ES GIBT KEINEN ZWEITEN … ODER DOCH?

Der Fuji-san ist nicht nur einer der höchsten Berge Japans, sondern auch einer der bekanntesten der Welt. Seine Faszination für die Einzigartigkeit des Vulkans brachte schon der Ukiyo-e-Meister Katsushika Hokusai (1760–1849) in seinen drei Skizzenbüchern der 100 Ansichten des Berges Fuji zum Ausdruck: Er verwendet darin ein Wortspiel, das sowohl als Fuji, als auch „funi“ [es gibt keinen zweiten] gelesen werden kann.

Die Japanologin Susanne Klien hat sich gemeinsam mit Johannes Wieninger, Kustode MAK-Sammlung Asien, auf die Suche nach Bildern des Fujis in der MAK-Sammlung und im japanischen Alltag gemacht. Hier ihre Bildgeschichte über den Fuji-san, der seit annähernd 150 Jahren als Nationalsymbol Japans verwendet wird:

Die Popularität des Fuji-san

Im Alltag der JapanerInnen ist der Berg als Glückssymbol ein permanenter Begleiter. Nicht nur wegen der religiösen Bedeutung und der Popularität des Fuji-san als Pilgerziel existieren unzählige Darstellungen in den verschiedensten Medien, vom Kunstwerk bis hin zum Souvenir.

Kawamoto Masukichi I (1831–1907), Zierplatte Fuji, Seto, vor 1872, Meiji-Periode (1868–1912) Porzellan mit Bemalung in Kobaltblau unter transparenter Glasur © MAK Fuji in der MAK-Sammlung
Kawamoto Masukichi I (1831–1907), Zierplatte Fuji, Seto, vor 1872, Meiji-Periode (1868–1912)
Porzellan mit Bemalung in Kobaltblau unter transparenter Glasur
© MAK

So entstand etwa dieses Porzellanbild des Fuji von Kawamoto Masukichi I (1831–1907) im Auftrag der japanischen Regierung für die Wiener Weltausstellung 1873 und wurde im Anschluss dem heutigen MAK gewidmet. Es handelt sich dabei um eines der ersten repräsentativen Bilder des Fuji zu seiner Inszenierung als Nationalsymbol in der Meiji-Zeit.

Der höchste Berg und der schnellste Zug

Seit den 1960er Jahren kam zum traditionellen Fuji-Bild der schnellste Zug der Welt: Der Shinkansen verbindet Japan von Ost nach West und ist Symbol für eine technische Pionierleistung. Diese Verbindung von Tradition und Fortschritt zeigt die Fotografie aus dem über 300 km/h schnell fahrenden Shinkansen auf den Fuji – ein verzerrter Blick auf die Realität.

Fuji aus dem Shinkansen © Johannes Wieninger Fuji in der MAK-Sammlung
© Johannes Wieninger

Der Fuji-san im japanischen Alltag

Wie sehr der Fuji-san in die unterschiedlichsten Lebensbereiche der JapanerInnen integriert ist, zeigt beispielsweise dieses großformatige Wandbild aus einem öffentlichen Bad (sento). Laut einem der letzten Sento-Maler gilt der Fuji-san auch als Symbol für Erholung und Glück.

Fuji-Wandmalerei in einem öffentlichen Bad, © Susanne Klien Fuji in der MAK-Sammlung
© Johannes Wieninger

Die permanente Fortschreibung des Themas findet sich selbst im digitalen Alltag. So stammt diese Essschale mit dem ornamental interpretierten Fuji-Motiv aus einem Shop, der ausschließlich Gaming- und Virtual-Reality-Produkte anbietet. Die Schale trägt das Motiv des Berges, wobei die grobe Pixelung an frühe Computerspiele erinnert.

Fuji Porzellan © Susanne Klien Fuji in der MAK-Sammlung
© Susanne Klien

Illustrationen des Fuji-san in der MAK-Sammlung

Nicht nur im wörtlichen, sondern auch im rituellen Sinn wird dem Aspekt der Reinheit in Japan traditionell ein sehr hoher Stellenwert beigemessen. Die Illustration Berg Fuji in einem Grasreifen, aus: 100 Ansichten des Berges Fuji (1840–1847) von Hokusai zeigt sowohl die physische wie auch die geistige Reinigung: Vor dem Betreten heiliger Orte waschen sich die BesucherInnen bei einem Brunnen, während der Shinto-Priester symbolisch einen im Torii (Schreintor) hängenden Reif reinigt. Wie ein „Bild im Bild“ umrahmt dieser den Fuji, der ebenfalls als Symbol für Reinheit gilt.

Katsushika Hokusai (1760–1849), Berg Fuji durch ein Fenster betrachtet, aus: 100 Ansichten des Berges Fuji, Japan, 1835, Tenpo (1830–1844) Farbholzschnitt © MAK Fuji in der MAK-Sammlung
Katsushika Hokusai (1760–1849), Berg Fuji in einem Grasreifen, aus: 100 Ansichten des Berges Fuji, Japan, 1835, Tenpo (1830–1844), Farbholzschnitt
© MAK

Berg Fuji durch ein Fenster betrachtet ist der eigentliche Titel eines weiteren Blattes aus den 100 Ansichten des Berges Fuji. Das runde Mondfenster fokussiert den Blick auf den Berg, der wieder als „Bild im Bild“ – auch „geborgte Landschaft“ (shakkei) genannt – externe und interne Realität verschmelzen lässt. Sicherlich ließ sich der Schreiber von der harmonischen Form des Fuji in seiner Arbeit inspirieren.

Katsushika Hokusai (1760–1849), Berg Fuji durch ein Fenster betrachtet, aus: 100 Ansichten des Berges Fuji, Japan, 1835, Tenpo (1830–1844) Farbholzschnitt © MAK Fuji in der MAK-Sammlung
Katsushika Hokusai (1760–1849), Berg Fuji durch ein Fenster betrachtet, aus: 100 Ansichten des Berges Fuji, Japan, 1835, Tenpo (1830–1844), Farbholzschnitt
© MAK

Die Lemuren von Franz West vor dem MAK als geborgte Landschaft

Japanischer Schlüsselanhänger auf Fotografie eines Lemurenkopfs von Franz West © Johannes Wieninger Fuji in der MAK-Sammlung
Japanischer Schlüsselanhänger auf Fotografie eines Lemurenkopfs von Franz West
© Johannes Wieninger

Mit Hilfe eines Schlüsselanhängers, einer „unvergleichlichen Massenware“ aus Japan, kann sich der/die BesitzerIn immer und überall einen Blick auf den Heiligen Berg (ver)schaffen. Das „Bild im Bild“, gesehen durch das blaue Mitbringsel, das die einfache Stanzform des heiligen Berges zeigt, entsteht hier durch die 4 Larven (Lemurenköpfe, 2001) von Franz West. Nicht anders als in der technisch komplizierten Augmented-Reality verschwimmen externe und interne Realitäten.

Ein Beitrag der Japanologin Susanne Klien, Sapporo, und von Johannes Wieninger, Kustode MAK-Sammlung Asien.

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