Ton und Feuer, Handwerk und Kunst – Die Restaurierung einer Kaminverkleidung von Vally Wieselthier

Fast 100 Jahre nach ihrer Ausführung wird eine Kaminverkleidung von Vally Wieselthier (1895–1945) als eines der Highlights der Ausstellung DIE FRAUEN DER WIENER WERKSTÄTTE (5. Mai – 3. Oktober 2021) erstmals wieder öffentlich zu sehen sein. Anne Biber, Leiterin der MAK-Restaurierung, berichtet gemeinsam mit Anne-Kathrin Rossberg, Kustodin MAK-Sammlung Metall und Wiener-Werkstätte-Archiv und Kuratorin der Ausstellung, von der aufwendigen Restaurierung und der konservatorischen Arbeit an diesem Objekt.

1917 erhielt die Wiener Werkstätte (WW, 1903–1932) einen Brennofen und nahm ihre eigene Keramikproduktion auf. Im selben Jahr trat Vally Wieselthier (1895–1945) in die WW ein, nachdem sie zuvor an der Kunstgewerbeschule u.a. bei Josef Hoffmann und Koloman Moser (den beiden Gründern der WW) sowie Michael Powolny (Leiter der Keramikklasse) studiert hatte. Wieselthier bewies ihre außerordentliche Begabung in allen Bereichen des Kunstgewerbes, besonders aber in der Verarbeitung von Ton, den sie zu Gefäßen, Leuchtern, Köpfen und Figuren formte. 1922 gründete sie ihre eigene Werkstätte, die sie fünf Jahre später inklusive aller Modellrechte an die WW verkaufte. In dieser Zeit entstanden Öfen und Kaminverkleidungen – eine davon ist in der Sammlung des MAK erhalten geblieben und wurde für die Ausstellung DIE FRAUEN DER WIENER WERKSTÄTTE restauriert.

Zur Herstellungstechnik

Auf dem Weg zur fertigen Keramik durchläuft der Ton mehrere Arbeitsschritte. Die feuchte, plastische Tonmasse wird zunächst kräftig geschlagen und geknetet, um Lufteinschlüsse, welche zu Rissen führen, zu entfernen. Es folgt der Formgebungsprozess, etwa durch freies Modellieren, durch verschiedene aufbauende Techniken ausgehend von Wülsten und Platten, durch Drehen an der Töpferscheibe oder durch das Kombinieren von Techniken. Nach dem Formen wird der Ton getrocknet, anschließend, meist vor dem Glasieren, im sogenannten Schrühbrand bei 900 bis 1000 Grad Celsius vorgebrannt. Dabei entweicht gebundenes Wasser, das Tonmaterial wird unlöslich und kann glasiert werden. Bei den Glasuren handelt es sich um fein gemahlene Gläser, die mit Tonerde und Wasser versetzt aufgetragen werden. Nach dem Antrocknen erscheinen die Glasuren matt, die Farben geben das spätere Ergebnis noch nicht zu erkennen. Erst beim Glasurbrand – der Brennofen wird dabei langsam auf eine Temperatur von rund 1100 bis über 1200 Grad Celsius aufgeheizt – schmilzt die Glasur. Nach dem Erkalten – es muss ebenso langsam erfolgen, um Risse zu vermeiden – verdichtet sich die Glasur zu einer festen Schicht und nimmt die strahlenden Farben an, die für die Keramiken der Frauen der WW so charakteristisch sind.

Jeder Schritt für sich verlangt neben handwerklichem Können und künstlerischer Ausdruckskraft auch die Kenntnis der Eigenheiten des Materials. In ihrer von 1922 bis 1927 betriebenen Keramischen Werkstätte förderte Wieselthier einen intuitiven Zugang, Expressivität und Spontanität im Umgang mit dem Material.

„Eben das Unregelmäßige, nicht systematisch Abgegrenzte ergibt soviel Reiz und Schönheit, die man eben nur in der Keramik haben kann, “  schrieb Vally Wieselthier in ihrem Beitrag Zu meinen keramischen Arbeiten, in: Deutsche Kunst und Dekoration (50) 1922, 236–238.

Dennoch bildete gutes Handwerk für Wieselthier die Grundlage ihres Schaffens, wie sie in demselben Beitrag weiter ausführte:

„Ich möchte bei meiner Arbeit überhaupt das Künstlerische vom Handwerklichen gar nicht getrennt wissen; […] Aber ich habe die Überzeugung, daß die Form um so edler wird, je besser ich die Technik und das Material beherrsche. […] Was ich mit meinen Fingern aus dem Ton hohl formen kann, wird nie schlecht sein, weil das Material mir ja genau sagt, was ich mir erlauben darf und was nicht.“

Die Kaminverkleidung

Als besonderes Objekt innerhalb des Werks Vally Wieselthiers gelangte eine Kaminverkleidung 1968 aus Privatbesitz ins MAK. Nach dem Abbau am früheren Standort lagerten die Einzelkacheln unter der Inventarnummer KE 9646 verpackt im Depot des Museums. Die bevorstehende Ausstellung bot den Anlass zur Restaurierung.

