Angela Hareiter im Interview über Missing Link

Im Herbst 1970 schlossen sich Angela Hareiter (*1944), Otto Kapfinger (*1949) und Adolf Krischanitz (*1946) zu der Gruppe Missing Link zusammen und wurden zu einer der wichtigsten Erscheinungen der avantgardistischen Kunst- und Architekturszene Österreichs der 1970er Jahre. Anna Dabernig und Sebastian Hackenschmidt, Kurator der Ausstellung MISSING LINK. Strategien einer Architekt*innengruppe aus Wien (1970–1980), sprachen mit Angela Hareiter über ihre Rolle, auch als Frau, bei Missing Link.

Missing Link, Die Gruppe mit Karl Schwanzer bei den Dreharbeiten zum Fernsehfilm „Die verstoßene Stadt“, 1974
© MAK

Wie würden Sie Missing Link heute kurz und knapp – in zwei, drei Sätzen – definieren/charakterisieren?

Missing Link verstand sich tatsächlich als fehlendes Glied zwischen der neuen Luftigkeit (von Haus-Rucker-Co und Coop Himmelblau) und einer differenzierteren Stellungnahme zu den Zuständen rundum. Missing Link wollte gesellschaftlich transformatorische Kraft sein, so die Grundzüge der Architektur neu definieren – das fehlende Bindeglied zur Einbindung des Nutzers, des Leidtragenden vieler politischer Entscheidungen sein. Missing Link wollte ernsthafter sein, der Blase, die da hervorgeschossen war, einen konkreten Unterbau verschaffen. Die Widerborstigkeit, die dabei entstand, war mir auch eine gediegene Konfrontation mit Haus-Rucker-Co und Laurids Ortner. Ich war auf der Seite der aufrechten Gang.

Missing Link, Entwurf für eine Produktionsbox, 1971
© MAK

Was hat Sie daran gereizt, mit Otto Kapfinger und Adolf Krischanitz zusammenzuarbeiten? Sie haben mit Missing Link ja ziemlich schnell eine ganz andere Richtung eingeschlagen als noch während des Studiums und in ihrer frühen Kooperation mit Laurids Ortner und Haus-Rucker-Co: Hatten Sie das Gefühl, sich von den Ansätzen der 1960er Jahre, die später als Austrian Phenomenon bezeichnet wurden, distanzieren oder befreien zu müssen?

Zufall, Schicksal, Fügung. Im Herbst 1970 war ich zurück von der Summer Session in London (die Neuerfindung einer Architektur-Sommerakademie für die besten Studenten aus aller Welt), vollgepumpt mit theoretischem Rüstzeug. Zurück an der TU traf ich auf Otto Kapfinger und Adi Krischanitz. Sie planten am Goldenen Wienerherz, dem – wie mir schien – wohl allerletzten seiner Art. Doch es war das erste zu neuen Anfängen. Hier wurden gesellschaftspolitische Ansätze verfolgt. Das war es!
Notiz am Rande: Es war ausgerechnet Laurids Ortner – der immer grosse Anstifter – der meine Überzeugung bekräftigte: „Macht diese Studien doch manifest! Warum nicht eine
Gruppe gründen?“ Das wurde Missing Link.

Angela Hareiter bei der Dreiländerbiennale Trigon (Italien, Jugoslawien, Österreich), 1969, Diapositive
© Angela Hareiter/ MAK

Welche Einflüsse waren für Sie persönlich prägend? Gab es so etwas wie ein englisches Vorbild? Sie haben sich ja einmal bei Cedric Price beworben, einige Mitglieder von Archigram kennengelernt und 1970 und 1972 an der Summer Session in London teilgenommen: Welche Eindrücke haben Sie aus England mitgenommen? Und welche Rolle hat Amerika gespielt?

