DAS EINZIGE ERHALTENE HABANER-DORF IN VEL’KÉ LEVÁRE (Großschützen)

Nur 120 km nordöstlich von Wien in der westlichen Slowakei taucht der Reisende in eine andere Welt ein. Michael Macek stellt für den MAK-Blog das einzige erhaltene Habaner-Dorf in Vel’ké Leváre vor. Als unbekannte Unesco-Welterbestätte dokumentiert es bis heute auf einzigartige Weise das Leben der Habaner in Mitteleuropa.

Die Habaner sind jene Hutterer, die nach der Schlacht am Weißen Berg bei Prag am 8. November 1620 wegen ihres Glaubens aus Böhmen vertrieben wurden und in Mähren und Oberungarn (der heutigen Slowakei) eine neue Heimat fanden. In Ungarn lassen sich die ersten Habaner bereits ab der Mitte des 16. Jahrhunderts nachweisen: sie gehen zurück auf den Südtiroler Hutmacher Jakob Hutter, der 1536 vor dem Goldenen Dachl in Innsbruck auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Er hatte versucht, mit seinen Anhängern die Gemeinden der ersten Christen nachzuahmen, die vom Heiligen Geist geleitet und auf gemeinschaftlichen Besitz von Vermögen und Produktionsmitteln begründet waren – jegliches Privateigentum ablehnend.

Habanerdorf
Das Habanerdorf in Vel’ké Leváre, 2016-2018
© Michael Macek

Nach 1620 konnten die damals knapp 40 000 Habaner nur noch in Ungarn (auf dem Gebiet der heutigen Slowakei) und in einigen Orten in Südmähren leben. Als religiöses Zentrum der Habaner etablierte sich dabei Sobotište, das auch Sitz des einzigen Habaner-Bischofes wurde (Andreas Ehrenpreiss, 1589–1662). Bis 1685 waren die Habaner in Ungarn als religiöse Gemeinschaft „offiziell“ anerkannt, erst danach begann unter dem katholischen Kardinal Leopold Karl von Kollonitsch deren Zwangskatholisierung.

Der Begriff Habaner leitet sich wahrscheinlich aus dem Hebräischen (ha-banim) ab und bedeutet „Kinder Gottes“, wobei das Wort Habaner sowohl im Slowakischen (habáni) als auch im Ungarischen (habánerek bzw. habánusok) existiert. In späteren Zeiten bezeichneten sich die Habaner auch als Täufer oder gar Wiedertäufer und als Anabaptisten. Wobei alle Mitglieder gleichberechtigte „Brüder“ und „Schwestern“ waren, die in einem „Bruderhof“ (auch „Haushabe“ genannt“) zusammenlebten. Mehrere Bruderhöfe bildeten ein eigenständiges Habanerdorf, das mehrere Hundert Bewohner umfassen konnte.

Habanerkapelle
Die Habanerkapelle in Vel’ké Leváre, 2016-2018
© Michael Macek

Das Habanerdorf von Vel’ké Leváre, am westlichen Ende des gleichnamigen Dorfes gelegen, gehörte zu den größten Habaner-Siedlungen Europas und bestand aus 35 Lehmhäusern, einer Kapelle mit Turm, einer wassergetriebenen Mühle sowie einer Schule. Zwischen 250 und 300 Bewohner lebten hier, wobei bis heute knapp 30 Häuser im Original erhalten sind. Die Häuser sind aus ungebrannten Ziegeln bzw. gestampftem Lehm gemauert und bestanden bis zu ihrer Modernisierung (heute sind bis auf ein Haus alle bewohnt) aus einer geräumigen Halle, die als gemeinsame Werkstätte genauso diente wie als Küche und Speisesaal, sowie einem Dachgeschoß mit winzigen Kammern zum Schlafen. In der Mitte der Halle stand ein hölzerner Pfeiler, der das Obergeschoß trug. Besonders auffällig an den Häusern der Habaner ist das sehr steile Dach, das ursprünglich mit Stroh eingedeckt war, sowie die Existenz mehrerer Kaminschlote. Einer war für die Küche bestimmt, die anderen für die Brennöfen zur Keramikherstellung. Die Dachkonstruktion war so berühmt, dass im 17. Jahrhundert ein Buch darüber erschien.

Habaner Strohdach
Beschreibung des Baus eines Habaner Strohdaches, 1772
© Diána Radváni, Lászlo Réti: CERAMIC ART OF THE HABANS, Vörösváry – Kieselbach / Novella Könyvkiadó

1972 unter kommunistischer Herrschaft bereits zum architektonischen Nationaldenkmal erklärt, wurde die Habaner-Siedlung nach der Wende 1989 u.a. mit Mitteln der Europäischen Union generalsaniert und in die UNESCO Welterbeliste aufgenommen. Als Besonderheit mag gelten, dass das gesamte Dorf inklusive Kapelle für jedermann frei zugänglich ist, obwohl es sich nicht um ein Freilichtmuseum handelt, sondern um ein Wohnviertel. Auf einem der großen Plätze wurde ein Haus, das nicht mehr zu retten war, mit Ausnahme des Eingangstors und einiger Mauerreste abgetragen. Der Grundriss wurde im Boden mit Steinen festgehalten, sodass man einen Eindruck von der Größe der Halle gewinnen kann und auch jenen Punkt findet, wo der zentrale hölzerne Pfeiler stand. Durch diesen Eingriff konnte eine Art Open Air Bühne entstehen, die heute vom ganzen Ort genutzt wird.

