Nahaufnahmen am Gerüst: Seltene Einblicke im MAK während des Lockdowns

Die Schließungen des MAK aufgrund der Corona-Krise stellen das MAK vor große Herausforderungen. Sie ermöglichen aber auch Arbeiten, die bei Publikumsbetrieb schwer durchzuführen sind. Unter anderem wurden im Frühjahr 2021 die Glasfenster von Isolde Joham-Höllwarth in der MAK-Säulenhalle gereinigt. Das dafür aufgestellte Gerüst eröffnete einen seltenen, nahen Blick auf die Deckenmalerei und auf die Glasfenster, die Beate Murr, stellvertretende Leiterin MAK-Restaurierung und Werkstätten, aus diesem Anlass für den MAK-Blog vorstellt.

Bei normalem Museumsbetrieb wäre es nicht ohne weiteres möglich gewesen, ein Gerüst auf der Feststiege in der Säulenhalle zu platzieren. Es verstellte teilweise den Fluchtweg und reduzierte ihn in der Breite drastisch. Für die Restaurator*innen des MAK bot eben dieses Gerüst seit Jahren eine der ersten Gelegenheiten, die herausragende Deckenmalerei und die Glasfenster eingehend zu studieren.

 

Die Deckenmalerei im Ferstl-Bau am Stubenring ist Secco-Malerei, das ist Wandmalerei auf trockenem Putz. Das zentrale Deckenmotiv stammt von Ferdinand Laufberger (1829–1881), Gustav Klimts Lehrer. Pietro Isella (1827–1887), ein auf dekorative Elemente spezialisierter Maler, schuf die ornamentierten Felder.

 

Sein Name steht für viele anonyme Künstler, die diese Dekorationsmalerei in zahlreichen Ringstraßenbauten und Palais schufen. Bei näherer Betrachtung erkennt man viele verschiedene Hände, die gleiche Motive schufen. Die Vorgangsweise war sehr schnell und effizient: Die Grundfarben wurden mittels Schablonen aufgetragen, nur die Höhen und Binnenzeichnungen individuell hinzugefügt, meist in Komplementärfarben. Die Schablonenmotive wiederholen sich alternierend, unterschiedliche Schablonen wurden miteinander kombiniert. Dadurch ergibt sich der Eindruck, es handle sich um individuelle Malerei.

 

In der Hauszeitschrift des Museums (Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VI (1871/74), p. 498 ff) ist nachzulesen: „Wir betreten nun die Hauptstiege, welche, offen gelegen, von der unteren Arcade zur oberen hinaufleitet. Die untere Hälfte führt gerade in der Mitte des Gebäudes zum Ruheplatze, von wo sich die Stiege in zwei Arme nach rückwärts theilt. Beleuchtet ist sie von beiden Seiten, von der Halle her, wo sie offen ist, sowie durch drei Fenster, die mit gemalten Gläsern in entsprechendem Styl der Renaissance verschlossen werden; jedoch ist nur eines derselben fertig geworden. Die Wände des Stiegenhauses sind mit geschliffenem Stuckmarmor bedeckt, Candelaber zieren die Geländerpfeiler. Den reichsten Schmuck zeigt aber die Decke, welche in dem gleichen Styl der übrigen Ornamentation, jedoch bedeutungsvoller bemalt ist. Grotesken auf abwechselnd blauem und rothem Grunde zieren die Gewölbflächen, während die Mitte des Spiegels ein Rundfeld einnimmt, auf welchem die Göttin der Schönheit, die Aufgabe des Museums allegorisch andeutend, auf Wogen einherschwebt. In den vier Ecken des Spiegels befinden sich, ebenfalls in Rundfeldern, die Figuren der Künste. Alle figürlichen Malereien des Stiegenhauses sind von Laufberger entworfen und ausgeführt, die ornamentalen von Isella.“

Das Stiegenhaus ist bis heute unversehrt erhalten, nur die erwähnten Fenster wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Wilhelm Mrazek (1913–1983, Direktor des Museums 1968–1978) beauftragte Isolde Maria Joham-Höllwarth (*1932), drei Glasfenster im Aufgang der „Prunktreppe“ zu gestalten. Joham-Höllwarth studierte von 1949 bis 1954 Malerei bei Eduard Bäumer an der Hochschule (heute Universität) für angewandte Kunst Wien. Seit 1955 war sie dort Lektorin und Assistentin für Malerei, Grafik und Glaskunst, von 1963 bis 1985 leitete sie die Klasse für Glasgestaltung. Einige ihrer Werke wurden in der MAK-Hauszeitschrift Alte und Moderne Kunst (VIII, 1963, Heft 66), publiziert.

Isolde Joham-Höllwarth wollte eigentlich Mathematik studieren und nicht Malerei. Geblieben ist ihr nach eigenen Angaben ein Hang zu Ordnung und Zahlen. Sie vereint zwei gegensätzliche Pole: Inspiration, Fantasie und Freiheit auf der einen sowie Strenge, Disziplin und Zwang auf der anderen Seite. Ihr Ziel ist die Ergänzung der beiden Pole zur Mitte.

Die Fenster im MAK beinhalten als Gestaltungsprinzip das Quadrat als Inbegriff der Malerei und den Kreis als Symbol des Geistes. Joham-Höllwarth bezeichnet sie als Meditationsbilder, sogenannte Mandala.

 

In der MAK-Bibliothek und Kunstblättersammlung sind sowohl die Werkzeichnungen für die Fenster als auch Fotografien des Einbaus im Jahr 1970 erhalten.

 

Die Glasfenster wurden von Isolde Joham-Höllwarth auch handwerklich selbst angefertigt. Die traditionelle Technik der Bleiverglasung wird hier in zeitgenössischer Farbgebung und Komposition fortgeführt.

 

Durch die Reinigung lässt sich wieder die volle Strahlkraft der Farben erfahren. Gerade bei Sonneneinfall ergeben sich lebendige Farbenspiele. Nicht umsonst gehören die Glasfenster von Isolde Joham-Höllwarth zu den meistfotografierten Ausstattungskunstwerken des Gebäudes.

Ein Beitrag von Beate Murr, Stellvertretende Leitung Restaurierung und Werkstätten im MAK

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