Für meine Arbeiten vor Missing Link waren die Projekte von Archigram wesentlich. Und auch die Arbeiten von Laurids Ortner, besonders die 47. Stadt, ein Wunderwerk für mich.
Sowohl Cedric Price als auch Peter Cook waren wichtige Protagonisten der SummerSession, die ja eigentlich von Alvin Boyarski, damals dean in Chicago, initiiert wurde. Besonders Cedric Price hat sich für die Österreichische Szene interessiert und mich ein bisschen unter seine Fittiche genommen. Die Projekte von Cedric Price, der ja um ein Jahrzehnt älter war, etwa fun palace oder potteries thinkbelt, schienen mir in erster Linie städtebauliche Maschinerien, technoide Elemente in strengem Raster. Architektonische Strukturen auf einem präzisen, soziologisch ausgerichteten, Fundament. Ein Vordenker.
Und Amerika. Da war das amerikanische Wunder: PopArt.
Eine aufregende Lawine kam in den sechziger Jahren aus den USA, alternative Lebensformen, psychedelische bewusstseinserweiternde Maßnahmen, Hippie Bewegung, Whole Earth Catalogue, Life Magazine, Playboy, Buckminster Fuller, Rayner Banham, Jimi Hendrix, Janis Joplin, William Burroughs, Carlos Castaneda, Science-Fiction Literatur und − Marshall Mc Luhan natürlich. Die wichtigsten Künstler Oldenburg, Rauschenberg, Lichtenstein (Warhol erst viel später).
Im August 1969 war ich endlich für zwei extrem heiße und aufregende Wochen in New York. In der Park Avenue mit Blick Richtung PanAm Building an der Stelle wo die Children Clouds hängen sollten. Und rundum die Ikonen der Moderne, Guggenheim, Seagram Building, alles damals noch neu und heftig diskutiert (eineinhalb Jahrzehnte später dann ein Besuch bei Philip Johnson, in seinem kleinen Eckzimmer des Seagram Building an seinem schlichten, kleinen und völlig leeren Schreibtisch). Das war New York bei Tag. Und nachts an der Bar des Max’s Kansas City, bei psychedelischen Lightshows im Fillmore East lang nach Mitternacht. Nur so konnte man der Hitze im Billighotel ohne Klimaanlage trotzen. Und schließlich Woodstock, an diesem chaotischen, wahnwitzigen Wochenende, das später Popgeschichte wurde. Ich kaufte mir eine Perücke, die ich bei meiner Rückkehr nach Wien lange nicht mehr ablegen wollte.

Angela Hareiter, Crack – Plastik explodiert, 1965, Collage
© Angela Hareiter/ Frac Centre-Val de Loire, Orléans

Sie haben uns erzählt, dass Sie weniger gezeichnet, gemalt und geschrieben haben als Otto Kapfinger und Adolf Krischanitz und dass Sie sich eher organisatorischen Dingen gewidmet haben. Zugleich waren Sie über Missing Link hinaus in eine ganze Menge anderer Projekte involviert: Wie sehen Sie ihre Rolle bei Missing Link und was hat Sie damals vorrangig beschäftigt?

Die beiden hatten den Zug zum Tor, zu Lösungen, die tiefer greifen, beide auch mit zeichnerischer Virtuosität gesegnet. Adis kräftige malerische Entwürfe gekoppelt mit Ottos Leonardo-Zeichnungen, die ja ein perfektes Protokoll der Objekte ergaben. Ich hatte mich nicht um solche Virtuosität bemüht, hatte damals sogar die Idee, dass alles, das so leicht aus den Fingern fließt, möglicherweise nicht tiefgreifend genug sein könnte.
Meine Zeichenkünste dagegen: ungeschliffen, ungeübt, emotional (es existieren Zeichnungen von mir, unseren damaligen Arbeiten verwandt, die nie bei Missing Link eintrafen. Sie erschienen mir zu wenig perfekt).

Wirklich verliebt war ich in das Anfertigen von Architekturzeichnungen, auf dünnstem Aquafix, mit F Mine und Spitzmühle, die Bleistiftspitze zeigt den Weg und spitzt sich selbst durch geschicktes Drehen. Eine seraphische Tätigkeit.
Mein Part – im Nachhinein betrachtet – war vermutlich eher eine exotisch-organisatorische Vermittlerrolle, die diese schweren Stücke, die da entstanden, vielleicht glaubwürdiger machte.

