Marko Lulic: „Raum ist in allen möglichen und erweiterten Bedeutungen Thema meiner Arbeit“

Mit der Installation Corner ist Marko Lulić Teil der Ausstellung SCHINDLER HOUSE LOS ANGELES. Raum als Medium der Kunst, die das MAK zum 100-Jahr Jubiläum des Schindler House zeigt. Im Interview erzählt Lulić über Bezüge zwischen seiner Arbeit und Schindlers Werk, seine Zeit als einer der ersten Schindler-Stipendiat*innen in der MAK-Außenstelle MAK Center Los Angeles und die Magie der Megapolis.

Ihre Installation Corner (Lulić House No. 1) (2006) in der MAK-Säulenhalle ist quasi das Entree zur Ausstellung SCHINDLER HOUSE LOS ANGELES. Raum als Medium der Kunst. Wie finden Sie es, dass Ihre in der MAK-Sammlung verwahrte Arbeit als Beitrag zu dieser Jubiläumsausstellung ausgewählt wurde?

Ich freue mich, dass ich in einer Ausstellung zum Schindler House gezeigt werde. Da sie auch noch den Untertitel Raum als Medium der Kunst trägt, fühle ich mich besonders gut aufgehoben. Raum ist in allen möglichen und erweiterten Bedeutungen seit Jahren Thema meiner Arbeit. Natürlich finde ich es auch toll, wieder im MAK auszustellen, der österreichischen Institution, die mich als eine der ersten vor Jahren gezeigt und auch sehr früh begonnen hat, meine Arbeiten zu sammeln. So wurde auch Corner (Lulić House No. 1) angekauft und einige Jahre mit anderen meiner Arbeiten im MAK Tower, der MAK-Außenstelle im Flakturm im Arenbergpark, ausgestellt. Dass die Kuratorin Bärbel Vischer genau diese Arbeit für die Ausstellung ausgewählt hat, ist perfekt. Nicht nur deshalb, weil dieses Werk viele Lesarten für andere meiner Arbeiten ermöglicht, sondern weil auch indirekt Bezüge zu Schindler gegeben sind.

MAK-Ausstellungsansicht, 2022
MAK-Ausstellungsansicht, 2022
SCHINDLER HOUSE LOS ANGELES. Raum als Medium der Kunst
Marko Lulić, Corner (Lulić House No. 1), 2005/06
MAK-Säulenhalle
© MAK/Georg Mayer

Corner (Lulić House No. 1) war schon, wie Sie selbst erwähnt haben, in anderen Räumen zu sehen. Was ist das Besondere der Präsentation Ihrer „Raumzeichnung“, wie Sie selbst diese Arbeit titulieren, in der Säulenhalle?

Wenn eine Arbeit, wie diese hier, auf Minimalismus und in den Referenzen auf Architektur verweist, dann ist das eigentliche Thema der Raum. Auch jeder Raum, in dem sie gezeigt wird, ist selbst wie eine neue Ebene, die dazu kommt. In jedem Raum wirkt diese Arbeit völlig anders. Genau dieses Platzieren in der Säulenhalle, das die Kuratorin vorgenommen hat, ermöglicht es der Arbeit Corner (Lulić House No. 1), sich auf mehreren Ebenen sowohl inhaltlich als auch visuell mit den architektonischen Elementen im MAK zu verzahnen. Die Arbeit ist in jeder Hinsicht sehr offen und eröffnet den Besucher*innen durch die Assoziation mit Türen, Portalen und ähnlichem viele Blickpunkte und Lesarten.

 

Welcher Bezug besteht zwischen der Arbeit und dem Schindler House? Was verbindet Sie mit Corner?

