Ein Gewinn für die MAK-Sammlung: Musterblätter für Stickereien des Traditionsunternehmens Nowotny

Seit vielen Jahren wird in der Wiener Innenstadt das Aussterben alteingesessener Handwerksbetriebe und Geschäfte, die der Stadt ihren ganz eigenen Charme verleihen, beklagt. Vor genau 10 Jahren musste auch das 1818 gegründete Traditionsgeschäft „Ludwig Nowotny“ seinen Standort hinter der Peterskirche in die Wipplingerstraße verlegen, um schließlich für immer zu schließen. Vor einigen Wochen wurde dem MAK der gesamte Geschäftsbestand dieses Traditionsunternehmens für Kunststickerei, Zwirn-, Band- und Wollhandel angeboten. Am MAK Blog berichtet Kathrin Pokorny-Nagel, Leiterin der MAK-Bibliothek und Kunstblättersammlung, über die Bedeutung des Erhalts eines soziokulturellen Dokuments einer vergangenen Zeit.

Aquarell des Geschäftsportals „Ludwig Nowotny“
Aquarell des Geschäftsportals „Ludwig Nowotny“, Freisingergasse 4, 1010 Wien
©MAK

Die Wiener Innenstadt ist Anziehungspunkt für TouristInnen aus aller Welt und brodelt in Zeiten der „Normalität“ außerhalb Covid-bedingter Einschränkungen vor Leben. In den Tagen des Lockdowns wirkt dieser Teil Wiens ungewohnt beschaulich und geruhsam. Spaziert man durch die leere Kärntnerstraße und den Graben, oder durch die stillen, verwinkelten Gassen rund um den Stephansdom, fällt noch einmal mehr ins Auge, wie viele der ehemaligen zahlreichen Traditionsbetriebe aus dem Innenstadtbild verschwunden sind. Mieterhöhungen, steigende Personalkosten, daraus resultierend Unrentabilität, Onlinehandel und eine Verdrängung althergebrachter Handwerkskunst durch internationale Massenware führten zu ihrem Aus. Internationale Nobellabels siedeln sich an den besten Standorten an, amerikanische Coffeeshops und Fastfood-Ketten wetteifern mit klassischen Kaffeehäusern.

Als auch das traditionsreiche „Ludwig Nowotny“ aufgeben musste wurde ein weiterer Tiefpunkt dieser Entwicklung erreicht. Über 190 Jahre lang war der von dem aus Mähren stammenden Anton Nowotny gegründete Betrieb die erste Adresse für Handarbeiten und jeden, der sich mit Stickereien beschäftigte. Als Technik für das Verzieren von Stoffen zählt Stickerei seit Jahrhunderten zum klassischen Kunsthandwerk.

Muster-Stickrahmen
Muster-Stickrahmen aus dem Geschäftsnachlass „Ludwig Nowotny“, 1865
© MAK

Angesiedelt in der noblen Freisingergasse 4 stellte das Geschäft mit seinen edlen Holzvertäfelungen in erlesenen Schränken mit unzähligen Schubladen über die Jahre mehr als 5.000 Originalmuster aus allen Stilepochen für seine KundInnen bereit. Die Motive reichten von Blumen und Bordüren, über Landschaften, bis zu Tieren – allesamt mit unglaublicher Raffinesse entworfen. Ihre dekorative Aussagekraft war einzigartig, das gesamte Sortiment in Umfang und Qualität eine Klasse für sich. Die Entwürfe aus dem Hause Nowotny dienten als kunstvolle Vorlagen für Möbelbezüge, Bilder oder Tischwäsche. Sie wurden vor Ort individuell an die gewünschte Form angepasst, zum Selbersticken aufbereitet und auf Wunsch im Geschäft in vielen Arbeitsstunden endgefertigt. Neben den Vorlagen wurde sämtliches Stickerei-Zubehör wie Woll- und Seidengarne, Chenille, Stickperlen, Etamine, Leinen und Canvas geführt. Aus Brüssel wurden kostbare Leinenfäden importiert und mit Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Palette um Muster mit folkloristischen Motiven aus allen Teilen der Habsburger Monarchie erweitert.

Musterblatt
Anweisungen eines Kunden für die Vorbereitung eines Musterblattes, 1960er Jahre
©MAK

Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts erlangte das Unternehmen Weltruhm und die dort verkauften Waren zählten zu den elegantesten und künstlerisch wertvollsten, die zur damaligen Zeit auf diesem Gebiet zu finden waren. Noch heute belegen die Kundenbücher die große Beliebtheit. Kaum ein Adelsname, der nicht in den Buchhaltungsunterlagen zu finden ist, denn Sticken war im 19. Jahrhundert groß in Mode. Aus dem Hochadel vertreten sind Kaiserin Sisi, Erzherzog Rainer, Marie von Bayern und Erzherzogin Sophie ebenso wie berühmte Persönlichkeiten aus Literatur, Medizin, Musik und Industrie, darunter die Schriftstellerin Bertha von Suttner, die berühmte Medizinerfamilie Billroth oder die Familie Richard Strauß, um nur einige zu nennen.

 

Die letzte Besitzerin Anneliese von Primavesi erinnert sich in einer 1998 erschienenen Publikation: „Die alten Auftragsbücher zeigen, wie sehr wir vom Kaiserhof, vom Hochadel und vom Bürgertum geschätzt wurden. Kaiserin Sisi, die Königin von Neapel, die Familien Esterházy, Czernin und Schwarzenberg, aber auch die Musikdynastie Strauß zählten zu unseren Stammkunden. Auch mancher Hollywoodstar schaute bei seinem Wienbesuch bei uns vorbei, wie etwa Faye Dunaway. Wir hatten in der Stickerei immer schon weltweit eine besondere Stellung.“ *

Vorlagenbuch Tupfmuster von Carl Niedermayer
Vorlagenbuch Tupfmuster von Carl Niedermayer, 1826–28
© MAK

Im August 2020 hat das MAK nicht gezögert, als ihm der gesamte Geschäftsbestand angeboten wurde. Das gesamte Archiv des Traditionsunternehmens kann damit in seiner Gesamtheit als soziokulturelles Dokument einer vergangenen Zeit erhalten werden. Verantwortlich dafür zeichnen Anneliese von Primavesi und ihr Ehemann Wolf Dieter. Sie hat das Geschäft im Jahr 1993 von der letzten Nowotny-Erbin, Desirée Richter, übernommen. Ihrer Liebe zur Kunst und ihrem Verständnis für den Erhalt eines Stücks Wiener Unternehmensgeschichte ist es zu verdanken, dass dieser einzigartige Schatz an Stickvorlagen der Nachwelt erhalten bleiben kann.

Ein Beitrag von Kathrin Pokorny-Nagel, Leitung MAK-Bibliothek und Kunstblättersammlung

* in: Raffaella Serena, Petit Point. Wiener Stickkunst des Biedermeier, Christian Brandstätter Verlag, Wien-München, 1998

Tags , , , ,

2 Gedanken zu „Ein Gewinn für die MAK-Sammlung: Musterblätter für Stickereien des Traditionsunternehmens Nowotny“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.