Habanerdorf
Das Habanerdorf in Vel’ké Leváre, 2016-2018
© Michael Macek

Die Organisation der Bruderhöfe, die durch eine Mauer gleich einem Ghetto von der übrigen Ortschaft abgetrennt waren, war sehr straff. Neben einem Qualitätsmanager, der mangelhafte Handwerksware sofort vernichtete, durfte auch nur eine einzige Person aus der Gemeinschaft nach außen hin auftreten, um Geschäfte abzuschließen. Heute wird – da nur diese erhalten geblieben ist – immer nur die Keramikproduktion mit Habanern in Verbindung gebracht. Doch die Habaner haben auch Lederwaren, insbesondere Schuhe, Kleidung und Stickereien gefertigt. Für ihre hohen Qualitätsansprüche waren sie berühmt. Besonders beim ungarischen Adel aber auch bei den Fürsten Liechtenstein waren diese handwerklichen Produkte sehr begehrt. Im Gegenzug erhielten die Habaner Schutz von den Landeigentümern gegen die Attacken der katholischen Kirche. Damen aus dem Grafengeschlecht der Károlyi übernahmen im 18. Jahrhundert die Patronanz über neue Habaner-Siedlungen, um leichter an deren Produkte zu gelangen.

Habaner-Keramikobjekte sind aus zweifach gebranntem Ton und mit einer bläulich-weißen Antimonglasur überzogen, die die Objekte nicht nur wasserdicht macht. Sie erzeugt auch einen besonders schimmernden Glanz, der zur Veredelung beiträgt und den Einfluss der italienischen Fayence widerspiegelt. Auf diese gebrannte Antimonglasur wurde dann mit Aufglasurfarben gemalt und diese noch einmal eingebrannt.

Apothekergefäß
Apothekergefäß, 1609
Habanerkeramik
© MAK/Georg Mayer

Die Bemalungen der Habaner-Keramiken sind beeinflusst von der italienischen Renaissance. Die Ornamentik nimmt aber auch Anleihen an der Türkischen Ornamentik und an Verzierungen aus dem Schweizer Winterthur und Tirol. Bereits 1627 gab es eine Zusammenstellung, welche Formen mit welchem Dekor von welchen Orten zu welchem Preis zu beziehen sind.

Heute sind Habaner-Keramiken vielbegehrte Sammlerobjekte und in den Sammlungen großer Museen der Welt zu finden – u.a. auch im MAK.  Im 20. Jahrhundert wurde eine Klassifizierung in „Habaner-“ und „Posthabaner-Keramik“ eingeführt. Erstere umfasst jene Objekte, die zwischen 1590 und 1730 entstanden sind, zweitere alle Keramiken danach, wobei als Trennlinie die „weitestgehende Katholizierung“ der Habaner um 1730 angenommen wird.

Das Familienleben der Habaner war vorbildlich. Mehr als 200 Jahre vor der Einführung der allgemeinen Schulpflicht durch Maria Theresia gab es ab 1568 ein verpflichtendes Schulsystem für Kinder ab zwei Jahren. Die meist ungebildete, katholische Dorfbevölkerung, die des Lesens und Schreibens unkundig war, stand den Habanern feindlich gegenüber. So sind Pogrome und Übergriffe der lokalen Bevölkerung bis ins 20. Jahrhundert – auch in Vel’ké Leváre – überliefert. Aber erst mit den Nationalsozialisten fand die mehr als vier Jahrhunderte dauernde Habaner-Besiedlung in Vel’ké Leváre ihr tragisches Ende. Die ab Beginn des 20. Jahrhunderts stark abnehmende Gemeinschaft wurde gemeinsam mit den wenigen Juden des Dorfes ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert.

Die wichtigsten Ereignisse, wie Geburten, Todesfälle, Hochzeiten aber auch Krankheiten, Unwetter, Überschwemmungen sowie Übergriffe der lokalen Bevölkerung lassen sich in den penibel geführten Tagebüchern der einzelnen Habaner-Gemeinschaften fast durchgehend ab dem 17. Jahrhundert nachlesen. Auch die gemeinschaftlichen Einnahmen aus dem Verkauf von Leder-, Stoff- und Keramikware und der Kundenkreis, der primär Adelige und ab dem 19. Jahrhundert Großbürger umfasste, sind dort dokumentiert. Bis heute schlummern diese Tagebücher in tschechischen und slowakischen Archiven und warten auf eine wissenschaftliche Aufarbeitung. Aus diesen Schriften ist aber auch ersichtlich, dass Musik eine bedeutende Rolle im Zusammenleben der Habaner spielte, wobei diese Musik nicht nur religiös sondern auch weltlich sein konnte.

Habánsky dvor, 908 73 Veľké Leváre, Slowakei, GPS: N48°30’7“ E16°59’41“: Die Privatsphäre der BewohnerInnen muss beim Besuch respektiert werden. Es handelt sich nicht um ein Freilichtmuseum, sondern um ein Wohnviertel!

Ein Beitrag von Michael Macek, Mitarbeiter der MAK-Sammlung Glas und Keramik und freiberuflicher Kulturmanager

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