Hilda Jesser – Meisterin der Wandgestaltung

Nach Vally Wieselthier verfolgt der MAK Blog die Karriere einer weiteren Künstlerin der Wiener Werkstätte. Hilda Jesser war hier sechs Jahre lang in der sogenannten Künstlerwerkstätte tätig, bevor sie an die Kunstgewerbeschule wechselte und dort als Professorin eine eigene Fachklasse leitete. Anne-Katrin Rossberg, Kustodin der MAK Sammlung Metall und Wiener-Werkstätte-Archiv, stellt eine kaum wahrgenommene Künstlerin vor, die durch eine Vielzahl von Wandgestaltungen im öffentlichen Raum einst sehr präsent war.

Gruppenbild Jesser
Hilda Jesser (ganz links) neben Lotte Calm, Fritzi Löw und Felice Rix in der Kunstgewerbeschule, um 1916 © MAK

Geboren wurde Hilda (auch Hilde) Jesser 1894 als Tochter eines Ingenieurs in Marburg an der Drau, dem heutigen Maribor. Nach der Matura in Baden bei Wien besuchte sie zwei Jahre die Kunstschule für Frauen und Mädchen, lernte dort Zeichnen und Malen bei Maximilian Kurzweil und hospitierte daneben an der Kunstgewerbeschule (KGS) bei Rosalia Rothansl, die die Textilwerkstätte leitete. 1914 trat sie in die KGS ein und studierte bis 1917 u.a. bei Oskar Strnad (Allgemeine Formenlehre), Josef Hoffmann (Architektur/Design) und Anton Hanak (Bildhauerei). Auf den Datenblättern, die jährlich auszufüllen waren, wurde auch der Berufswunsch abgefragt; im ersten Jahr gab Jesser hier „Lehrerin“ an, später auch „Modezeichnerin“ und „Theaterdekorateurin“.

Hilda Jesser, Verkaufsstelle Österr. Werkbund, Illustration aus dem Mappenwerk Das Leben einer Dame, 1916 © MAK

Mit Mode befasste sie sich im Zusammenhang mit den außergewöhnlichen Mappenwerken Mode Wien 1914/5 und Das Leben einer Dame, erschienen 1916, für die etliche Künstler*innen der Wiener Werkstätte (WW) und des Werkbunds handkolorierte Holz- und Linolschnitte lieferten. 1916 war auch das Jahr, in dem Hoffmann seine Studentin Hilda Jesser als freie Mitarbeiterin in die WW holte. Hier entwarf sie mehr als 200 Spitzen und Stickereien sowie Stoff- und Tapetenmuster, Holz- und Glasdekore, Schmuck, Spielzeug, Lederwaren, keramische Gefäße und Gebrauchsgrafik. Vor allem aber kam sie erstmals mit dem Thema Wandmalerei in Berührung.

1918 eröffnete die WW eine Filiale für Spitzen, Stoffe und Beleuchtungskörper in der Kärntner Straße 32. Josef Hoffmann, der die Einrichtung entwarf, beauftragte seine Mitarbeiterinnen mit der Wandgestaltung. Hilda Jesser übernahm einen Teil des Stiegenhauses, das sie mit hingestreuten Blütenzweigen, Ästen und kleinen Szenen dekorierte – ganz im Sinne eines unbeschwerten Einkaufserlebnisses.

 

Traditionell waren Frauen für die dekorative Gestaltung zuständig – seien es Künstlerinnen, die an der 1867 gegründeten Kunstgewerbeschule anfänglich vor allem in Dekormalerei und Musterzeichnen ausgebildet wurden, seien es Hausfrauen, die in diversen Einrichtungsratgebern dazu angehalten wurden, das Heim für die Familie zu schmücken. Die Zuständigkeit basierte auf der im 19. Jahrhundert entwickelten Theorie des „Geschlechtscharakters“, wonach Frauen nicht imstande waren komplex und räumlich zu denken. Die Rollenverteilung wirkte auch in der WW nach: Josef Hoffmann, Koloman Moser und Dagobert Peche entwarfen die Formen für Gläser und Möbel, die Künstlerinnen steuerten den Dekor bei. Peche nahm dabei eine gleichsam queere Ausnahmestellung ein und hatte als „Österreichs größtes Ornamentgenie“ (© Berta Zuckerkandl) starken Einfluss auf die stilistische Entwicklung der WW.

 

Auch in Hilda Jessers Formensprache lässt sich dieser Einfluss beobachten, und er hielt weiter an, als sie 1922 aus der WW ausschied. Dem ging der Streit um eine Fixanstellung voran, die ihr nicht gewährt wurde, darüber hinaus hatte sie offenbar Material und Infrastruktur benutzt, um fremde Aufträge auszuführen. Nichtsdestotrotz stellte ihr Hoffmann Jahre später ein Zeugnis aus, das die „sehr talentierte, fähige und einfallsreiche Künstlerin … jedermann zur Mitarbeit wärmstens“ empfahl.