Die Kaminverkleidung lässt sich in die Zeit zwischen 1922 und 1926 datieren. Sie wurde als Einfassung für einen in der Ecke eines Wohnraums aufgestellten Dauerbrandofen konzipiert. Gitterartig durchbrochene und mit figürlichen Reliefs verzierte Lüfterkacheln bilden den markanten Mittelteil der Schauseite. Unten und oben gliedern gewölbte Sockel- und getreppte Gesimskacheln den Entwurf. An den Seiten und der Abdeckung sind glatte Kacheln mit abstrakt floralem Dekor angebracht. Wie viele der Arbeiten von Vally Wieselthier entspricht auch das Dekor der Kamineinfassung jenem einer klassischen Fayence: Auf einer weißen, zinnhaltigen Glasur, die teilweise den orangeroten Scherben durchscheinen lässt, liegen kräftige Farben, hier überwiegend blaue und grüne Akzente. Glasuren besitzen einen zentralen Stellenwert in der Arbeit Wieselthiers:

„Ich […] liebe die Glasur, vielleicht weil ich überhaupt das Farbige, Freudige gern habe. Ich lege absolut kein Gewicht darauf, eine möglichst glatte, einfarbige, haarrißfreie Glasur zu erzielen, sondern ich mische mir die Töne in allen möglichen Stimmungen zusammen und lasse jetzt das Feuer walten.“

Vally Wieselthier, Kaminverkleidung
Vally Wieselthier, Kaminverkleidung, um 1925
© Christoph Schleßmann, Universität für angewandte Kunst Wien/MAK

Kunsttechnologische Untersuchungen

 Im Vorfeld der Restaurierung wurden umfassende kunsttechnologische Untersuchungen vorgenommen. Die Analyse des Keramikgefüges und der Elementzusammensetzung, unter anderem mittels eines Rasterelektronenmikroskops, zeigte, dass eine bewährte Tonzusammensetzung verwendet und sorgfältig aufbereitet wurde. Ein geringer Kalkanteil im Ton verbesserte die thermischen Eigenschaften der Kaminverkleidung. Er war gleichzeitig wohl ein begünstigender Faktor für die Bildung feiner Risse in der Glasur. Ein Detail, welches die Oberfläche durchaus noch lebendiger erscheinen lässt.

Detail der Glasur mit feinem Rissbild
Detail der Glasur mit feinem Rissbild © Rupie Loghanathan, Universität für angewandte Kunst Wien/MAK

 Die Untersuchung konnte auch zur Klärung des Entstehungskontexts beitragen: Die Zusammensetzung der Bleiglasur mit Zinnalteilen entspricht exakt jener, die von den Weißglasuren der Hafner*innen Gmundens im 19. Jahrhundert bekannt ist. Auch bei den farbigen Glasuren griff Vally Wieselthier auf die für Gmunden traditionelle Palette zurück. Es kann daher rückgeschlossen werden, dass die Kaminverkleidung mit hoher Wahrscheinlichkeit im Hafnerbetrieb Schleiss in Gmunden produziert wurde, welche mit der Wiener Werkstätte und mit Künstler*innen wie Vally Wieselthier zusammenarbeitete. Die Art der Ausführung deutet darauf hin, dass die künstlerische Ausführung durch Wieselthier persönlich stattfand, sie bei standardisierten Arbeitsschritten möglicherweise auf Unterstützung durch den Betrieb zurückgriff.

Konservierung und Restaurierung

Ein längerer Gebrauch und der Abbau der Kacheln, die an ihrem früheren Ausstellungsort mit Lehm gesetzt waren, hatten ihre Spuren hinterlassen. Auflagen von Lehm, Schmutz und Ruß, Risse, Brüche und gealterte frühere Restaurierungen beeinträchtigten den Zustand. Die Oberfläche der Kacheln wurde von Lehmresten, Schmutz und Ruß befreit. Gebrochene Elemente wurden verklebt. Fehlstellen und verloren gegangene, kleinere Partien wurden mittels einer plastischen Masse auf Gipsbasis ergänzt und schließlich retuschiert.

