QUERVERWEISE im MAK DESIGN LAB: Ein Anstoss vernetzt zu denken von mischer’traxler studio

Es gibt nicht nur eine richtige Lesart des MAK DESIGN LAB. Viele der ausgestellten Arbeiten eröffnen Querverweise zu anderen Themenbereichen in den Ausstellungsräumen, die es zu entdecken gilt. Für den MAK-Blog haben sich die GastkuratorInnen des MAK DESIGN LAB, Katharina Mischer und Thomas Traxler (mischer’traxler studio), auf die Suche nach solchen Verbindungen gemacht, die BesucherInnen zum Verknüpfen der Projekte einladen.

In zwölf Themenbereichen zeigt das MAK DESIGN LAB Designansätze an den Schnittstellen zwischen Alltag, Gesellschaft, Digitalisierung und Klimawandel. Rund 500, sehr spezifisch gewählte Objekte und Referenzen machen neue Lösungsansätze greifbar und ermutigen zu Veränderung. Manche der Arbeiten hätten in mehreren Themenclustern Platz gefunden und in neuen Konstellationen andere Fragenstellungen aufgeworfen. Diese Tatsache ist uns als GastkuratorInnen durchaus bewusst. Sie ist sogar gewünscht, da sie zu immer neuen Verknüpfungen führt. Mit den folgenden Beispielen wollen wir dazu anregen, im MAK DESIGN LAB selbst quer und vernetzt zu denken:

Offene Systeme und verfügbare Möglichkeiten für alle

Auf den ersten Blick haben die kleinen Pflanzensetzlinge des Projekts Common Flowers/Flowers Commons (2008) von BCL (Georg Tremmel und Shiho Fukuhara) im Themenbereich „Nartificial – Natürlich Künstlich“ und das Free Universal Construction Kit (2012) von F.A.T. Lab und Sy-Lab nichts gemein. Doch verfolgen beide Arbeiten das Ziel, offene Systeme und verfügbare Möglichkeiten für alle zu schaffen.

Das Free Universal Construction Kit, eine Erweiterung der Spielmöglichkeiten von Duplo, Lego, Matador und Co, wird im MAK DESIGN LAB im Kapitel „Input-Output“ neben anderen Open-Source Ideen gezeigt. Gratis zugängliche 3D-Dateien für Adaptersteine, die die verschiedenen Steckspiele miteinander kombinierbar machen, können lokal, mittels 3D-Drucker ausgedruckt werden und unterwandern damit die Taktik von Firmen, ihre Produkte inkompatibel mit der Konkurrenz zu gestalten. Die Erzeugnisse sind universell einsetzbar, kompatibel mit anderen Marken und haben eine lange Nutzungsdauer.

 

Ähnliche geschlossene Systeme streben Unternehmen auch bei Zierblumen und Saatgut an. Genetische Manipulation erlaubt es, Pflanzensamen zu patentieren und verbietet so den Nutzen als Allgemeingut. Common Flowers/Flowers Common von Georg Tremmel und Shiho Fukuhara hinterfragt diese Praxis. Die blaue Nelke Moondust, die weltweit als Schnittblume erhältlich ist, war die erste genmanipulierte Blume im Handel. Die kommerziell verwertete Nelke wurde von den beiden Künstlern im DIY-Verfahren mit gewöhnlichen Küchenutensilien geklont, vervielfältigt und danach ausgewildert. Auf diese Weise entstand aus der Pflanze eine gewöhnliche, für alle zugängliche Blume.

 

Beide Projekte laden dazu ein, geschlossene Systeme zu hinterfragen und über geistiges Eigentum, Open Source-Kultur und Reverse Engineering als eine Art kultureller Praxis nachzudenken.

Urin als Ressource

Während der Urin Brick (Dyllon Randall, Growing bio-bricks from human urine, 2019) im MAK DESIGN LAB im Bereich „Nartificial – Natürlich Künstlich“ mit anderen alten/neuen Materialien gezeigt wird, findet man die Save!-Toilette (EOOS, Urinseparations-Toilette, Serienreifer Prototyp, 2019) im Kapitel „Resonanz“ neben Projekten zum Thema Kreislaufwirtschaft.

