„Es braucht einen langen Atem“ – der Designer und Mitbegründer der woom bikes Christian Bezdeka im Interview

Kinderräder der woom Original Serie gingen kürzlich als Schenkung in die MAK Sammlung Design ein. Im Gespräch mit den (y)MAK erzählt der Designer und Mitbegründer der woom bikes Christian Bezdeka über die Entstehung und Weiterentwicklung dieses Erfolgsprodukts und wie Nachhaltigkeit im Design und der Herstellung immer mitbedacht wird.

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woom Mitbegründer Christian Bezdeka mit MAK-Generaldirektorin Lilli Hollein
© Wolfgang Bohusch

Wie entstand die Idee zur Gründung von woom?

Vor der Gründung von woom hatte ich bereits Kinderflaschen und Kindermöbel gestaltet, und auch viele Projekte in der Fahrradindustrie, aber noch keine Kinderfahrräder. Als ich zum ersten Mal Vater wurde, begann ich mich mit dem Thema Kinderrad auseinanderzusetzen und war relativ enttäuscht von dem, was es damals am Markt gab. Ich zeichnete selbst erste Entwürfe und bot sie Herstellern an, ohne Erfolg. Mein ursprünglicher Plan war, mir einfach nur Prototypen bauen zu lassen. Ich lernte damals auch Marcus Ihlenfeld, den späteren Mitbegründer von woom, kennen, auch er suchte Fahrräder für seine Kinder. In seiner Garage haben wir an Prototypen getüftelt und sie gemeinsam mit Bojan, unserem ersten Mitarbeiter zusammengebaut. Aus der ersten Serie wurde die zweite Serie – in den ersten acht Monaten waren es 500 Räder. Uns wurde schnell klar, dass das ein Business ist und wir voll investieren wollen, vor allem auch unsere Energie.

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Was unterscheidet woom Fahrräder von konventionellen Fahrrädern?

Als Designer von Fahrrädern hatte ich schon eine vage Idee, wie ein Kinderrad sein sollte. Ich habe als Designer Erwachsenenfahrräder gestaltet, vor allem wirklich teure Carbon-Räder mit Verkaufspreisen jenseits von 10 000 Euro. Diese Fahrräder waren ursprünglich für den Renneinsatz gedacht. Dieselben Technologien und Entwicklungen wurden nach einigen Jahren verdichtet für Fahrräder für die Normalsterblichen und dann runtergeschrumpft auf Kinderräder. Ein Radanfänger braucht aber natürlich etwas anderes, als jemand, der gut fährt oder sogar Rennen fährt. Die Ergonomie war nicht passend, genauso wenig wie die Bremsen und Griffe. Man muss sich vorstellen: Vor woom waren Griffe bei Kinderrädern genauso dick wie bei Erwachsenenrädern, weil für den Lenker einfach das gleiche Rohr genommen wurde. woom war einer der ersten Hersteller mit dünneren Griffen für Kinder. Um diese Notwendigkeit zu erkennen, muss man nicht jahrzehntelang Design studiert haben. Auch die Bremsen waren teilweise viel zu groß und viel zu schwergängig. Früher haben Kinderräder auch 10 bis 13 Kilo gewogen, obwohl das Kind, das damit fährt, nur 15 Kilo schwer ist. Das musste verbessert werden.

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woom Mitbegründer Christian Bezdeka und (y)MAK Ninon Hauswirth mit einem woom bike der NOW-Serie
© (y)MAK

Mir war wichtig, die woom bikes kontinuierlich weiterzuentwickeln. Auch wenn sie von außen immer sehr ähnlich aussehen, werden sie alle ein bis zwei Jahre komplett neu auf den Markt gebracht. Ich hatte immer die Vision von woom als einem modernen Klassiker. Ein Kind braucht im Wachstum alle zwei bis drei Jahre ein neues Rad. Die woom-Qualität sollte so gut sein, dass ein Rad an das nächste Kind weitergegeben werden kann. Dazu gehört auch, dass die Optik zeitgemäß bleibt. Der letzte Schrei von Disney wäre in einem Jahr ein bisschen veraltet und spätestens in drei Jahren ein altes Eisen. Ein moderner Klassiker ist reduziert, er ist nicht modisch und kommt deswegen auch nicht aus der Mode. Diesen Ansatz verfolgen wir bei woom.

Du bist gelernter Biomedizintechniker und studierter Industriedesigner. In welchem Verhältnis stehen Technik und Design bei der Konzeption der Fahrräder?

Design sehe ich als Innovation. Ich würde sagen Innovation kommt aus dem Großen ebenso wie aus dem Kleinen, aus dem Big Picture und aus dem kleinen Detail. Manchmal ist eine Idee für eine neuartige Bremse oder sogar eine Idee für eine Befestigungsschraube der zündende Funke für die Innovation. Manchmal kommt die Innovation aus einer Vision, wie ein Kinderrad sein soll.
Ich sehe mich vornehmlich als Designer, aber die Technik ist ein Teil des Ganzen. Ein Design ist dann gut, wenn es das Skizzenpapier verlässt und zum produzierbaren Produkt wird. Da gehört die technische Umsetzung essenziell dazu, so wie die Kompetenz des Designers in der Umsetzung. Ich würde sagen, ich bin ein technischer Universaldilettant. Ich kenne sehr viele Produktionstechniken, aber keine im Detail. Für die Details haben wir in der Produktentwicklung und Produktion einen ganzen Haufen Ingenieure, die genau dafür zuständig sind.

