Gesamtwerk von Missing Link ab sofort über die MAK Sammlung Online abrufbar

Das MAK zeigt derzeit das umfangreiche Gesamtwerk der Architekt*innengruppe Missing Link. Sowohl in der Ausstellung MISSING LINK. Strategien einer Architekt*innengruppe aus Wien (1970–1980) als auch im begleitenden Katalog wird das Oeuvre der Gruppe historisch und inhaltlich kontextualisiert. Seit 12. Juli 2022 ist das Gesamtwerk von Missing Link auch über die MAK Sammlung Online mit über 1 000 Datensätzen abrufbar.

Missing Link, Dokumentation der Aktion „Bauhof Spiluttini“, vor dem Objekt „Sänfte“, 1972
gesichtet auf dem Kontaktabzug KI 23091-8-3-56-2
© MAK

Missing Link – Die Architekt*innengruppe

Missing Link wurde 1970 von Angela Hareiter, Otto Kapfinger und Adolf Krischanitz an der technischen Hochschule in Wien gegründet. Zuvor hatten sich dort bereits die Architektengruppen Haus-Rucker-Co, Coop Himmelblau und Zünd-Up zusammengeschlossen. Als letzte und zweifellos intellektuellste dieser Gruppen vertrat Missing Link die Auffassung, dass die Gestaltung der Umwelt eine komplexe und verantwortungsvolle Aufgabe sei und sich Architektur nicht im Errichten von Bauwerken erschöpfen könne. Konsequenterweise hat die Gruppe in den zehn Jahren ihres Bestehens kein dauerhaftes Gebäude errichtet und stattdessen andere, kulturkritische und sozialpolitisch bewusste Architektur-Strategien entwickelt. Anknüpfend an die Funktionalismuskritik zahlreicher Wiener Architekturmanifeste der 60er Jahre, suchte sie in ihren grenzüberschreitenden Projekten nach fehlenden Bindegliedern zwischen Mensch, Architektur, Urbanität, Kunst und sozialem Gefüge. Es entstand ein äußerst vielschichtiges Werk, das neben künstlerischen Objekten, Malereien, Zeichnungen und Texten auch Aktionen, Performances und Experimentalfilme umfasst.

Archiv – Die Aufarbeitung im MAK

Die Basis für die Aufarbeitung des Archiv Missing Link stellte die wissenschaftliche Erfassung des im MAK befindlichen Vorlasses dar. Der Großteil wurde 2014 erworben und konnte durch weitere Ankäufe und eine umfangreichen Schenkung fast vervollständigt werden (nur wenige Werke befinden sich in anderen Institutionen wie in der Albertina, Artothek des Bundes, Az W – Architekturzentrum Wien, Landessammlungen Niederösterreich, mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Salzburg Museum und Wien Museum, oder in Privatbesitz). Der überwiegende Teil des Oeuvres wurde dabei der Bibliothek und Kunstblättersammlung des MAK zugeordnet und dort inventarisiert: Malereien, Zeichnungen, Collagen, Fotografien, Plakate, Publikationen, Manuskripte, Typoskripte und andere Dokumente wurden von 2019 bis 2022 in über 1 000 Datensätzen erfasst. Sechs große plastische Werke gelangten in die Sammlung Gegenwartskunst.

*** Das Archiv Missing Link besteht somit aus:

  • Hauptteil des Oeuvres, 2014 erworben (KI 23091)
  • Sechs plastische Objekte, 2014 erworben (GK 704-709)
  • Skizzenblöcke, 2020 erworben (KI 23555)
  • Zeichnungen aus dem Kontext der Wiener Typen / Wiener Studien, 2021 erworben (KI 23582)
  • Zeichnungen aus dem Kontext der Wiener Typen und Studien und diverser Projekte, 2022 Schenkung von Missing Link (KI 23677).
    Das Konvolut der Schenkung aufgrund der Übergabe kurz vor der Ausstellung erfolgt die Bebilderung der Datensätze erst gegen Ende des Jahres.