Missing Link, Gehsteigordner, 1973
© MAK

Waren Sie sich Ihrer Rolle als Frau in einem von männlichen Architekten dominierten Umfeld bewusst? Die anderen Gruppen, die sich noch in den 1960er Jahren an der Technischen Hochschule Wien formiert hatten, waren ja (zumindest nominell) reine „Männerbünde“…

Ich habe es zu jeder Zeit extrem peinlich gefunden, die „Rolle“ der Frau auszuspielen.
Ich war auf Grund meiner Erziehung, am Beispiel meiner erfolgreichen Mutter orientiert, völlig selbstverständlich emanzipiert, gleichberechtigt, chancengleich, selbständig, unabhängig. Nie benachteiligt. (Die Unabhängigkeit war später, mit drei Kindern, schwieriger)

Trotzdem, ziemlich wahrscheinlich, entsteht in einer solchen Dreier Konstellation ein anderer Energiestrom. Im Nachhinein denke ich, dass es vermutlich für die beiden Männer schwieriger war als für mich. Diesen Mut (oder Gleichmut?) haben Männervereine wie HRC und Coop nicht gezeigt.
Missing Link war so gesehen ein emanzipatorisches Modell. Auf selbstverständlichste Weise. Wir Drei sind ja eher zurückhaltend, spröde in der Kommunikation – als Gruppe aber kam da eine Eigenart, ein Fluidum herüber, das es vorher nicht gab. Alfred Schmeller bemerkte: „Die Missing Link – das ist mehr Sein als Schein“.

 

War Missing Link damit auch ein politisches Projekt? Politisch nicht unbedingt in Fortsetzung von Adolf Krischanitz‘ hochschulpolitischem Engagement während des Studiums, sondern eher als eine Haltung zur Architektur, zur Stadtentwicklung, zum Zeitgeschehen…

Damals galt, was Beuys sagte: „Kunst ist die einzige politische Kraft, die einzige revolutionäre Kraft, die einzige, die die Menschheit von aller Repression befreit.“
Unsere Aktionen, stellten Störungen im öffentlichen Raum dar. Temporäre Projekte, Statements, um die Stadt zu begreifen. Heute denke ich, solche Performances würden der Politik helfen, direkt mit den Betroffenen Lösungen aus zu verhandeln.

Missing Link, Dokumentation der Aktion „Die andere Seite“, 1973
Foto: Gert Winkler
© MAK

Mitte der 1970er Jahre haben Sie die Gruppe Missing Link verlassen und sich anderen Projekten gewidmet. Zunächst waren Sie im Atelier von Karl Schwanzer tätig: Welche Bedeutung hatte Schwanzer für Sie und woran haben Sie gearbeitet?

Zermartere mir den Kopf und komme auf keinen konkreten Anlass zum Ausstieg. Wohin war die Subkultur verschwunden? Wo war das starke gemeinsame Rückgrat? Es ging wohl schleifend vor sich.
Ich hatte schon seit 1965 im Atelier Schwanzer gearbeitet. Zuerst auf der Baustelle des Philips Hauses, dann am Projekt Expo Montreal, mit Otto an Schwanzers Buch Architektur aus Leidenschaft, am Riyad Masterplan, schließlich am visuellen Erscheinungsbild des Studio Schwanzer. Bei Schwanzer konnte man mutig sein. Er hat meine frühen Projekte geschätzt, sie wurden als Bestandteile der progressiven Szene, die sich an der TU entwickelte, gesehen. Schwanzer war kein böser grauer Mann. Er war großzügig, aber auch sprunghaft, impulsiv und unnachgiebig.

Dann haben Sie sich aber vermehrt der Ausstattung von Film- und Theaterproduktionen gewidmet: Wie kam es dazu und welches waren für Sie die wichtigsten Projekte?