(y)MAK in der Firmenzentrale von woom
©(y)MAK

Als Unternehmen habt ihr euch den Sustainable Development Goals (SDG) der Vereinten Nationen verschrieben und unterstützt zudem auch Sozialprojekte. Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in eurer Firmenphilosophie und bei der Produktion der Fahrräder?

Nachhaltigkeit spielt eine ganz zentrale Rolle, das kommt eigentlich aus einer totalen Logik: wir können nicht die Ressourcen der Kinder verschwenden und sagen es sei ein gutes Kinderprodukt. Nachhaltigkeitsaspekte spielen bei jeder woom-Entscheidung mit. Welches Material verwendest du? Wo lässt du es produzieren? Wie produzierst du es? Das ist in Summe ein langer Weg, den man geht – man wird auch besser und lernt dazu!

Wir beschäftigen uns viel mit Circular Economy. Wenn man ein zu klein gewordenes woom bike bei uns zurückbringt und gegen ein größeres umtauscht, bekommt man 40% auf die nächste Größe gutgeschrieben. Wir refurbishen es anschließend und verkaufen es als gebrauchtes Fahrrad.
Fast die Hälfte der Fahrräder, die wir in Europa verkaufen, produzieren wir mittlerweile in Europa. Manche Komponenten kommen trotzdem noch aus Asien. Die versuchen wir nach und nach auch in Europa zu produzieren. Man kann immer noch nachhaltiger werden. Woher kommt eigentlich das Aluminium und woher kommt die Maschine, die es baut? Wir versuchen damit möglichst transparent umzugehen. Ich glaube das ist auch der einzige Weg, wie es funktioniert. Bevor man etwas verschleiert, ist es besser zu sagen, dass man sich eine bessere Lösung wünscht.

In eurem Mission Statement steht, dass ihr Radfahren „als einen mächtigen Hebel, um die Mobilität in den Städten und Gemeinden klimafreundlicher, gesünder, effizienter und angenehmer zu gestalten“ versteht. Welche Bedeutung schreibst du Fahrrädern für die Zukunft des Verkehrs zu?

Ich glaube, dass wir noch viel vor uns haben, was das Radfahren betrifft. Ich selber bin überzeugter Stadtradler, schon immer gewesen. Schon in die Schule bin ich lieber mit dem Rad als mit der Straßenbahn gefahren. Eigentlich ist uns allen bewusst, dass es nicht sinnvoll ist, wenn alle mit dem Auto fahren und nur Einzelpersonen in einem Auto sitzen und sich in und durch die Stadt stauen. Da gibt’s definitiv bessere Lösungen und ein ganz wichtiger Schlüssel dafür ist das Fahrrad.
Ich glaube nicht, dass wir reine Fahrradstädte werden können. Aber wenn nur die Installateure und die Lastwägen für die Supermärkte durch die Stadt fahren und die wenigen, die wirklich müssen, dann wäre noch wahnsinnig viel Platz für das Radfahren und für Lebensqualität. Man sieht ja, dass in verkehrsberuhigten Straßen plötzlich das Leben wieder rauskommt. Für mich ist wirklich einer der Gradmesser für Lebensqualität, wie viele Kinder sich auf der Straße bewegen. Im internationalen Vergleich haben wir da noch ordentlich die Nase hinten und nicht vorne, wie oft behauptet wird. Parkplätze und auch Fahrspuren werden für Radspuren wegfallen müssen und das wird auch eine bessere Lebensqualität in der Stadt schaffen. Außer man legt die Autos in einen Tunnel, aber das ist nicht sehr realistisch.

(y)MAK in der Lagerhalle von woom
©(y)MAK

Die woom bike Serie ging kürzlich als Schenkung in die MAK Sammlung Design ein – wie stehst du dazu, dass die Fahrräder dadurch neben dem Gebrauchsgegenstand eine neue Bedeutungsebene als Museumsexponat erfahren?

Ich finde das sehr gut, ich finde das Fahrrad ist ein Kulturgut und gehört absolut ins Museum, so wie andere Kulturgüter auch. Es gibt unzählige Automuseen und ganz wenige Fahrradmuseen und das ist ein enormes Ungleichgewicht. Für mich ist es eine riesige Ehre, dass das woom-Fahrrad ins MAK aufgenommen wird. Das ist auch eine ganz große Bestätigung meiner Arbeit und meines Herzbluts, das ich in woom hineingesteckt habe – dass das erkannt und auch anerkannt wird, fühlt sich sehr gut an!

Ein Blogbeitrag von (y)MAK: Angelika Gurov (Videoproduktion), Ninon Hauswirth (Organisation), Mia Höll (Organisation), Matthias Palla (Fotos und Social Media), Karoline Wagner (Textproduktion), Sophie Wratzfeld (Redaktion)

(y)MAK ist eine Gruppe junger Erwachsener (16 bis 26 Jahre), die sich für Museen, Design, Kunst, Architektur und Innovation sowie für unsere Zukunft interessieren und etwas verändern wollen.

Mehr über die (y)MAK auf Instagram @ymak_vienna 

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