Das Plakat mit viel Geschichte. Das österreichische Designstudio Beton im Interview

Bereits zum vierten Mal zählt das Designstudio Beton zu den SiegerInnen des renommierten deutschsprachigen Grafikdesignwettbewerbs 100 BESTE PLAKATE 17. Deutschland Österreich Schweiz. Benjamin Buchegger, Daniel Car und Oliver Hofmann überzeugten die Jury mit ihrer rein typografischen Interpretation Performing New Europe für das International Performing Arts Festival der SZENE Salzburg. Es entstand ein Plakat in Anlehnung an die künstlerische Tradition der Decollage, die in den frühen 1960er Jahren als neue Kunstform aufkam.

„Die Künstler des Nouveau Réalisme arbeiteten in ihrem Gründungsmanifest La Déclaration constitutive du Nouveau Réalisme (1960) eine neue Annäherung der Wahrnehmungsfähigkeit an das Reale aus. Die selbstgestellte Aufgabe bestand darin, das enge Korsett der bildenden Künste zu sprengen und gleichzeitig Konsum- und Medienkritik in ihr Wirken miteinzubeziehen“, meint Peter Klinger, Stellvertretende Leitung MAK-Bibliothek und Kunstblättersammlung und Kurator der MAK-Ausstellung 100 BESTE PLAKATE 17.

„Ein Zugang, der auch aus der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Medium Plakat im öffentlichen Raum hervorgeht: In sogenannten Happenings wurden Plakatsujets teilweise abgelöst und die darunterliegenden Schichten freigelegt“, erzählt Klinger weiter. Die so entstandenen Werke erlaubten völlig neue Konnotationen und wurden schließlich als „Fundstücke der Alltagskultur“ von der Straße direkt in die Galerien überführt. Eine Ikone der Decollage schuf Mimmo Rotella, einer der bekanntesten Vertreter dieser Kunstströmung im Jahr 1962 mit seiner Überarbeitung eines Filmplakats für Marilyn Monroe.

Designstudio Beton, Performing New Europe 2018, Szene Salzburg © Beton/100 Beste Plakate e.V. 100 Beste Plakate 17
Designstudio Beton, Performing New Europe 2018, Szene Salzburg
© Beton/100 Beste Plakate e.V.

Neben dieser Bezugnahme auf den Nouveau Réalisme thematisieren Benjamin Buchegger, Daniel Car und Oliver Hofmann, die drei Grafikdesigner hinter dem Entwurf Performing New Europe, auch die politische Entwicklung und Veränderung der europäischen Landkarte. Was damit gemeint ist und wie es konkret zu der Kampagne rund um das Siegerplakat kam, erzählen uns die drei Gestalter im Interview:

MAK: Bereits zum vierten Mal findet sich heuer ein Entwurf des Designstudios Beton unter den Gewinnerprojekten des Grafikdesignwettbewerbs 100 BESTE PLAKATE. Was macht gute Plakatgestaltung eurer Meinung nach aus? Wie lautet euer Erfolgsrezept?

Beton (B): Es freut uns, dass wir bei dem Wettbewerb anscheinend gut ankommen. Beziehungsweise merken wir auch, dass unsere Arbeit gut in den Kontext des Wettbewerbs passt. Wir verfolgen die 100 BESTEN schon seit den Anfängen unseres gemeinsamen Studiums. Einerseits, um einen Überblick zu bekommen, was momentan in Deutschland und in der Schweiz angesagt ist, und andererseits, um verschiedene gestalterische Akzente und kulturelle Unterschiede in der Gestaltung wahrzunehmen. Deswegen ist es schön, selbst Teil der Veranstaltung zu sein. Andererseits sehen wir unsere Arbeit stark im öffentlichen Raum verwurzelt. Da gehört sie hin und da muss sie wirken.

Unser Erfolgsrezept ist, dass wir das Plakat als Medium ernst nehmen. Wir glauben an die gemeinschaftliche Wirkung von gemeinsamer Wahrnehmung im öffentlichen Raum. Und genau dort wollen wir uns und andere überraschen und herausfordern. Wir wollen Plakate machen, die mit dabei sind, aber auch abseitsstehen. Free Agents, die sich ernst nehmen, aber auch über sich lachen können. Plakate, die zwischen hot und not stehen.