Schmutzauflagen
Schmutzauflagen © Rupie Loghanathan, Universität für angewandte Kunst Wien/MAK

 Eine besondere Herausforderung bestand darin, aus den 66 Einzelkacheln den entstehungszeitlichen Aufbau wiederherzustellen und eine stabile Stützkonstruktion zu entwerfen, die ein sicheres Ausstellen ermöglichen sollte. Die Ausführung des Aufbaus konnte vorab nur in groben Zügen geplant werden, Details ergaben sich schrittweise im Arbeitsprozess. Zunächst wurden die Kacheln anhand einer historischen Aufnahme des Objekts und vorhandener Kennzeichnungen ihrer Lage im Verband entsprechend aufgelegt. Es wurde ein Stützgerüst zur Befestigung der Kacheln konstruiert, um die Kachelreihen dann von unten nach oben aufbauen zu können. Nach dem Ausrichten der Kacheln wurden sie rückseitig mittels punktuell aufgeklebter Metallbänder mit dem Gerüst verbunden. Schließlich wurden die Fugen mit einer Spachtelmasse auf der Basis von Gips geschlossen.

Schritte des Aufbaus © Rupie Loghanathan, Universität für angewandte Kunst Wien/MAK

 

Ergänzung und Nachbearbeitung © Rupie Loghanathan, Universität für angewandte Kunst Wien/MAK

So wurde die Kaminverkleidung basierend auf umfassenden kunsttechnologischen Untersuchungen konservatorisch-restauratorisch gesichert und kann als zentrales Werk aus der Keramiksammlung dem Publikum zugänglich gemacht werden. Die Kuratorinnen und Architekt*innen der Ausstellung entschieden sich für eine freie Aufstellung des Objekts im Raum. Folglich wird die hier vorgestellte Konstruktion nicht verborgen. Dem Publikum ist es buchstäblich möglich, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen.

Keramikerinnen der Wiener Werkstätte

Vally Wieselthier war eine Vorreiterin weiblich dominierter, expressionistischer Keramikkunst, welche in der Zwischenkriegszeit in der Wiener Werkstätte und deren Umfeld geschaffen wurde. Weitere Protagonistinnen waren, um nur einige zu nennen, Gudrun Baudisch, Kitty Rix, Susi Singer, Hertha Bucher und Hilda Jesser. Die Keramikwerkstatt bot ihnen Raum zur Produktion, aber auch zum Experimentieren. Die Keramikerinnen standen in engen Beziehungen zueinander, beeinflussten sich gegenseitig, entwickelten gemeinsam Themen und Motive weiter. Dabei durchbrachen sie Konventionen, spielten mit Traditionen, widersetzten sich Regeln – sowohl künstlerisch, als auch gesellschaftlich. Die Ausstellung DIE FRAUEN DER WIENER WERKSTÄTTE vereint eine große Zahl der funktionalen und künstlerischen Arbeiten und gibt einen Einblick in das Schaffen der beeindruckenden Persönlichkeiten.

Die Voruntersuchung und Restaurierung der Kaminverkleidung von Vally Wieselthier wurde durchgeführt von Rupie Loghanathan, Studentin am Institut für Konservierung und Restaurierung der Universität für angewandte Kunst Wien, betreut durch Manfred Trummer, ehemals Leiter der Restaurierabteilung des MAK. Lesenswerte Quellen für den vorliegenden Blogbeitrag waren die umfangreiche Dokumentation von Rupie Loghanathan Eine Kaminverkleidung von Vally Wieselthier (vor 1926) aus dem Bestand des MAK – Museum für angewandte Kunst (unveröffentlichtes Vordiplom, Universität für angewandte Kunst Wien, Institut für Konservierung und Restaurierung, 2020) sowie der Text von Megan Brandow-Faller Weibliche Gefäße: Expressive Keramik der Wiener Werkstätte, im Katalog zur Ausstellung (DIE FRAUEN DER WIENER WERKSTÄTTE, herausgegeben von Christoph Thun-Hohenstein, Anne-Katrin Rossberg und Elisabeth Schmuttermeier, mit Beiträgen von Megan Brandow-Faller, Elisabeth Kreuzhuber, Anne-Katrin Rossberg, Elisabeth Schmuttermeier, Lara Steinhäußer und Angelika Völker. Deutsch/Englisch, 288 Seiten mit zahlreichen Farbabbildungen. MAK, Wien/Birkhäuser Verlag, Basel 2020. Erhältlich im MAK Design Shop und unter MAKdesignshop.at um € 44,95).

Ein Beitrag von Anne Biber, Leiterin der MAK-Abteilung Restaurierung und Werkstätten, und Anne-Kathrin Rossberg, Kustodin MAK-Sammlung Metall und Wiener-Werkstätte-Archiv

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