Ein integrierter Musikautomat: Zur Restaurierung des Spielwerks im Kunstschrank von David Roentgen

Die Restauratorin für Musikinstrumente Marianne Siegl gibt in diesem MAK-Blog-Beitrag im Rahmen der Serie zum Kunstschrank von David Roentgen Einblick in die aufwendige Restaurierung des Flötenspielwerks und in die Rekonstruktion der fehlenden Harfe.

Im obersten Aufsatz des Kunst- und Kabinettschranks von David Roentgen, hinter dem Ziffernblatt der Uhr, versteckt sich auf engstem Raum ein technisches Wunderwerk: eine sogenannte Flöten- und Harfenuhr, die mit Hilfe eines aufziehbaren Laufwerkes und einer Stiftwalze vier Musikstücke zum Erklingen bringt.

Flöten und Laufwerk hinter der Uhr bei abgenommenem Aufsatz des Kunstschranks
© Marianne Siegl/MAK

Dieser außergewöhnliche „Musikautomat“ stammt aus der Werkstatt des deutschen Uhrmachers und Mechanikers Peter Kintzing (1745–1816) und konnte vor der Restaurierung des Roentgenschranks nicht mehr abgespielt werden. Das gesamte Spielwerk befand sich in einem beschädigten, unvollständigen Zustand, die Harfe fehlte zur Gänze. Als ausgebildete Restauratorin für Musikinstrumente übernahm ich die Restaurierung des Flötenwerkes und der Stiftwalze, sowie die Rekonstruktion der Harfe, während mein auf Uhren spezialisierter Kollege Nils Unger das Laufwerk restaurierte.

Der Aufbau der Flöten- und Harfenuhr

Das Flötenwerk besteht aus offenen Holzflöten, die Orgelpfeifen gleichen, sowie aus Bälgen, die über das Laufwerk bewegt werden und die angesogene Luft über eine sogenannte Windlade an die Flöten weitergeben. Zwei Flötenreihen zu je 20 Flöten, die im Oktavabstand zueinander gestimmt sind (ein hohes und ein tiefes Register), können einzeln oder auch gemeinsam gespielt werden.

Als Harfe wird das senkrecht hängende, flügelförmige Saiteninstrument (Zymbal) bezeichnet, das – ähnlich einem Hackbrett – von kleinen Hämmerchen angeschlagen wird. Sie besitzt mit 25 Tönen einen etwas größeren Tonumfang als die Flöten und spielt zu deren Melodiestimme vorwiegend die Begleitung.

Auf der Stiftwalze aus Messing sind vier auswählbare Musikstücke notiert. Für jeden Ton, den eine Flöte oder die Harfe spielen soll, steckt in der Walze ein Messingstift. Über kleine Hebel öffnet er entweder ein Ventil und lässt Luft in die Flöte strömen, oder er lässt einen Hammer eine Schlagbewegung auf die Saiten ausführen. Am Stirnende ist die Walze mit der Ziffer 3 versehen. Zwei weitere Stiftwalzen, die mit 1 und 2 beschriftet sind, tauchten im Zuge der Recherchen zur Restaurierung im Depot des Technischen Museums Wien auf. Sie können mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit dem Roentgenschrank zugeordnet werden.

Zustand vor der Restaurierung

Das Flötenwerk und die Stiftwalze wiesen zahlreiche Schäden auf: Elf der 40 Flöten fehlten gänzlich. Die vier Schöpfbälge und der Magazinbalg waren aufgrund des versprödeten Leders undicht. Der Pfeifenstock, auf dem die Flöten angeordnet sind, war verzogen und lag nicht mehr plan auf der Windlade auf. Die Windlade selbst war undicht, generell fehlten viele kleine Einzelteile, wie etwa Stimmplättchen.

Von der Stiftwalze waren bereits zahlreiche Stifte verloren gegangen, andere waren verbogen. Die schief stehenden Stifte brachen beim Versuch, sie aufzurichten, ebenfalls großteils ab. Letztlich waren fast 200 Stifte zu ersetzen.

Stark verbogene Stifte auf der Messingwalze
© Marianne Siegl/MAK

Restaurierung des Flötenwerks

Zunächst erfolgte die Trockenreinigung aller Einzelteile mit Pinsel, Staubsauger und Radierer. Probeweise wurden Risse im alten Leder der undichten Bälge mit neuen, angeschärften Lederstreifen hinterklebt. Das führte aber nicht zur gewünschten Dichtheit, das Material drohte erneut einzureißen. Daher wurde eine maßgetreue Kopie der Bälge hergestellt und in das Werk integriert, um die Originalbälge in ihrem gegenwärtigen Zustand zu konservieren.

Der originale Balg mit undichter Belederung und abgebrochener Plattenecke
© Marianne Siegl/MAK
Originalgetreue Balgkopie im montierten Zustand
© Marianne Siegl/MAK

Die Windlade wurde durch Schließen der zahlreichen – teils mit freiem Auge kaum sichtbaren – undichten Stellen, sowie teilweises Neubeledern der vermutlich nicht originalen Ventile abgedichtet. Der windschiefe Pfeifenstock konnte an die Windlade angepasst werden, indem die Luftlöcher an der Unterseite mit unterschiedlich hohen Papierringen umklebt wurden. Dadurch konnte der Abstand zwischen Pfeifenstock und Windlade überbrückt werden. So fließt der Luftzustrom wieder ohne Verlust an die jeweilige Flöte.

