MAK goes Museum angewandter Daten: Ein partizipatives Museumsexperiment & was wir von unserem Publikum lernen können

28. Oktober 2026

Forschung & Sammlung, NOW

Maria Gladitsch

Gemeinsam mit der Wiener App Artfluence realisierte das MAK im Herbst 2026 das Forschungsprojekt „Museum angewandter Daten“. Was als erste Idee in einem Brainstorming begann, entwickelte sich zu einem einmonatigen Museumsexperiment mit 245 Teilnehmer*innen.

Maria Gladitsch, die das partizipative Projekt seitens MAK begleitete, gibt Einblicke in die Entwicklung, die Herausforderungen bei der Umsetzung und die Erfahrungen, die das Team auf dem Weg vom Konzept bis zur Auswertung der Daten gesammelt hat. Erstmals haben wir aus erster, persönlicher Hand erfahren, was unser Publikum bewegt, und auch, wie wir als Museum von unseren Besucher*innen lernen können.

Museum angewandter Daten-Keyvisual

Museum angewandter Daten
© Artfluence/Paul Bock

Welche Kunstobjekte bleiben besonders in Erinnerung?

Als Museum wissen wir zwar einiges über unser Publikum. Wir kennen demografische Daten, erhalten Rückmeldungen über Feedbackkarten oder lesen Kommentare auf Social Media und Co. Über das tatsächliche Erleben einer Ausstellung wissen wir jedoch vergleichsweise wenig. Was gefällt Besucher*innen besonders? Was fasziniert sie? Wo bleiben sie stehen? Welche Objekte sprechen sie an?

Die Wiener App Artfluence, hat sich diesem Thema gewidmet: In Museen, Messen und Galerien weltweit können Kunstwerke gescannt und gespeichert und damit eine eigene digitale Galerie kuratiert werden. Institutionen erhalten erstmals quantitative Daten darüber, was ihrem Publikum vor Ort gefällt. Seit Juni 2026 verfügt die App über ein Feature zur Live-Werkerkennung. Mit Artfluence können Menschen also ihren Kunstgeschmack kennenlernen – und aus diesen Daten wir können wir als Museum etwas über ihr Museumserlebnis lernen.

Als die Gründer von Artfluence uns kontaktierten, war schnell klar, dass wir gemeinsam ein Projekt starten möchten. Als Pilotpartner wurde das MAK zum ersten Museum, das gemeinsam mit Artfluence ein datengeleitetes Forschungsformat entwickelte und sich mit seinem Publikum eine zentrale Frage stellte:

Welche Kunstobjekte bleiben Menschen bei einem Museumsbesuch besonders in Erinnerung?

Museum angewandter Daten MAK Schausammlung WIEN 1900 © Dominik Kusion

Museum angewandter Daten
MAK Schausammlung WIEN 1900 – Alltag. Gesamtkunstwerk
© Dominik Kusion

Aus einer Idee wird ein Forschungsprojekt

Von Anfang an war uns wichtig, dass es nicht um Datensammeln zum Selbstzweck geht. Es war uns ein Anliegen, möglichst aussagekräftige Ergebnisse zu bekommen, die uns Einblick in den Geschmack und das Verhalten des Publikums geben. Wir wollten Daten nicht nur sammeln, sondern auch anwenden – und so kam dem Team von Artfluence auch die zündende Idee zum Namen des Projekts: Das Museum angewandter Kunst wird zum Museum angewandter Daten.

„Mit dem ‚Museum angewandter Daten‘ möchten wir beweisen, dass Kunstvermittlung und Daten kein Widerspruch sind. Wir sind dankbar, einen so mutigen Partner für dieses Projekt gefunden zu haben, mit dem wir unser aller Kunstgeschmack sichtbar und Kultur für junge Leute zugänglich machen.“
Alexander Windberger, Gründer Artfluence

Aus einer Idee für ein eintägige Aktion wurde rasch ein partizipatives, einmonatiges Forschungsprojekt verortet in der Schausammlung WIEN 1900 – Alltag. Gesamtkunstwerk.

Von 13. September bis 13. Oktober 2026 konnten nun Besucher*innen die Schausäle mit der Artfluence-App erkunden, ihre Lieblingsobjekte scannen und damit Teil unseres Experiments werden.

Für einen Dialog braucht es schließlich zwei.

Museum angewandter Daten MAK Schausammlung WIEN 1900 © Dominik Kusion

Museum angewandter Daten
MAK Schausammlung WIEN 1900
© Dominik Kusion

Hinter den Kulissen

Vor und während des Projektzeitraums begann für uns, die Teams hinter dem Projekt, die eigentliche Arbeit:

Wie stellen wir sicher, dass der Scan-Prozess technisch reibungslos funktioniert? Wie erklären wir Besucher*innen die Anwendung möglichst einfach? Und vor allem: Wie motivieren wir Menschen, für einen Museumsbesuch eine neue App herunterzuladen?

Aus unserer eigenen Erfahrung wissen wir, dass das eine Hürde darstellen kann.