MAK-Sammlung Online – Beispiele

Das Archiv Missing Link in der MAK Sammlung Online erlaubt es, Werkzusammenhänge der Gruppe bis ins Detail zu erforschen. Es ist möglich, eine interessenspezifische Recherche zu betreiben und sich auf verschiedenste Art einen Überblick zu verschaffen. Beispielsweise über medienspezifische Suchabfragen (Gouachen, Fotografien, Typoskripte), zeitliche Eingaben (nach Jahreszahlen) oder auch projektbezogen (Projekttitel) generieren sich individuelle Ergebnislisten die nur aufgrund der Onlinestellung für jeden abrufbar sind.

In chronologischer Reihenfolge greifen wir einige Werkbeispiele exemplarisch heraus und verweisen so auf den vielfältigen Bestand − durchgehend digitalisiert und bebildert in der Online-Datenbank abrufbar.

Projekt Goldenes Wienerherz – Missing Link, 1970

Das erste Projekt von Missing Link wurde an der Technischen Hochschule Wien unter Prof. Karl Schwanzer 1970 in Folge der Aufgabenstellung „Neubau eines Zentrums für Design und Umweltgestaltung“ erarbeitet. Der Untertitel des Projekts – Missing Link – gab der Gruppe ihren Namen.

*** Suchabfrage Projekttitel Goldenes Wienerherz und Beispiele:

 

Aktion Bauhof Spiluttini, im Detail das Objekt Betonbrecher, 1972

Zum Jahreswechsel 1971/72 führte Missing Link einige der zeichnerisch entworfenen Para-Architekturen aus. Bei der als Bauhof Spiluttini (alle blau hinterlegten Begriffe zur Seite Suchabfrage verlinken) bezeichneten Aktion, die auf dem Hof des Baumeisters Alois Spiluttini – dem Vater von Adolf Krischanitz’ damaliger Freundin und späteren Frau Margherita Spiluttini – in Schwarzach im Pongau stattfand, entstanden die fünf Objekte Falle, Steinbank, Betonbrecher, Sänfte und Tonne. Die Aktion wurde in einem mehrteiligen Arbeitsprotokoll festgehalten, das detaillierte Werkzeichnungen und Anmerkungen umfasst.

*** Suchabfrage Titel Betonbrecher und Beispiele:

 

Aktion Die andere Seite, 1973

1973 veranstaltete Missing Link, auf Einladung von Gottfried Fellerer, mit Schüler*innen des Bundesgymnasiums Wiener Neustadt die Aktion Die andere Seite. Sie hatte als Ziel, „die optischen, räumlichen, energetischen und kommunikativen Strukturen“ der städtischen Umwelt in den Blick zu rücken. Der Titel bezog sich auf den fantastischen Roman Die andere Seite von Alfred Kubin. Missing Link wollte darauf hinweisen, dass die unter der Straße verlegten Versorgungsleitungen der Stadt größtenteils unsichtbar sind und nur punktweise an der Oberfläche der Stadt in Erscheinung treten.

*** Suchabfrage Projekttitel Die andere Seite und Beispiele:

 

Projekt Asyleum – Großes Hutobjekt, 1976

Für den Supersommer 1976 am Naschmarkt in Wien (konzipiert von Coop Himmelblau) schlug Missing Link ein überdimensionales, begehbares Hutobjekt vor, dessen Titel Asyleum sich aus der Verbindung von Asyl und Museum ergab.

Das mit Eternitplatten bekleidete Flachstahlgerüst bildete gewissermaßen den schwarzen Gegenbau zu den goldenen Jugendstilhäusern von Otto Wagner. Es machte darauf aufmerksam, dass sich hinter und unter der Prachtentfaltung der Stadt „andere Wirklichkeitsschichten“ verbargen.

Im Innenraum wurden Fotografien von Hermann Drawe aus dem 1908 erschienenen Buch Durch die Wiener Quartiere des Elends und Verbrechens von Emil Kläger ausgestellt. Die Publikation hatte die prekären Lebensverhältnisse der Kanalbewohner*innen, der sogenannten Strotter, in den Blick genommen, die im Kanalsystem des Wienflusses unter dem Naschmarkt Zuflucht gesucht hatten. Die Form des Asyleums drückt die Überlegung, dass die Kanalbewohner*innen kein Dach, sondern höchstens einen Hut über dem Kopf hatten, aus.

