MAK/Georg Mayer

2019 und 2020 hat André Marcus dem MAK in zwei umfangreichen Schenkungen eine Reihe wichtiger Objekte aus dem Kontext „Wien um 1900“ vermacht – darunter Möbel und kunstgewerbliche Gegenstände von Otto Wagner, Josef Hoffmann und der Wiener Werkstätte. 2021 wurden diese Dinge der Öffentlichkeit im Rahmen der Ausstellung SAMMELN IM FOKUS 7. Objekte aus der Sammlung André Marcus  erstmals im MAK präsentiert.

Ausstellungsansicht Sammeln im Fokus 7
Ausstellungsansicht SAMMELN IM FOKUS 7. Objekte aus der Sammlung André Marcus, MAK FORUM, 2021
© MAK/Georg Mayer

Zu den Höhepunkten der Präsentation zählten ein 1905 von Otto Wagner für die Österreichische Postsparkasse entworfener Schreibtisch sowie ein bereits 1898 angefertigter Beistelltisch aus der eigenen Wohnung des Architekten in der Wiener Köstlergasse. Weitere außergewöhnliche Objekte waren ein um 1906 entstandener Tisch der Firma F. O. Schmidt, eine auf 1905 datierte und Josef Hoffmann zugeschriebene Garnitur von Satztischen der Firma J.& J. Kohn. Einen speziellen Glanzpunkt setzten natürlich auch die kunstgewerblichen Objekte von Josef Hoffmann, neben der Schreibgarnitur ein Henkelkorb, eine Blumenvase und ein Tafelgerät – wohl eine Messerbank oder ein Serviettenring – sowie eine Tischglocke. Zwei der Künstlerin Jutta Sika zugeschriebene, kurz nach der Jahrhundertwende entworfene Jugendstil-Gefäße gehörten ebenso dazu.

Beistell und Schreibtisch Otto Wagner
Beistell- und Schreibtisch von Otto Wagner, Tisch der Fa. F.O. Schmidt und Satztische der Fa. J. & J. Kohn in der Ausstellung SAMMELN IM FOKUS 7. Objekte aus der Sammlung André Marcus, MAK FORUM, 2021
© MAK/Georg Mayer

Eine solch gewichtige Schenkung ist auch für ein Museum wie das MAK keineswegs alltäglich und stellt ein außergewöhnliches Ereignis dar, das durch die Präsentation im Rahmen der Ausstellungsreihe SAMMELN IM FOKUS auch eigens gewürdigt wurde. Der Geschenkgeber, André Marcus, kann vorbehaltlos als Kosmopolit bezeichnet werden: 1950 in Mailand in eine aus Rumänien stammende jüdische Familie geboren, wuchs er in Paris auf und erfuhr seine universitäre Ausbildung in Genf. 1974 übersiedelte er nach New York, wo er mehrere Firmen gründete. Mitte der 1980er Jahre begann er hier Kunstgegenstände mit dem thematischen Schwerpunkt der Wiener Jahrhundertwende zu sammeln, die er bei großen Auktionshäusern und renommierten Galerien erwarb – allen voran in der Zweigstelle der Wiener Galerie Metropol auf der Madison Avenue. 1992 zog es ihn zurück nach Europa, wo er sich für 15 Jahre in Monaco niederließ, seit 2007 lebt er in Prag. Seine Schenkung an das MAK folgt der Überlegung, die Kunstgegenstände mit Wiener Provenienz wieder an ihren Ursprungsort zurückzuführen, weil sie hier zweifellos am besten in ihrem historischen Kontext gewürdigt werden können.

 

Seine Motivation für die Schenkung hat André Marcus selbst folgendermaßen beschrieben: „1984 lebte ich in New York und hatte bereits einige Kunstwerke gesammelt, die Künstler*innen der Wiener Secession kannte ich damals allerdings noch nicht wirklich gut. Durch einen Freund aus Paris hörte ich zum ersten Mal von Otto Wagner, Adolf Loos, Josef Hoffmann und der Wiener Werkstätte. Er ging mit mir in die Galerie Metropol auf der Madison Avenue, ich wohnte ganz in der Nähe. Sie befand sich im ersten Stock, man musste eine steile Treppe hinaufgehen. Die Galerie war nicht groß, hatte aber interessante Exponate, die ganz anders waren als alles, was ich bisher gesehen hatte. Ich erinnere mich, dass ich nach dem zweiten Besuch wirklich fasziniert war, jedoch zunächst nur einige Kunstbücher über die Wiener Secession kaufte. Unter den ersten Objekten, die ich in der Galerie erwarb, waren Möbel von Josef Hoffmann, Adolf Loos und Otto Wagner, etwa der kleine Beistelltisch aus Wagners eigener Wohnung sowie ein Schreibtisch für die Postsparkasse. Später kaufte ich auch zwei wunderschöne Gefäße von Jutta Sika. Ich ging oft in die Galerie und las die dort erworbenen Bücher mit großem Interesse, ich nahm sie auch mit, als ich Wien im Jahr 1987 zum ersten Mal besuchte. Es war Winter, und ich engagierte einen Fahrer, der mich zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten chauffierte: zur Secession, zu den Villen und zur Postsparkasse, wo die Schreibtische für die Kund*innen nach wie vor dieselben waren wie der, den ich gekauft hatte. Ich besuchte natürlich auch die Museen und entdeckte Gustav Klimt, Egon Schiele und weitere Künstler*innen aus dem Wien der Jahrhundertwende für mich. Das MAK wurde mein Lieblingsmuseum in Wien – zugegebenermaßen nicht zuletzt wegen seiner faszinierenden Asiensammlung. Als ich also in Erwägung zog, die von mir erworbenen Objekte in ihre Heimatstadt Wien zurückzubringen, erschien mir eine Schenkung an das MAK daher einfach nur ein logischer Schritt.“