Performing New Europe, an einer Hausfassade © Beton, Foto: Bernhard Müller 100 Beste Plakate 17
Performing New Europe, an einer Hausfassade, © Beton; Foto: Bernhard Müller

MAK: Die Bildsprache eures Plakats Performing New Europe, das für das International Performing Arts Festival in der SZENE Salzburg entstand, basiert auf der künstlerischen Praxis der Decollage, die ihre Wurzeln im Nouveau Réalisme der 1960er Jahre hat. Warum habt ihr euch für dieses „Zitat“ aus der Kunstgeschichte entschieden?

B: Der Plakatabriss fügt dem Plakat eine performative Komponente hinzu. Das hat uns erst einmal gut gefallen. Außerdem schwingt beim Plakatabriss eine subversive Haltung mit – man will ein Zeichen hinterlassen und es impliziert einen Willen zur Veränderung. Darunterliegende Schichten werden sichtbar gemacht und das Gerüst der konstruierten Realität wird freigelegt. Auch hier wird das Plakat ernst genommen! Nämlich als Repräsentant einer gemeinsamen Realität. Da diese Realität aber immer mehr infrage gestellt wird – bzw. man heute von mehreren unterschiedlichen Realitäten spricht, schien uns das Zitat passend.

MAK: Ihr versteht das Gewinnerprojekt des diesjährigen Wettbewerbs auch als Kommentar zu den aktuellen politischen Entwicklungen in der Europäischen Union. Wie kann eure Kampagne vor dem Hintergrund einer konstanten Neuevaluierung und Neuinterpretation von nationaler Kultur gelesen werden?

B: Wie man von allen Seiten hört, befinden wir uns in einer Zeit gewaltigen Fortschritts. Diese Wahrnehmung wird allerdings auch von der Erzählung von Veränderung produziert. Tatsächlich scheinen wir aber in einem Prozess festzustecken. Diesen Moment darzustellen, war uns ein Anliegen. Wir sehen uns nicht als Kommentatoren. Davon gibt es genug. Wir sehen unseren Auftrag im Schaffen von öffentlichem Raum. Da können wir wirken. Jedes Plakat, das Menschen aus ihrer Bubble in einen Raum für alle holt, ist wichtig und notwendig, um demokratisches Denken zu bewahren.

MAK: Wie können wir uns die Entstehungsgeschichte der Kampagne vorstellen? Gab es Schwierigkeiten bei der Realisierung?

B: Anfangs hatten wir an eine Plakatserie gedacht, die wir allerdings in der Schublade gelassen haben. Wir haben uns dazu entschlossen, ein Sujet zu entwickeln, das eine Idee auf den Punkt bringt. Es gab verschiedene Richtungen, die wir ausprobiert haben, jeder für sich. Und irgendwann lag dann die Idee mit den Abrissen auf unserem virtuellen Schreibtisch zwischen Wien, Salzburg und Leipzig. Da haben wir schnell gemerkt, dass sie für uns alle funktioniert. Vor allem in Verbindung mit dem Programmheft und einer kleinen Publikation, die wir in die Plakatgestaltung integrieren konnten, indem sich die Formate und die Covergestaltung an Elementen des Plakats orientieren.

Programmheft, "Performing New Europe", Cover © Beton 100 Beste Plakate 17
Programmheft, „Performing New Europe“, Cover, © Beton

MAK: Wie sehr stehen der erste Entwurf und die finale Arbeit noch in Verbindung zueinander?

B: Gar nicht und fast eins zu eins. Als die Idee mit den Abrissen da war, gab’s einen Entwurf dazu. Klar, da haben wir noch ein bisschen geschliffen, aber im Grunde war’s das. Die anderen Entwürfe gingen in andere Richtungen.

Das Plakat als Kommunikationsmittel in der digitalisierten Welt

Rund um die MAK-Ausstellung 100 BESTE PLAKATE 15. Deutschland Österreich Schweiz haben wir Oliver Hofmann und Daniel Car gemeinsam mit dem MAK-Kurator Peter Klinger und Stefan Joch vom Atelier ZWUPP schon einmal zur Plakatgestaltung befragt. Damals ging es um die Rolle des Plakats in der digitalen Gegenwart und um die künstlerische Produktion in einer kommerzialisierten Welt. Das Video dazu gibt es hier:

Ein Beitrag von Veronika Träger, MAK-Presse und Öffentlichkeitsarbeit
Video: © MAK/Paul Wünsche

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