DIGITALE ZUKUNFT ZWISCHEN SEGEN UND FLUCH: VIENNA BIENNALE-Initiator Christoph Thun-Hohenstein im Interview

Bei der VIENNA BIENNALE FOR CHANGE 2019 dreht sich alles um SCHÖNE NEUE WERTE. Unsere Digitale Welt gestalten. Christoph Thun-Hohenstein, Generaldirektor des MAK und Initiator und Leiter der VIENNA Biennale verrät, was ihn an der Digitalen Moderne fasziniert und was Kunst, Design und Architektur mit der Gestaltung unserer Zukunft zu tun haben.

MAK: Nach einem Schwerpunkt auf Robotik bei der VIENNA BIENNALE 2017 ist ein Herzstück des diesjährigen Festivals die MAK-Ausstellung UNCANNY VALUES. Künstliche Intelligenz & Du. Die Digitale Moderne zieht sich einmal mehr wie ein roter Faden durch die Biennale und generell Dein kuratorisches Tun. Was fasziniert Dich derart an dem Thema? Warum nicht z.B. die globale Migration, ebenfalls eines der Hauptthemen des 21. Jahrhunderts?

Christoph Thun-Hohenstein: In Anlehnung an Paul Watzlawicks legendäres Axiom Man kann nicht nicht kommunizieren behaupte ich: Man kann sich nicht nicht mit der Digitalen Moderne auseinandersetzen. Die Digitale Moderne greift in alle Bereiche unseres Lebens rasant und tiefgreifend ein. Digitale Technologien, Künstliche Intelligenz oder Big Data sind für jeden von uns – ob bewusst oder unbewusst – tagtäglich omnipräsent.

Das unterscheidet die Digitale Moderne sehr deutlich von vielen anderen großen Themen unserer Zeit. Man kann sich ihr definitiv nicht entziehen. Genau das macht sie für mich so faszinierend. Ausnahmslos jeder von uns sollte diesen exponentiellen technologischen und digitalen Fortschritt bewusst erleben, Haltung beziehen und versuchen mitzugestalten. Und wo kann man besser mitgestalten als in Design, Architektur und angewandter Kunst? Man könnte noch etwas polemisch weiterformulieren: Ein Museum angewandter Kunst und eine Mehrspartenbiennale können nicht nicht mit Blick auf die Digitale Moderne agieren…

 

MAK: In den Ausstellungen der VIENNA BIENNALE 2019 finden sich viele Ansätze, die auch Lust auf die digitale Zukunft machen. Ist die Digitale Moderne nun Segen oder Fluch?

CTH: Sie ist beides: Passionierte Networker wie ich können die Möglichkeiten neuer Informationstechnologien nur lieben. Und gleichzeitig den Umgang mit unseren Daten, den wir nicht steuern können, zutiefst ablehnen.
In der VIENNA BIENNALE finden sich unzählige Beispiele, welchen Segen diese neuen Technologien mit sich bringen können. Eines meiner Lieblingsobjekte ist der im MAK DESIGN LAB gezeigte AV1 (No Isolation, 2015), ein Roboter für längere Zeit kranke Kinder und Jugendliche. Der Avatar nimmt für Kinder am Unterricht teil und ermöglicht sogar soziale Interaktion mit Mitschülern. Berührend ist auch Marlies Pöschls SciFi-Film Aurore (2019) im Rahmen der Ausstellung HYSTERICAL MINING in der Kunsthalle Wien. Eine virtuelle Betreuungsassistentin agiert in einem Altenheim der Zukunft mit alten Menschen. Der Film zeigt, wie eine KI menschliche Bedürfnisse nach Liebe und Kontakt stillen kann.

Asunder (2019), ein spektakuläres, in der MAK-Ausstellung UNCANNY VALUES. Künstliche Intelligenz & Du gezeigtes Szenario einer omnipotenten KI von Tega Brain, Julian Oliver und Bengt Sjölén, enthüllt dagegen ein Paradoxon, nämlich dass gerade durch die Rechner-Elite Künstliche Intelligenz für Menschen zunehmend unberechenbar wird: Ein KI-Umweltmanager analysiert Satelliten-, Klima-, Geologie-, Biodiversitäts-, Topografie-, Bevölkerungs- und Social-Media-Daten und generiert eine Reihe von Umweltmanagementplänen, die den Planeten gänzlich verändern. Auch die unheimliche Vielzahl von persönlichen Informationen zur Whistleblowerin Chelsea E. Manning, die Heather Dewey-Hagborg in ihrer Arbeit Probably Chelsea (2017) – ebenfalls zu sehen in UNCANNY VALUES – algorithmisch durch eine DNA-Analyse zutage fördert, stimmt mehr als nachdenklich.

 

Wir stecken fest zwischen Segen und Fluch, und es liegt an uns, die Zukunft so zu steuern, dass der Segen Oberhand hat.