Die Toilette von EOOS trennt Urin vom Spülwasser und ermöglicht so das gezielte Sammeln dieser Ressource. Überdüngung kann dadurch vermieden und Teile des Urins – in Form von Phosphor, Stickstoff und Kalium – können als Düngemittel eingesetzt werden.

 

Dass das Sammeln von Urin auch in anderen Gebieten nützlich sein kann, belegen die Bio Bricks von Dyllon Randall und seinen StudentInnen der UCT (University of Cape Town). Loser Sand wird mit Bakterien besiedelt, die das Enzym Urease produzieren. Urease zerlegt den im Urin enthaltenen Harnstoff und produziert Kalziumkarbonat, das den Sand in feste Form bindet. Die Bio Bricks ermöglichen im Vergleich zu normalen Ziegelsteinen eine energieeffiziente Produktion.

Jedes Projekt für sich ist stimmig. Wenn man beide gemeinsam betrachtet, erkennt man, dass die Ressource Urin weltweit an Bedeutung gewinnt.

Luftqualität messbar/sichtbar machen

Auch das Messgerät Particulate Air Quality Egg v2 (2014) von Wicked Device LLC (Dirk Swart und Albert Chao) befindet sich im Open Source-Bereich. Damit können die Luftqualität eines Ortes gemessen und die Daten via Internet öffentlich geteilt werden. Die Arbeit ermöglicht eine laufende Aktualisierung der Landkarte der Luftqualität auch durch Laien. Die vor allem für junge SchülerInnen konzipierte Arbeit bringt den NutzerInnen Wissenschaft und einen kritischen Umgang mit Messdaten näher.

 

Während das Particulate Air Quality Egg v2 die Qualität der Luft messbar macht, reagieren zwei Projekte im „Kabinett der Konsequenzen“ direkt auf die schlechte Luftqualität. Die Atemschutzmaske Woobi Play (Kilo Design für Airmotion Laboratories, 2017) für Kinder filtert 95 Prozent der schädlichen Schwebstoffe aus der Luft. Das modulare, bunte System wird Stück für Stück spielerisch zusammengesetzt. Das Kind erkennt dabei die Funktion der Maske und kann sie an eigene Bedürfnisse anpassen. Ohne den Schutz zu beeinträchtigen, verdeckt das asymmetrische Design das Gesicht viel weniger als herkömmliche Masken.

Einen sehr künstlerischen Zugang zum Thema eröffnet dagegen Tino Seubert mit seinem Projekt The Colour of Air (2014), das aus der Luft gefilterte Feinstaubpartikel aus Abgasen nutzt, um Farbe für Bleistifte, Siebdruck-Poster und Kleidungsstücke herzustellen.

Für alle, die weitere Verknüpfungen im MAK DESIGN LAB entdecken wollen, haben wir die folgenden Querverweise zum Selbsterkunden zusammengestellt:

Klemens Schillinger, Substitute Phone, 2017 (im Themenbereich „Design ist Veränderung“)
+
mischer‘traxler studio, Fingerblocks, 2018 („Kabinett der Konsequenzen“)

Studio Swine, Sea Chair No. 001, 2010 („Design ist Veränderung“)
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Aquafil, Econyl® Regeneration System, 2019 („Resonanz“)

falkeis2architects (Anton Falkeis, Cornelia Falkeis-Senn), Active Energy Building, 2018 („Design ist Veränderung“)
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Markus Jeschaunig, Oase No. 8, 2015/16 („Resonanz“)

Wir wünschen schönes Verknüpfen!

Ein Beitrag von Katharina Mischer und Thomas Traxler, mischer’traxler studio, GastkuratorInnen der Neuaufstellung des MAK DESIGN LAB

Die Neugestaltung des MAK DESIGN LAB wurde anlässlich der VIENNA BIENNALE FOR CHANGE 2019 mit finanzieller Unterstützung des EU-Programms INTERREG V-A Slowakei–Österreich (Projekt „Design & Innovation“) und in Kooperation mit dem Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung realisiert.

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