Die Arbeit Corner (Lulić House No. 1) war im Jahr 2006 Teil der Einzelausstellung Luft, Licht, Gute Aussicht in der Gabriele Senn Galerie in Wien. Die Ausstellung und Corner (Lulić House No. 1) waren Teil eines größeren Werkblocks, der mit der Arbeit Lulić House No. 1 (Weekend Utopia) verbunden war. Das war ein komplettes Haus, ein Fertigteilhaus nach meinen Entwürfen, das ich mit der Firma Oa.sys in Vorarlberg für die Ausstellung 2005 im Kunsthaus Bregenz realisiert habe. Lulić House No. 1  war inspiriert von Albert Freys Frey House No.1 in Palm Springs. Albert Frey, wie Schindler ein Architekt der kalifornischen Moderne, emigrierte aus der Schweiz in die USA, er und Schindler kannten sich. Das Lulić House No. 1 (Weekend Utopia) sollte einige Jahre nach der Ausstellung in Bregenz in Pula, Kroatien, als Artist und Architects in Residence-Gebäude aufgestellt werden. Trotz vieler Bemühungen ist das letztendlich gescheitert. Die Idee war, einen Ort der Begegnung zu schaffen. Das Schindler Haus war ja, abgesehen davon, dass es radikale Architektur verkörperte, auch ein Ort, wo kulturelle Veranstaltungen, politische Treffen und ähnliches stattfanden – es war auch in dieser Hinsicht radikal, ein Experiment. Insofern war ich bei meinen ganzen Überlegungen zu Lulić House No. 1 (Weekend Utopia) von Schindler und meiner Zeit als MAK Schindler-Stipendiat beeinflusst.

 

Im Jahr 1998 waren Sie einer der ersten Stipendiat*innen des MAK Center Artists and Architects in Residence-Programs und zeigten 2015/2016 im Schindler House mit dem in LA lebenden Künstler Sam Durant die Ausstellung SPOMENICI REVOLUCIJE. Nun sind Sie Teil der Ausstellung SCHINDLER HOUSE LOS ANGELES. Raum als Medium der Kunst. Was verbindet Sie mit Rudolph M. Schindler und dem Schindler House?

Alle Arbeiten, die ich nach 1998 geschaffen habe, wären wahrscheinlich anders oder andere, hätte ich nicht 1997 und 1998 in Los Angeles gelebt. Ich war schon 1997 Gaststudent am Arts Center, Pasadena, Kalifornien, wo ich bei Künstlern wie Stephen Prina, Chris Williams und Mike Kelley studieren durfte. Da ich nur beschränkte finanzielle Mittel hatte, wohnte ich die fast vier Monate bei verschiedenen Freund*innen und wiederum deren Freund*innen. Couchsurfing und Housesitting. So lernte ich viele verschiedene Ecken dieser Megapolis Los Angeles sehr gut kennen. Ich war damals auch öfter bei Veranstaltungen im MAK Center und den Mackey Apartments. In diesen Monaten sah ich einige weitere Schindler- und Neutra-Bauten, auch von innen. Ich lernte die kalifornische Moderne ziemlich gut kennen. So kam ich, wie wahrscheinlich nur wenige Schindler-Stipendiat*innen, schon ein Jahr vor meiner Zeit im MAK Center LA mit der Stadt, der Architektur und der Kunstszene in Berührung. Ich hatte bereits Freund*innen und ein eigenes kleines Netzwerk in der Stadt. Die von mir kuratierte Ausstellung Garage 1998 in der Garage der Mackey Apartments wäre ohne die Hilfe dieser Freund*innen vor Ort nicht möglich gewesen. Allen voran Tom Simpson, mit dem ich noch immer eng befreundet bin und der damals als Assistent für Chris Williams arbeitete.

 

In der Zeit in LA lernte ich viele gute Künstler*innen kennen – Sam Durant, Dave Muller, Monica Bonvicini, die damals ein anderes Stipendium in Los Angeles hatte, und viele andere. Der Kontakt mit Los Angeles und mit dem MAK blieb über all die Jahre bestehen. Ich bin in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten immer wieder für Ausstellungen und Vorträge nach LA gereist. Die Möglichkeit, als Alumni des Programms noch einmal in den Mackey Apartments ausstellen und einen Kollegen aus Los Angeles als Partner aussuchen zu können, war großartig. In der Form mit Sam Durant zusammenzuarbeiten, hat in gewisser Weise einen Kreis geschlossen. Die Ausstellung SPOMENICI REVOLUCIJE hatte die jugoslawische Moderne zum Thema. Die Zeit im Schindler Haus und in Los Angeles hat meine ganze Arbeit geprägt und auch meinen Blick für Themen wie Stadt, Architektur und Moderne(n) geschärft und verändert. So kann man sagen, dass auch meine Arbeiten zur jugoslawischen Nachkriegsmoderne ohne die Los Angeles-Aufenthalte, ohne die Veränderung des Blicks, wahrscheinlich in der Form nie entstanden wären.