Gemeinsam mit Artfluence setzten wir daher auf eine intensive Kommunikation: Beiträge auf Social Media, drei Plakate, 5.000 Flyer und die Unterstützung des MAK Presseteams sorgten dafür, dass das Projekt Sichtbarkeit erhielt.

Zu den Höhepunkten zählte eine gemeinsame Scan-Tour von MAK Generaldirektorin Lilli Hollein, Artfluence-Geschäftsführer Alex Windberger und Radio-Wien-Moderator Hadschi Bankhofer. Für besonders viel Aufmerksamkeit sorgte außerdem die Lange Nacht der Museen, die genau in den Projektzeitraum fiel.

An diesem Abend war auch das Team von Artfluence vor Ort und kam direkt mit Besucher*innen ins Gespräch. Viele ließen sich spontan zum Mitforschen motivieren.

Während der gesamten Laufzeit konnten die Live-Daten auf einem Bildschirm vor der Schausammlung verfolgt werden. Für mich persönlich wurde jeder Screen-Check zur kleinen Überraschung, denn die Spitzenreiter der meistgescannten Objekte wechselten fast täglich.

245 Menschen werden zum Forschungsteam

Am 13. Oktober war es dann so weit: In der DIREKTION FÜR ALLE! präsentierten Felix Oncken und Paul Bock aus dem Artfluence-Team die Ergebnisse des Projekts vor zahlreichem Publikum.

Unser Forschungsteam bestand insgesamt aus 245 Menschen. Gemeinsam erzeugten sie 1.239 Scans.

Zu unserer Überraschung (und Freude!) fanden allerdings nicht alle davon innerhalb von WIEN 1900 statt.

Denn das Gelatin-Sofa in der Säulenhalle war zwischenzeitlich sogar das meistgescannte Objekt im gesamten Museum, obwohl es offiziell gar nicht Teil der Aktion war. Die Erklärung liegt nahe: Es ist eines der ersten Objekte, das beim Betreten des MAK ins Auge springt. Um die Scan-Funktion auszuprobieren, eignete es sich natürlich hervorragend.

Die meisten Scans wurden während der Langen Nacht der Museen registriert. Allein an diesem Abend wurden 252 Scans gezählt.

Und nun zu jener Auswertung, auf die wohl viele gewartet haben:

Die Lieblinge des Publikums in WIEN 1900:

1. Gustav Klimt, 9 Werkzeichnungen für für die Ausführung eines Mosaikfries für den Speisesaal des Palais Stoclet in Brüssel, 1908-1911
2. Margaret MacDonald Mackintosh, Die sieben Prinzessinnen, 1906
3. Adolf Loos, Elefantenrüsseltisch, 1901-1902
4. Gudrun Baudisch, Kniendes Mädchen, 1927
5. Joseph Binder, Plakat Raxbahn, 1927

Was uns die Daten verraten haben

Die Ergebnisse zeigen vor allem eines: Bekanntheit ist viel wert, aber nicht alles.

Die Aufmerksamkeit der Besucher*innen verteilte sich über viele unterschiedliche Objekte. Große Werke, die im Ausstellungsraum prominent platziert sind, wurden häufiger gescannt, aber auch weniger bekannte, verstecktere Arbeiten fanden großes Interesse.

Besonders spannend war die Möglichkeit, aus den Scan-Daten und einem Grundriss der Ausstellungsräume eine Heatmap der Schausammlung zu erstellen. Artfluence machte dadurch sichtbar, an welchen Orten Besucher*innen in der Ausstellung besonders viel Zeit verbrachten und welche Bereiche sie vergleichsweise schnell durchquerten.

Plötzlich konnten wir nicht nur sehen, was Menschen interessiert, sondern auch wie sie sich durch die Ausstellung bewegen.

Was wir daraus mitnehmen

Bei Musik und Getränken klang die Abschlussveranstaltung schließlich mit genau jenen Gesprächen aus, die wir mit dem Projekt anstoßen wollten: über Datensammlung, Kunstgeschmack und darüber, was wir von unserem eigenen Besuchsverhalten und Museumserlebnis lernen können.

In jeder Ausstellung stecken Jahre der Planung und die Arbeit zahlreicher Menschen. Doch ohne Besucher*innen gäbe es kein Museum.

Umso schöner war es, mit dem Museum angewandter Daten einen Raum zu schaffen, in dem Institution und Publikum gemeinsam lernen konnten. Für mich persönlich bleibt vor allem die Erkenntnis, wie groß die Bereitschaft vieler Menschen ist, sich aktiv einzubringen, wenn man den richtigen Rahmen dafür schafft.

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Lektion dieses Projekts: Es lohnt sich, in Experimente zu investieren, deren Ergebnis anfangs noch nicht einschätzen kann. Denn oft entstehen die spannendsten Erkenntnisse dort, wo man sich auf Überraschungen einlässt.

Felix Oncken und Paul Bock aus dem Artfluence-Team © Dominik Kusion

Paul Bock und Alexander Windberger aus dem Artfluence-Team
© Dominik Kusion

Ein Beitrag von Maria Gladitsch, Internationale Kommunikation, Branding & Tourismus

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