Jesser wird Assistentin von Carl Witzmann an der Kunstgewerbeschule und gestaltet mit ihm 1923 die Ausstellung von Arbeiten des modernen österreichischen Kunsthandwerks im heutigen MAK. Eine Rezension in der Zeitschrift Deutsche Kunst und Dekoration bescheinigt ihren Wandmalereien „ein sommerlich-heiteres Gepräge“ – sie sind zugleich eine Hommage an den im April verstorbenen Dagobert Peche, dem die Schau eine Gedächtnisausstellung widmete.

Hilda Jesser (Wandmalereien), Carl Witzmann (Architektur), Mittelsaal der Ausstellung von Arbeiten des modernen österreichischen Kunsthandwerks, 1923 © MAK

1924 heiratet die Künstlerin Dr. Hubert Schmid, späterer Sektionschef im Finanzministerium, und trägt fortan den Doppelnamen Schmid-Jesser. Sie wechselt in die Fachklasse für Bildhauerei als Assistentin von Eugen Steinhof und 1932 in die Fachklasse für Malerei zu Wilhelm Müller-Hofmann. 1935 erhält sie den Titel „Professor“. Parallel führt sie diverse Aufträge für Wandmalereien in Privathäusern aus und wendet 1936 in der Sandleitenkirche im 16. Bezirk erstmals die Stucktechnik in großem Maßstab an.

 

Weitere Stuckarbeiten sind u.a. ein Scraffito am österreichischen Pavillon auf der Kunstgewerbe-Ausstellung in Paris 1937 sowie Stuckdecken im Badener Casino, 1938 im Café Imperial und 1941 im Musiksalon des Ständehauses Saarbrücken; nach dem Krieg im Café Hammerle sowie der Hofburg in Innsbruck, im Wiener Burgtheater, der Staatsoper und im Gewerbehaus der Wiener Handelskammer.

Wenige Wandgestaltungen von Hilda Jesser sind noch existent. Umso glücklicher macht der Umstand, dass ein Hauptwerk der Künstlerin erhalten geblieben ist: die Malereien in einem der Musikstudios des Funkhauses Wien. Dessen Architekt, Clemens Holzmeister, hatte Jesser hierfür 1937 vorgeschlagen, ausgeführt wurden sie im Laufe des Jahres 1939.

 

Dazwischen lag der „Anschluss“, der für Hilda Jesser ungeahnte Folgen hatte: Sie wurde zwangspensioniert. Begründet wurde diese Maßnahme damit, dass sich ihre „Tätigkeit als Lehrkraft im kunsterzieherischen Sinn mit den Richtlinien der Kunstbewegung der NSDAP nicht vereinigen lässt“. Dessen ungeachtet konnte sie die Funkhaus-Malereien ausführen, deren Inhalte – eine Aulandschaft mit verschiedenen Figuren- und Tiergruppen – offenbar harmlos erschienen. Bildaufbau und Malweise, die an Cezanne erinnern, sowie Motive, die an Chagall und Matisse denken lassen, entsprechen jedoch so gar nicht den NS-Kunstidealen. Damit erhalten die Malereien durchaus etwas Subversives. Am kommenden Samstag, den 2. Juli, wird sich Ö1 in einer Diagonal-Sendung diesem Werk widmen. Ein weiterer Link führt zu einer 360-Grad-Funkhaustour – unter Studio 3 werden die Malereien gezeigt und beschrieben.

1945 wurde Hilda Jesser rehabilitiert und leitete bis 1966 die Fachlasse für angewandte Malerei (Mosaik, Glasmalerei, Gobelin, Stuck) an ihrem alten Wirkungsort. Sie starb 1985 im Alter von 91 Jahren und wurde auf dem Hütteldorfer Friedhof begraben. Neben ihren Lebensläufen hat die Künstlerin einen Beitrag in der Zeitschrift Innendekoration hinterlassen, in dem sie die Bedeutung der Wandgestaltung eindrücklich festhält: Diese dürfe kein zufälliges Schmuckelement sein, sondern habe den Ausdruck der Architektur zu steigern. Insofern müsse man mit dem „Architekten … in kompositionellem Sinne ‚mitbauen‘“. Mit der Wand hatte sich Jesser (gemeinsam mit vielen weiteren Kolleginnen) ein künstlerisches Feld erobert, das monumentale Lösungen und Gestaltung statt Dekor forderte.

Ein Beitrag von Anne-Katrin Rossberg, Kustodin der MAK Sammlung Metall und Wiener Werkstätte Archiv – mit Dank an die Kolleginnen vom Archiv der Angewandten sowie an Sabine Plakolm, TU Wien.

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