MAK: Es geht um „Schöne Neue Werte“: Was ist die Benchmark? Wer definiert in unserer längst globalen und multikulturellen Welt, was wertvoll und schön ist?

CTH: Mit dem Titel der diesjährigen Biennale wollen wir ganz bewusst provozieren: Werte sind ein sensibles Thema, ähnlich wie Regeln. Es geht in der Digitalen Moderne um viel mehr als die ultimative Ausreizung technologischer Möglichkeiten, Maximierung der Wirtschaftsleistung und Prolongierung eines ökologisch auf Pump entwickelten Wohlstands: Es geht sehr essenziell und zutiefst menschlich darum, wie wir künftig (zusammen-)leben und miteinander interagieren, welchen Planeten wir unseren Kindern hinterlassen wollen. Das sind klare Wertefragen.
Wir müssen übereinkommen, welche neuen Werte wir brauchen, oder an welchen der bereits vorhandenen wir nachdrücklich festhalten müssen. Gemeinwohlorientiert, tolerant, fürsorglich, verantwortungsvoll, nachhaltig: die Liste der Werte, über die Kulturen-übergreifend Common Sense herrscht, ist lang. Der Weg ist das Ziel: Wir wollen mit der diesjährigen Biennale aufrütteln, als Katalysator fungieren und diese Wertediskussion vorantreiben.

 

MAK: Der Titel der diesjährigen VIENNA BIENNALE impliziert eindeutig Mitgestaltung. Können Ausstellungen im Rahmen einer Biennale wirklich zur Gestaltung unserer Welt beitragen?

CTH: Die VIENNA BIENNALE bringt in einer Fülle von Projekten neue Sichtweisen zur digitalen Zukunft ins Spiel, bis hin zu konkret realisierbaren Vorschlägen. Die MAK-Ausstellung KLIMAWANDEL! Vom Massenkonsum zur nachhaltigen Qualitätsgesellschaft zeigt beispielsweise vier konkret umsetzbare Utopien des Designstudios EOOS, die zum Turnaround der Klimasituation beitragen könnten. Eine dieser Utopien ist das SOV – Social Vehicle (2018–), ein kompaktes Elektro-Leichtfahrzeug, das mit einer „Open Design“-Lizenz in kleinen, lokalen Werkstätten gebaut werden kann. Der Ressourcenverbrauch in der Herstellung beträgt gerade ein Zehntel von dem eines durchschnittlichen Mittelklassewagens. Das ist nur ein Beispiel dafür, wie der Denkfreiraum künstlerischer Disziplinen ein enormes Potenzial birgt, Veränderungen anzustoßen.

 

MAK: Wo sollte aus Deiner Sicht ein Trip durch die VIENNA BIENNALE FOR CHANGE 2019 starten?

CTH: Analog zum Thema auf www.viennabiennale.org, also in der digitalen Welt. Dort kann man sich einen kompakten Überblick verschaffen und in der Folge selbst entscheiden, welche Ausstellungen an welchen Biennale-Orten man besuchen möchte. Ich bin einer der treuesten Besucher der VIENNA BIENNALE FOR CHANGE 2019. Jede Ausstellung ist horizonterweiternd, und es ist mir nicht möglich, ein Projekt hervorzuheben. Wo immer der persönliche Besuch startet: Diese Biennale wird Eindruck hinterlassen.

MAK: Könntest Du Dir vorstellen, dass die VIENNA BIENNALE 2021 von einer künstlichen Intelligenz mitkuratiert wird, oder ist das noch ferne Zukunftsmusik?

CTH: Ich könnte mir eine Kombination eines „echten“ Kurators und einer KI vorstellen. Aber auf den „echten“ Kurator möchte ich auf keinen Fall verzichten. Ich mag Diskurs, Auseinandersetzung, persönliche Einschätzung, Geschmack, durchaus auch hin und wieder inhaltliche Differenzen, die sehr befruchtend sein können. Ein Kurator darf sich auch subjektiv einbringen und aus einer von Sympathie getragenen Zusammenarbeit entstehen oft langjährige Kontakte. Diese persönlichen Qualitäten, die Projekten eine besondere Note geben, sind mit einer KI noch Zukunftsmusik. Das für mich überzeugendste Rezept für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft ist nachhaltige Kooperation zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz.

 

Die VIENNA BIENNALE FOR CHANGE 2019: SCHÖNE NEUE WERTE. Unsere Digitale Welt gestalten wird von MAK, Universität für angewandte Kunst Wien, Kunsthalle Wien, Architekturzentrum Wien und Wirtschaftsagentur Wien sowie Slovak Design Center als neuer Associate Partner und AIT Austrian Institute of Technology als außeruniversitärer Forschungspartner veranstaltet und ist noch bis zum 6. Oktober 2019 zu sehen.
www.viennabiennale.org

Das Gespräch führte Judith Schwarz-Jungmann, Leitung MAK-Presse & Öffentlichkeitsarbeit

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