„Ein Laboratorium für Design“: die Metamorphose des Geburtshauses Josef Hoffmanns in Brtnice

Für den Designer und Architekten Josef Hoffmann war Brtnice, der Ort seiner Kindheit im heutigen Tschechien, Zeit seines Lebens eine Quelle der gestalterischen Inspiration. In  seinem Geburtshaus befindet sich heute das Josef Hoffmann Museum, eine gemeinsame Außenstelle des MAK und der Mährischen Galerie in Brno. Rainald Franz, Kustode der MAK Sammlung Glas und Keramik, erinnert sich an die Neuentdeckung des Hauses Anfang der 1990er Jahre zurück.

Hoffmanns Geburtshaus, 2007
© Wolfgang Woessner/MAK

„Als wir das Haus erstmals besuchten, war im Obergeschoß noch die Gemeindebibliothek eingerichtet, die Böden waren belegt mit Schichten von Linoleum, die Wände waren übertüncht“, erzählt Rainald Franz. Im Mai 1992, kurz nach der „Samtenen Revolution“ in Tschechien, besichtigte er gemeinsam mit Kolleg*innen aus dem MAK zum ersten Mal das Geburtshaus Josef Hoffmanns.

Die Initiative für das Engagement in Brtnice kam 1991 vom tschechisch-österreichischen Architekturtheoretiker Jan Tabor. Über ihn und seine geplanten Exkursionen für die Architekturklasse der Akademie der Bildenden Künste erfuhr der damalige MAK Direktor Peter Noever vom Geburtshaus. Noever war von Anfang an fasziniert und machte sich stark für eine transnationale Kooperation. Für den Sommer 1992 hatte er bereits die Idee für eine erste Ausstellung geboren: DER BAROCKE HOFFMANN: Josef Hoffmann in seinem Geburtshaus in Mähren, die sich den Wurzeln von Hoffmanns Schaffen als Architekt und Designer widmete. Hanna Egger, die damalige Leiterin der MAK Bibliothek und Kunstblättersammlung, kuratierte diese erste Ausstellung unter Mitwirkung von Jan Tabor und Rainald Franz.

Eröffnung der ersten Ausstellung im Josef Hoffmann Museum DER BAROCKE HOFFMANN, 1992
© Verein der Freunde Josef Hoffmanns, Brtnice/MAK
Eröffnung der ersten Ausstellung im Josef Hoffmann Museum DER BAROCKE HOFFMANN, 1992
© Verein der Freunde Josef Hoffmanns, Brtnice/MAK

Davor standen Verhandlungen mit dem Brtnicer Bürgermeister und mit der damaligen Leiterin der Ortsbibliothek und Vorsitzenden der in Brtnice ansässigen Josef Hoffmann Gesellschaft Eliska Nosalová. Sie unterstützten das Anliegen, diesen geschichtsträchtigen Ort kulturell im Zeichen des Erbes von Josef Hoffmann neu zu beleben. Das MAK erreichte den kurzfristigen Umzug der Gemeindebibliothek, die noch in den oberen ehemaligen Wohnräumen der Hoffmanns untergebracht war, um dort eine erste temporäre Ausstellung einrichten zu können. Rasche Renovierungsarbeiten vor der Ausstellung brachten Teile des ursprünglichen Interieurs ans Tageslicht. „Wir haben die Linoleumböden und auch die Gaskonvektor Heizungen herausgenommen. Die Holzböden, die darunter zum Vorschein kamen, stammten noch aus 1800 und waren fast unversehrt, wir mussten sie lediglich scheuern und ölen“, erinnert sich Franz.

