Michael Thonet und Carl Leistler: Die frühen Wiener Jahre

+++ Ein Gastbeitrag von Wolfgang Thillmann, Gastkurator der MAK-Ausstellung BUGHOLZ, VIELSCHICHTIG. Thonet und das moderne Möbeldesign +++

Als der deutsch-österreichische Tischlermeister und Gründer der Gebrüder Thonet Bugholzmöbel-Fabrik Michael Thonet im Frühjahr 1842 nach Wien kam, erhielt er sein Privileg „Auf Chemisch-Mechanischem Wege jede Holzgattung alle nur in der Einbildung liegende Biegungen zu geben […]“ bereits im Juli des selben Jahres. Aufgrund finanzieller Probleme konnte er zu Beginn jedoch nicht selbständig arbeiten. So kam Thonet zunächst bei dem Schreiner Franz List unter, bis er 1844 durch dessen Vermittlung den Architekten Peter Hubert Desvignes kennenlernte.

Die Parkettböden im Palais Lichtenstein

Desvignes leitete die Neugestaltung des Stadtpalais Liechtenstein und erkannte, dass das Thonetsche Verfahren hervorragend dazu geeignet war, die gewünschten Parkettböden im Stil des Zweiten Rokoko mit seinen vielfältigen Schweifungen zu fertigen. Er beauftragte Michael Thonet mit der Herstellung von circa 900 Quadratmetern Parkettboden für das hochbarocke Bauwerk. Da sämtliche Holzarbeiten aber zuvor bereits dem Fabrikanten Carl Leistler zugesichert wurden, einigte man sich auf einen Vertrag zwischen Leistler und Thonet, wonach dieser alle Arbeiten für das Palais Liechtenstein gegen feste Bezahlung in der Leistlerschen Fabrik ausführen durfte.

Leichte Beistellstühle mit fließenden Linien

Nach Entwürfen von P.H. Desvignes fertigten sowohl Michael Thonet wie auch Carl Leistler neben den Parkettböden sogenannte Laufsessel für das Palais Liechtenstein. Diese eher einfachen und leichten Beistellstühle ergänzten bei Bedarf die repräsentative Möblierung. Die Leistlerschen Sessel wurden mit aufwändigen Schnitzereien versehen, die auch als Abdeckung für die Bereiche dienten, in denen die einzelnen Bauteile aufeinandertrafen. Dies war bei den Thonetschen Sesseln nicht mehr notwendig, da es mit dem Herstellungsverfahren der Stabverleimung keinerlei traditionelle schreinermäßige Holzverbindungen mehr gab. Durch dieses neuartige Verfahren – es werden keine Furnierstreifen miteinander verleimt, sondern feinste Stäbchen zu Stabbündeln verbunden – war man nun in der Lage, dreidimensionale Bauteile aus einem einzigen Stück zu fertigen. Die fließenden Linien der ineinanderlaufenden Stabbündel unterstrichen die Eleganz des Möbels wirkungsvoll.

Die Weltausstellung 1851 in London

Carl Leistler lehnte 1849 ein Angebot Michael Thonets für eine Partnerschaft ab, eine Entscheidung, die sich für Leistler als falsch erweisen sollte. Die Weltausstellung 1851 in London bot für die beiden Tischlermeister die Möglichkeit ihre Fabrikate international zu präsentieren. Michael Thonet zeigte unter anderem eine elegante, vollständige Garnitur von Sitzmöbeln – hier daraus der Fauteuil  –, während Leistler die Einrichtung eines Vorzimmers, eines Speisesaals für 36 Personen, einer Bibliothek und eines Schlafzimmers ausstellte. Die Entwürfe von Carl Leistlers Möbeln stammten vom Architekten Bernardo di Bernardis, der auch für die Bildhauerarbeiten im Palais Liechtenstein verantwortlich zeichnet.

Der mächtige Fauteuil von Leistler stammt aus der gleichen Zeit.

Der Bericht eines Besuchers der Weltausstellung schildert seinen Eindruck deutlich: „In den Zimmern, wo Leistler aus Wien seine prächtigen, nur zu reich verzierten Möbel aufgestellt hat, ist es auch nie leer. Man kann aber auch nichts reicheres in Holzschnitzerei sehen, wie sie hier an jedem Stück verschwendet ist. Nur zu viel, viel zu viel […].“Demgegenüber wirkten die Thonetschen Möbel in ihrer Schlichtheit sehr zurückhaltend, eine Tatsache, die der Besucher in seiner Beschreibung sehr positiv hervorhebt: „Die Palisandermöbel von M. Thonet, in Wien, meistens mit eingelegter Arbeit in Buhl, Schildpatt, Perlmutter u. dgl. waren ganz vortrefflich. Ein Palisander-Sopha nebst Lehnsessel und 6 Stühlen im Preise von 407 Fl. erschien insbesondere ganz außerordentlich billig. Die Stühle von Thonet, zum Theil aus gebogenem Holz, erfreuten sich einer besonderen Aufmerksamkeit von Seiten der Jury.“

Der Aufstieg Michael Thonets zum renommierten Möbelhersteller

War Michael Thonet, als er 1842 nach Wien kam, nur ein Tischler unter vielen und Carl Leistler einer der renommiertesten Möbelhersteller seiner Zeit, so stieg Thonet in den folgenden Jahren zu einem der erfolgreichsten Möbelfabrikanten auf. Er war nicht länger auf die Mitarbeit in der Werkstatt Leistlers angewiesen, sondern lies diesen stattdessen für sich arbeiten.

 

Eine interessante Konversation der Gebrüder Thonet verdeutlicht dies: Auf der „International Exhibition“ 1862 in London zeigten die Gebrüder Thonet neben Möbeln auch Parkettböden. Sie fanden so großen Anklang, dass Franz Thonet noch dringend weitere Muster für die Ausstellung benötigte. Er schreibt an seinen Bruder: „Haben wir nicht die Zeit, diese von graden Mustern selber zu machen, so wird uns Leistler dieselben machen, ich habe mit ihm gesprochen. Er will uns auch Muster von massiven Parketten geben, die Ihr mit unseren einschicken könnt.“ Die Herstellung von Parkettböden mit geschweiften Mustern war immer noch durch das privilegierte Verfahren geschützt und man hielt dies aus guten Gründen geheim, doch Parketten mit „graden Mustern“, die konnte man auch von Leistler herstellen lassen.

Die MAK-Ausstellung BUGHOLZ, VIELSCHICHTIG. Thonet und das moderne Möbeldesign ist noch bis 13. April 2020 im MAK zu sehen.

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