Die Möglichkeit viel zu bauen, wenn auch nur für das Auge der Kamera, das war unwiderstehlich. Schon knapp nach der Matura habe ich meine Mutter gelegentlich am Theater in der Josefstadt als Assistentin vertreten. Auch während des Studiums gab es immer wieder Jobs als Assistent Art Director, auch bei internationalen Produktionen.
Die Arbeit als Filmarchitekt schien mir nicht so sehr ein Seitenwechsel zu sein. Auch hier war Grundvoraussetzung eine eingehende Erforschung der visuellen Erscheinungsformen, zusätzlich ausgedehnt auf fremde Welten und andere Zeiten. Wie faszinierend!
Es geht um den Raum vor der Kamera, nicht um den Raum an sich, der jedoch immer mitschwingen muss. Es geht um Dinge, Räume, Landschaften, die die Protagonisten in ihren Handlungen bestmöglich begleiten. Der Filmarchitekt bestimmt, was zu sehen ist. Er ist als erster dabei, er bestimmt Stimmung und Licht. Und er hat ein eingespieltes Team, um die Vorstellungen zu realisieren, um Erdachtes rasch sichtbar zu machen.
Ein Projekt im Besonderen schien mir sogar verbindende Elemente zu unseren vorhergehenden Analysen zu haben: „die Staatsoperette“. Hier wurde in operettenhaft übersteigerter Form der Abstieg von demokratischer zu reaktionärer Struktur (Österreich in der Dollfuss/Seipel/Schuschnigg Ära) vorgeführt. Eine Produktion des ORF, erdacht von Zykan/Novotny. Auch technisch eine Herausforderung, erstmals wurden Dekorationen vor BlueBoxHintergrund eingespielt. Die Ausstrahlung des Films wurde lange zurückgehalten und schließlich von den meisten Medien zerrissen.

Angela Hareiter, Staatsoperette – Vorspann, 1977, Zeichnung
© Angela Hareiter/ MAK

Um Ende der 1970er Jahre nach Linz zu gehen und wieder mehr mit Laurids Ortner zusammenzuarbeiten, haben Sie sogar einen „Ruf“ nach Hollywood ausgeschlagen: Was waren für Sie die Herausforderungen dieser Zeit – nicht zuletzt auch im Hinblick auf das Forum Design in Linz 1980?

Was hielt mich von einem Angebot nach Hollywood ab? Am meisten doch die kulturelle Diskrepanz, Los Angeles damals – war nicht New York, kein wirklich Gleichgesinnter in Reichweite und auch die rücksichtslose besonders unsensible Arbeitsmoral der Amerikaner, die ich bei der Arbeit an der Serie Holocaust kennengelernt hatte.
Forum Design, das war ein durch und durch europäisches Projekt! Mit Helmut Gsöllpointner und Laurids Ortner bereitete ich die Ausstellung in Linz vor. Bis heute die größte Veranstaltung, die den Begriff Design prägte. Ein Unternehmen, in dem vorbildliche Künstler, Designer und Industrieunternehmen in einem 300m langen temporären Ausstellungsbau präsent waren, ergänzt durch das 520 Seiten Buch Design ist unsichtbar – Design Bibel in Italien genannt.
Hier war die Möglichkeit ein Thema uneingeschränkt zu erforschen und neu zu positionieren, die große interessante Herausforderung.

Der Titel Design ist unsichtbar stammt ja von Lucius Burckhardt. Zugleich hätte er aber gut auch zu einigen Projekten von Missing Link gepasst, vor allem zur Aktion Die andere Seite von 1973, in der die „unsichtbaren“ Versorgungsleitungen der Stadt thematisiert wurden. Sehen Sie Verbindungen zwischen solchen Ansätzen von Missing Link und ihrer späteren Tätigkeit im Rahmen von Forum Design?

Bei Forum Design ging es darum, jene suggestiven Elemente aus Alltagskultur, aus industrieller Produktion, aus Strategien von Künstlern und Architekten, die den unsichtbaren Nährstoff zukünftiger Entwicklungen abgeben sollten, sichtbar zu machen. Ein imaginärer Speicher, der auch heute nach 42 Jahren noch immer satte Nahrung liefert.
Missing Link versuchte, unsichtbare Strukturen der städtischen Umwelt sichtbar zu machen.

Die Ausstellung MISSING LINK. Strategien einer Architekt*innengruppe aus Wien (1970–1980) ist bis zum 2. Oktober 2022 in der MAK Ausstellungshalle zu sehen.

Ein Beitrag von Anna Dabernig, Mitarbeiterin im Team von Adolf Krischanitz und kuratorische Beraterin der Ausstellung und Sebastian Hackenschmidt, Kustode MAK Sammlung Möbel und Holzarbeiten

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