Mit dem damaligen Ausstellungsgestalter Michael Embacher entwickelten sie ein Hängesystem aus geschweißten Eisenstangen, um die Hoffmann-Zeichnungen aus dem MAK dort aufzuhängen. Dabei kam es auch zu unvorhersehbaren Entdeckungen. Rainald Franz: „Eines nachts ist eine Stange aus der Wand gebrochen und die in Teilen erhaltenen originalen schablonierten Wandgestaltungen von Hoffmann sind unter den Schichten von Farbe sichtbar geworden.“

Ehemaliger Wohnraum von Josef Hoffmann in seinem Geburtshaus, 2014
© MAK/Katrin Wißkirchen
Ehemaliger Wohnraum von Josef Hoffmann in seinem Geburtshaus, 2014
© MAK/Katrin Wißkirchen

Aus der Sommerausstellung 1992 erwuchs der Plan, das barocke Bürgerhaus der Familie Hoffmann wieder in einen Zustand zu versetzen, der Hoffmanns geplanter Gestaltung nahekommt und es als internationales Josef Hoffmann Museum zu etablieren. In dem Haus hatte Josef Hoffmann bis 1945 jährlich mit seinen Schwestern seine Sommerfrische verbracht. „Sein Geburtshaus in Brtnice gestaltete Josef Hoffmann 1907, nach dem Tod seiner Eltern, um und griff dabei auf eine für ihn typische Mischung von Erbstücken aus seiner Familie im Stil des Biedermeier und Barock sowie auf vernakuläre Formen zurück, außerdem auf aktuelles Mobiliar im Stile der Wiener Werkstätte“, so Rainald Franz.

Anhand des von Josef Hoffmann initiierten Artikels von Peter Lein über die Neugestaltung seines Elternhauses – publiziert im Jahr 1911 mit Fotos in der Zeitschrift Das Interieur, konnten die MAK Kurator*innen Hanna Egger, Elisabeth Schmuttermeier und Christian Witt-Dörring Objekte bestimmen und klären, wie der Designer die Ausstattung des Hauses geplant hatte. Rainald Franz: „Für Josef Hoffmann war das Haus immer eine Quelle der Inspiration. Sein Geburtshaus diente ihm als eine Art Laboratorium, das er nach seinem Geschmack umgestaltete. Der Hausrat der Eltern und Großeltern stand dabei im Dialog mit seinen Entwürfen der Wiener Werkstätte.“

Historische Ansicht, Enfilade
© Verein der Freunde Josef Hoffmanns, Brtnice/MAK
Historische Ansicht, Durchfahrt
© Verein der Freunde Josef Hoffmanns, Brtnice/MAK

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und entsprechend der Beneš-Dekrete, wurden Josef Hoffmann und seine Schwestern als Deutschstämmige in der kommunistisch regierten Tschechoslowakei enteignet, das Haus wurde nach 1945 beschlagnahmt. Zunächst wurde es von der Gemeinde verwendet, war Arbeiterclub und dann bis 1992 Standort der Gemeindebibliothek. Bereits vor der samtenen Revolution in den 1980er Jahren hat es vonseiten der Tschechoslowakei Bemühungen gegeben, das Haus zu restaurieren. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs war das Geburtshaus bereits deutlich in die Jahre gekommen, da auch kein Geld vorhanden war, um es entsprechend konservatorisch zu betreuen. „An der Fassade war eine Erinnerungstafel an Hoffmann angebracht. Unten beim Eingang, wo sich heute der Shop befindet, hatte sich ein Lebensmittelladen eingemietet“, beschreibt Rainald Franz den vorgefundenen Zustand.

Aus Mitteln der EU-Kulturförderung konnte Ende der 1990er-Jahre ein „Phare-Projekt“ initiiert werden. Es sicherte die finanziellen Ressourcen zur Restaurierung des Geburtshauses Josef Hoffmanns, die 2004 abgeschlossen werden konnte. Das Brünner Denkmalamt führte die Renovierung federführend durch, mit inhaltlicher Unterstützung des MAK. Aufgrund restauratorischer Befundungen und historischer Dokumente konnten die ursprünglichen Wandgestaltungen in den von Josef Hoffmann umgestalteten Wohnräumen mit eigens geschnittenen Schablonen und in den Originalfarben rekonstruiert werden. „Das Besondere an diesem Gebäude ist, dass der komplette Zyklus der Wandgestaltung, wie ihn Hoffmann imaginiert hatte, nun wieder zu sehen ist. Das ist weltweit einmalig“, so Rainald Franz. Die Fenster und die Fassade wurden komplett erneuert. Es erfolgte auch eine Renovierung und Neugestaltung des Stalltraktes, in den die Gemeindebibliothek übersiedelt wurde. Die von Hoffmann geplante sogenannte „Pawlatsche“ als Gartenpavillon wurde anhand von Originalfotos und -plänen neu errichtet.