 

Die fehlenden elf Flöten wurden in Anlehnung an Maße und Hölzer der noch vorhandenen nachgebaut.

Die mehrfach gebrochene Flöte konnte geleimt und wieder zum Erklingen gebracht werden. Das fehlende Stück der Flöte wurde ergänzt, ebenso wie die Einhängevorrichtungen und Stimmplatten. Schließlich wurden die Flöten auf dem Pfeifenstock feingestimmt und intoniert.

Restaurierung der Stiftwalze

Für die fehlenden Walzenstifte wurde eine Vorrichtung gebaut, in der die Walze gelagert, gedreht und in jeder gewünschten Position fixiert werden konnte. Dann folgte eine aufwendige Arbeit: Die rund 200 abgebrochenen Stifte wurden mit einem Kugelfräser angesenkt, bevor sie mit einem feinen Bohrer ausgebohrt werden konnten. Die neuen Stifte wurden vor dem Einschlagen für einen festen Sitz konisch gefeilt. War ein Stift nur leicht verbogen, ließ er sich mit dem Setzeisen wiederaufrichten.

Ausbohren der abgebrochenen Messingstifte
© Marianne Siegl/MAK

Rekonstruktion der fehlenden Harfe

Am Beginn des Nachbaus der Harfe standen umfangreiche Recherchen zu ihrem ursprünglichen Aussehen. Als Vergleichsobjekt diente schließlich vor allem eine originale Harfe in einer weiteren, von David Roentgen erbauten Flöten- und Harfenuhr in den Sammlungen des Palais Liechtenstein in Wien. Zusätzliche Anhaltspunkte waren die 25 vorhandenen Hämmer, deren Führungsrechen die Breite des Saitenbandes vorgab, und nicht zuletzt das sehr beschränkte Platzangebot im Inneren des Kunstschranks.

Zur Bestimmung der unbekannten Töne, die die Harfe spielen sollte, war es notwendig, mittels Zeichenprogramm zumindest eines der vier auf der Stiftwalze notierten Musikstücke darzustellen. In ein vorgezeichnetes Raster wurde jede einzelne Stiftposition übertragen, danach konnte der Flötenpart getrennt von der Harfenbegleitung auf Notenlinien gesetzt werden. Erst durch die Lesbarkeit der Flötenstimme, von der die Tonbezeichnungen bekannt waren, wurde es möglich, auf die Begleittöne der Harfe zu schließen.

Eine große Unterstützung war mir dabei dankenswerterweise Univ. Doz. Dr. Helmut Kowar vom Institut für Musikwissenschaft an der Universität Wien. Er bestimmte anhand meiner Zeichnungen sämtliche Töne der Harfenbegleitung und transkribierte das Musikstück in Notenschrift. Er motivierte mich dazu, auch die übrigen drei auf der Walze notierten Stücke abzuzeichnen, um sie anschließend in Notenschrift zu setzen.

Die ersten acht Takte aus der Zeichnung vom ersten, auf der Walze notierten Stück (von links nach rechts zu lesen). Grüne Linien = Flöten, Rote Linien = Harfe. Rosa gefärbte Punkte sind Stiftergänzungen.
© Marianne Siegl/MAK
Die ersten acht Takte aus der Zeichnung vom ersten, auf der Walze notierten Stück (von links nach rechts zu lesen). Grüne Linien = Flöten, Rote Linien = Harfe. Rosa gefärbte Punkte sind Stiftergänzungen.
© Marianne Siegl/MAK

Beim Nachbau der Harfe orientierte ich mich bei der Holzauswahl (Kirsche, Ahorn, Buche und Fichte) und der Pergamentrosette hauptsächlich am Vergleichsobjekt im Palais Liechtenstein. Länge und Durchmesser der Messingsaiten wurden nach der vorgegebenen Stimmtonhöhe der Flöten und der gewünschten Auslastung des Materials ermittelt.

Die Montage der Harfe erfolgte schließlich über Einhängen in drei bereits vorhandene Löcher am Flötenwerkgestell.

 

Abspielen des Flöten- und Harfenspielwerkes

Nach dem Zusammenbau und mehrfachen Abspielen des Spielwerks stellte sich bald heraus, dass ein regelmäßiger Betrieb aus konservatorischer Sicht nicht vertretbar ist: Zu groß wäre die Abnutzung im Laufwerk, vor allem durch das recht hohe Antriebsgewicht zum Bewegen der Bälge. Bei den abschließenden Ton- und Videoaufnahmen wurden diese daher zur Schonung der Mechanik teils von Hand bewegt. Heute vermitteln vor allem diese Aufnahmen den Klang und die Funktionsweise des Spielwerkes.

Ein Beitrag von Marianne Siegl, selbständige Restauratorin mit Spezialisierung auf Musikobjekte und Klaviertechnikerin in Wien

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