*** *** Suchabfrage Projekttitel Asyleum und Beispiele:

 

Landschaftsersatzteil 1971  – Ersatzteil, 1975

Abschließend stellen wir noch eine Zeichnung vor, deren Verbleib im Original unbekannt ist, den Landschaftsersatzteil. Das entworfene Objekt diente als Vorlage für zwei spätere Zeichnungen, die zu weiteren eigenen Arbeiten „verlinken“.

Missing Link, Entwurf „Landschaftscontainer“, alternativ auch „Landersatzteil bzw. Landschaftsersatzteil“ genannt, 1971
Fotografische Reproduktion, KI 23091-8-8-1
© MAK

*** Die Entwurfszeichnung Landschaftscontainer (1971) alternativ auch Landersatzteil bzw. Landschaftsersatzteil genannt, ist nur mehr als fotografische Reproduktion (KI 23091-8-8-1) vorhanden. Dieses Objekt lieferte die Vorlage für die beiden 1975 entstandenen Zeichnungen Flächenabwicklung für den Ersatzteil für ein Requisitenland (M 1 : 5) KI 23091-3-35 und Flächenabwicklung für den Ersatzteil für ein nicht näher bezeichnetes Land – gewidmet Karl Schwanzer (M 1 : 5) KI 23091-3-36. Zweitere widmete Missing Link, wie betitelt, spontan ihrem Lehrer an der Technischen Hochschule, als sie die Nachricht von Schwanzers Tod 1975 im Radio hörten. Auf die Flächenabwicklungen „mappten“ sie ihre vorhandenen Gouachen und Zeichnungen. Das Blatt aus dem Skizzenblock zeigt den Entwicklungsprozess (KI 23555-2-4). In den folgenden Bildstrecken stellen wir die motivisch zusammenhängenden Gouachen und Zeichnungen vor. Zwei der Zeichnungen (KI 23091-8-3-70-2) zum Thema Zeitung, der tragbare Gesprächspartner sind nur in Form von Negativen auffindbar. Die Zeichnung mit dem Titel Zeitungsbomber wurde von Hans Dichand gekauft und für eine Kampagne der Kronenzeitung in den 90er Jahren verwendet.

Flächenabwicklung für den Ersatzteil für ein Requisitenland (M 1 : 5)
mit motivisch zusammenhängenden Gouachen

 

 

Flächenabwicklung für den Ersatzteil für ein nicht näher bezeichnetes Land – gewidmet Karl Schwanzer (M 1 : 5)
mit motivisch zusammenhängenden Zeichnungen und einer vorbereitenden Skizze

 

Text aus KI-23091-10-3-3 Missing Link – Arbeitsbericht Projekte 1970–72 (1972)
KI 23091-10-3

„Landschaftsersatzteil

Was tut man als organisch denkender Raum- und Städteplaner gegen lebensbedrohende Schäden organisch gewachsener, funktionierender und alternder Städte und Landschaften? Grünersatzteile müssen her, verkalkte Gefäße werden durch neue, am besten künstliche, ersetzt. Strafft den Busen der Natur! Besser ein zementierter harter als ein schlaffer! Die Gewebe vertragen einander nicht?!“

Um die Qualität der Arbeiten im Original zu betrachten empfiehlt sich bis 2.10.2022 ein Besuch der Ausstellung MISSING LINK. Strategien einer Architekt*innengruppe aus Wien (1970–1980), am besten durch eine Führung mit den lebendig-informativen Erzählungen von Otto Kapfinger. Der begleitend erschienene Katalog ermöglicht ein weiteres Eintauchen, auch in den Kontext der Architekt*innengruppe Missing Link. Für die Suche nach den „Missing Links“ bleibt dauerhaft die Möglichkeit der Recherche in der MAK Sammlung Online. Neue Erkenntnisse konnten bereits eingearbeitet werden und können weiter ergänzt werden. Somit bildet das digitale Archiv Missing Link im MAK den aktuellsten Forschungsstand ab.

Ein Beitrag von Anna Dabernig, Bearbeitung des Forschungsprojekts Missing Link im MAK und kuratorische Beraterin der Ausstellung MISSING LINK. Strategien einer Architekt*innengruppe aus Wien (1970–1980), Mitarbeiterin im Team von Adolf Krischanitz

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