Kosmaj Monument, 2015
Kosmaj Monument, 2015
Video, 9’48’’
Ausstellungsansicht „Marko Lulić / Sam Durant – Spomenici
Revolucije“, MAK Center / Mackey Apartments, Garage Top, Los Angeles, 2015
Courtesy: Gabriele Senn Galerie, Wien und der Künstler
© Joshua White

„Endlich hat der Architekt das Medium seiner Kunst entdeckt: Raum“, schreibt Schindler in einer neuen Fassung seines Manifests Moderne Architektur: Ein Programm (Wien 1912/13) in den 1930er-Jahren. Sie haben an der Angewandten und an der Akademie der bildenden Künste studiert, sind Künstler und unterrichten an der Technischen Universität Wien Raumgestaltung und Entwerfen. Ist Rudolph M. Schindler Ihr Geistesverwandter?

Wilfried Kuehn, Partner des renommierten Architekturbüros Kuehn Malvezzi in Berlin, ist ein langjähriger Freund und Dialogpartner. Ich unterrichte als Lehrbeauftragter am Institut für Raumgestaltung und Entwerfen an der TU Wien, das er leitet. Er war auch Architekt und Kurator meiner Mid Career Survey-Ausstellung Futurology am Lentos Museum im Jahr 2017. Bei der Eröffnungsrede meinte er, leicht humoristisch, dass ich wahrscheinlich ein verhinderter Architekt sei. Wenn auch unterhaltsam gemeint, steckt da eventuell ein Fünkchen Wahrheit drin.

Schindler war seiner Zeit voraus, nicht nur ein großartiger Architekt, sondern auch eine schillernde Persönlichkeit, ein sehr mutiger und politischer Mensch. Wenn man sich da nur ein zwei Scheibchen abschneiden könnte, wäre das schon gut.

Plakat Themaverfehlungen again
Plakat „Themaverfehlungen again“,
Galerie Hoffmann & Senn, Wien, 1999
Gestaltung: Marko Lulić
Courtesy: Gabriele Senn Galerie, Wien und der Künstler
© Christian Maričić

Wenn Sie an Ihre Zeit als Stipendiat im MAK Center Los Angeles zurückblicken: Was ist Ihnen am meisten in Erinnerung geblieben?

Ich habe gegen Ende des Stipendienaufenthaltes in den Mackey Apartments eine Home Invasion, also einen bewaffneten Überfall in der Stipendiat*innenwohnung erlebt. Damals meinte ich, dass die Monate davor in Los Angeles so toll waren, dass ich das Ganze wieder machen würde, auch wenn ich noch einmal überfallen werden würde. Es müsste mir nur jemand garantieren, dass ich es überlebe.

Nüchterner formuliert: Die Zeit in Los Angeles, sowohl die sechs Monate Schindler-Stipendium, als auch die vier Monate als Gaststudent am Arts Center, Pasadena waren wahnsinnig wichtig und prägend – für mich als Person und für meine künstlerische Praxis. Jedes Mal, wenn ich Student*innen unterrichte, ist es mir deshalb ein extremes Anliegen, zu vermitteln, wie wichtig es ist, für eine gewisse Zeit wo anders zu studieren, zu arbeiten, zu leben. Schindler, die kalifornische Moderne, aber auch das Thema Megapolis sind immer wieder Themen meines Unterrichts. Die Erinnerung wird somit ständig aufgefrischt.

In Österreich geboren, die frühe Kindheit in Kroatien zur Zeit Jugoslawiens verbracht habend nehmen Sie in Ihrem Kunstschaffen immer wieder Bezug auf Politik und Ideologie. Ein Wort zur Ukraine-Krise?

Hoffentlich endet dieser Krieg bald, damit das Leid für die Menschen in der Ukraine aufhört. Der Frieden ist nicht alles, aber alles ist ohne den Frieden nichts, dieses Zitat von Willy Brandt sollte uns daran erinnern, was das Ziel sein sollte. Wenn man etwas aus dem Jugoslawienkrieg und anderen Konflikten gelernt hat, dann das, dass jeder Tag, den dieser Krieg in der Ukraine weitergeht, Jahre an Wiederaufbau und Friedensprozess notwendig machen wird. Falls er noch Wochen oder Monate andauert, wird es mehrere Jahrzehnte brauchen, bis die Wunden verheilt sind.

Die Ausstellung SCHINDLER HOUSE LOS ANGELES. Raum als Medium der Kunst ist bis zum 31. Juli 2022 im MAK zu sehen.

Das Interview führte Judith Schwarz-Jungmann, Leiterin MAK-Presse und Öffentlichkeitsarbeit

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