Historische Ansicht, Stadel
© Verein der Freunde Josef Hoffmanns, Brtnice/MAK

Seit 2006 wird das JOSEF HOFFMANN MUSEUM vom MAK und der Mährischen Galerie in Brno als gemeinsame Expositur geführt. In jährlichen Wechselausstellungen werden Hoffmanns Werk Zugänge ausgewählter Zeitgenoss*innen und Positionen aktueller Architekt*innen und Künstler*innen gegenübergestellt. Seit 2009 gibt die Dauerausstellung Josef Hoffmann Inspirations Einblick in Hoffmanns einflussreiches Erbe als Designer und Architekt. Im Juni 2022 eröffnete die Ausstellung 15 JAHRE JOSEF HOFFMANN MUSEUM mit einen Rückblick auf die vergangenen Ausstellungen.

 

Eröffnung der Ausstellung 15 JAHRE JOSEF HOFFMANN MUSEUM im neu renovierten Stadl, 2022
© MAK

Das Gebäude versteht sich heute auch als kultureller Treffpunkt für Bewohner*innen der Gemeinde und für Kulturtourist*innen. Im Garten befindet sich seit 2019 auch ein tiny house, geplant und realisiert mit der Mährischen Galerie, Brno, das im Zuge des INTERREG-Projekts Bilaterale Designnetzwerke entwickelt wurde.

Der große Stadl im Garten des Hoffmann Hauses wurde renoviert und wird nun für Veranstaltungen und künftig auch als Multimedia Raum der Gemeinde Brtnice genutzt. „Ein Ort, der einst Josef Hoffmann als Inspiration diente, soll auch weiterhin junge Designer*innen und Künstler*innen anregen“, so Rainald Franz.

Organic Hoffmann, Stickler & Ďugelová
© NDU

Ab 25. September 2022 werden im Josef Hoffmann Museum die Ergebnisse des MAK Design Camps (2018/19) und des heuer veranstalteten Workshops Reinterpreting Hoffmann an der New Design University St Pölten (NDU) zu sehen sein. Das MAK und die Mährische Galerie luden ausgewählte tschechische und österreichische Studierende ein, Ideen für die Gestaltung des Geburtshaues zu entwickeln. Nach der Präsentation im Stadel des Museums werden die Entwürfe – Vermittlungsprogramme, Sitzmöbel, Entwürfe für den Garten und den Vorplatz sowie maskenartige Objekte, die nach einer digitalen und analogen dreidimensionalen Interpretation von ausgewählten Musterentwürfen Hoffmanns entstanden sind – in die Sammlung in Hoffmanns Geburtshaus aufgenommen.

Die Workshops wurden im Rahmen der Projekte ATCZ143 Bilaterale Designnetzwerke und ATCZ264 JH Neu digital / Nově digitální, INTERREG Österreich – Tschechische Republik, mit finanzieller Unterstützung des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung durchgeführt.

Seit 2008 werden die Projekte des MAK in Kooperation mit der Mährischen Galerie in Brno fast durchgehend mit Mitteln des Programms INTERREG V-A Österreich-Tschechische Republik finanziert.

Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung lädt das MAK am 25. September 2022 zu einer MAK ON TOUR ins Josef Hoffmann Museum.

Bis Ende Oktober ist die im Juni eröffnete Schau 15 JAHRE JOSEF HOFFMANN MUSEUM zu sehen.

Hoffmanns Geburtshaus, 2014
© MAK/Katrin Wißkirchen

Ein Beitrag von Ulrike Sedlmayr, MAK Presse und Öffentlichkeitsarbeit

 

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