Schreibgarnitur von Josef Hoffmann
Schreibgarnitur von Josef Hoffmann in einem zeitgenössischen Foto, 1909, WWF 113-83-1 © MAK

Ein besonders schönes Silberobjekt der Schenkung ist das erwähnte Schreibset aus gehämmertem, versilbertem Alpaka, dessen Teile zwischen 1909 und 1917 bis zu zwanzigmal erzeugt wurden. Zur Garnitur gehörten noch weitere Utensilien: eine kleine Standuhr, Federhalter und Leuchter, ein Aschenbecher mit Streichholzbehälter, Löschwiege und Papiermesser, ein sogenannter Gummitopf (mit Klebstoff für Briefumschläge) und ein Tischtaster (elektronische Klingel zum Rufen der Dienerschaft).
Die Modellbücher der Wiener Werkstätte (WW), dessen Archiv das MAK seit 1955 bewahrt, geben genaue Auskunft über die entwerfenden Künstler*innen, den Zeitpunkt der Fertigstellung, die Art der Ausführung, das verwendete Material, Stückzahl, Arbeitsstunden und Kosten – ein unermesslicher Fundus an Information! Offenbar wurde das Schreibset auch „glatt“ ausgeführt, es überwiegt jedoch der in der WW so beliebte Hammerschlagdekor, der den Objekten eine funkelnde Oberfläche verleiht.

Eintrag des Briefbeschwerers
Eintrag des Briefbeschwerers M 1189 im Modellbuch der Wiener Werkstätte (Ausschnitt), 1909, WWMB 32-M-1189 © MAK

Die laufenden Nummern in den Modellbüchern wurden auf den Entwürfen und Fotos der jeweiligen Objekte verzeichnet, was die Zuordnung bis heute ungemein erleichtert. Der Briefbeschwerer M 1189 lässt sich so vom Entwurf über die Ausführung bis zur Dokumentation verfolgen. Das „Tintenzeug mit zwei Federbüchseln“ M 1187 im zeitgenössischen Foto wurde in reduzierter Form ohne Federbehälter als M 1211 erzeugt, was unserem Beispiel aus der Sammlung Marcus entspricht. Das Tintenfass zeigt hier die vereinfachte Formensprache ohne Profile und repräsentiert damit den frühen geometrischen Stil der WW, der seine Anregungen aus dem Klassizismus 100 Jahre zuvor bezog.

 

Das Grundmotiv der Gestaltung ist eine vieleckige Form, die an Kanneluren einer Säule erinnert. Diese Anspielung lässt die Schreibgarnitur zu einem männlich konnotierten Gegenstand werden, sind doch Renaissance und Klassizismus seit dem späten 19. Jahrhundert die charakteristischen Stile in männlich definierten Interieurs. Aber auch inhaltlich repräsentiert sie das Rollenbild vom Hausherrn, der am Herrenschreibtisch im Herrenzimmer seiner geistigen Tätigkeit nachgeht. Ihr gegenüber steht die Toilettengarnitur im Zimmer der Dame in den dekorativen Formen des Neorokokos oder floralen Jugendstils.

Josef Hoffmann tradierte diese Zuweisungen auf sehr elegante Art und Weise. Das schien auch Andy Warhol gefallen zu haben, der das Schreibset für seine Kunstsammlung erwarb. Nach Warhols Tod wurde seine Sammlung 1988 versteigert – und Teile gingen in den Besitz von André Marcus über, dessen Begeisterung für die Kunst in Wien um 1900 es nun zu verdanken ist, dass die MAK-Sammlung eine große Bereicherung erfahren hat.

Warhol_Sothebys
The Andy Warhol Collection, Auktion bei Sotheby’s New York, 23. April – 3. Mai 1988, Seite aus dem Auktionskatalog, BI 43.746 © MAK

Ein Beitrag von Sebastian Hackenschmidt, Kustode der MAK-Sammlung Möbel und Holzarbeiten, und Anne-Katrin Rossberg, Kustodin der MAK-Sammlung Metall und Wiener-Werkstätte-Archiv

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