Susanne Bisovsky: „Wiener Chic“ habe ich kreiert als Metapher für eine erdachte Idealstadt

Seit 11. Juni 2022 sind ausgewählte Ensembles von Susanne Bisovsky im Rahmen der Reihe (Con)temporary Fashion Showcase im MAK Geymüllerschlössel zu sehen. Die außergewöhnlichen Kreationen entstammen ihrer Auseinandersetzung mit einem riesigen materiellen und immateriellen Fundus und Bisovskys spielerischer und fundierter Annäherung an Mode, handwerkliche Techniken und Kostümkunde. Im Interview erzählt Susanne Bisovsky über die Inszenierung ihrer Ensembles, ihre Inspiration beim „Wiener Chic“ bis hin zu Vorbildern in der Modegeschichte.

MAK-Ausstellungsansicht, 2022
(Con)temporary Fashion Showcase: Susanne Bisovsky
MAK Geymüllerschlössel
© MAK/Georg Mayer

Ihre Ensembles verändern sich immer wieder über die Jahre. Sie greifen auf einen großen Fundus zurück aus dem heraus Sie Einzelstücke auch immer wieder neu inszenieren – wieso machen Sie das? Ist es Ihnen ein Anliegen Ihrer Kundschaft damit klar zu machen, dass man gute Qualität immer wieder über Jahre neu tragen kann? 

Gestern erst hat eine Influencerin nicht den allerneuesten Content präsentiert, sondern vorgeschlagen, Kleider zumindest 30x (…) zu tragen, bevor Neues gekauft wird. Vielleicht schlägt der momentane sustainability-hype bald in eine Art Überwachung um, wer was wie oft zu tragen hat oder dglm  😉
Es ist nicht leicht, einen klaren Zustand zu den momentanen Entwicklungen zu finden! Ich arbeite einfach sehr, sehr gerne und manches Mal auch sehr viel länger an Entwürfen, oder ich überarbeite dann auch bestehende, fertige Ensembles. Zeit ist ja ein dehnbarer Begriff. Letztlich zählt das Ergebnis, egal wie oft etwas getragen, egal wie lange oder kurz daran gearbeitet wurde. Gute Qualität (und wahre Nachhaltigkeit) entsteht immer jenseits erwartbarer Parameter und Postulate.

 

In der Ausstellung sind Ensembles in Ihrem speziellen, unverkennbaren „Wiener Chic“ zu sehen. Welche „schöne Wienerin“ haben Sie vor Augen, wenn Sie diese Stücke kreieren? Wie sehen diese Frauen aus, einen Tag in Bisovsky gekleidet, und was haben sie vor? Gibt es reale Vorbilder?

Die Wienerin vor meinem inneren Auge ist eine selbstbewusste Person, die begreift, dass sie nicht der Mode und den Moden nachhecheln, sondern ihren eigenen Stil entwickeln muss. Wenn sie das schafft, ist sie frei und kann tun und lassen, was sie will. Vorbilder zu nennen, hieße eigentlich, in die alte Falle zu tappen. „Wiener Chic“ habe ich kreiert als Metapher für eine erdachte Idealstadt − mit einem bekannten Namen und bekannten Ingredienzien − die man natürlich noch wesentlich verbessern kann. Daraus kann die Wienerin jetzt etwas Erfreuliches machen oder sich dem Mainstream anpassen. Natürlich braucht es für das Erfreuliche etwas mehr Kraft, Hingabe und Aufwand.

 

In Ihren Arbeiten ist eine starke Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bemerkbar. Haben Sie Vorbilder in der Modegeschichte?

Vergangenheit ist eigentlich das falsche Wort. Mich interessiert Geschichte, Modegeschichte, Geschichten, Entwicklung, globale und regionale Entwicklungen gleichermaßen. Da spielt der vergangene Teil von Geschichte nur eine Rolle von vielen. Aber auch diese Rolle verändert sich je nach Deutung, Umdeutung oder Neudeutung der Sachlage. Letztlich findet Modegeschichte erst seit zwei, drei Jahrhunderten statt. Das ist nicht einmal ein Wimpernschlag und schon führen wir uns dermaßen hysterisch auf, als ginge es sekündlich um unser Leben. Warum sollte man nicht davon profitieren, dass Generationen davor bereits Erfahrungen gesammelt haben?! Um auf die Frage zurückzukommen, konkrete Vorbilder habe ich nicht, es sind eher gewisse Einstellungen zu den (Mode)-Prozessen, seltene, vergessene Momente, allerhand Quelque chose unter dem großen Schutzmantel der persönlichen Faszination und Hingabe. Und klug denkende Menschen, das inspiriert mich.

 

In der Ausstellung befindet sich ein Bühnenkostüm: eine grüne Spencerjacke mit floralem Druckmuster aus dem frühen 20. Jahrhundert und ein floral gemusterter Teppichstoff-Rock für Carl Maria von Webers Il Franco Cacciatore an der Mailänder Scala (2017). Wie kam es zu dieser Auseinandersetzung mit Kostümen?

Eigentlich wurden alle Kostümbild-Engagements an mich herangetragen. Bei Il Franco Cacciatore habe ich mir zuerst ein Playmobil-Video der Oper angesehen und dann intuitiv in der Geschichte der deutschen Oper herumgekramt. Wobei sich herausgestellt hat, dass die deutschen Bauersfrauen eigentlich böhmische Bäuerinnen waren. Das kam mir natürlich sehr entgegen. Aber wie bei allen kreativen Prozessen entscheide und arbeite ich größtenteils aus dem Bauch heraus.

Können Sie uns einen kurzen Ausblick geben, welches Thema Susanne Bisovsky in den nächsten Jahren beschäftigen wird?

Jetzt könnte man in guter Wiener Tradition die wildesten Phantasmagorien und Gerüchte in den Raum stellen: Eröffnung der ersten Boutique am Mars, das Verlegen eines Modemagazins, das in der Welt der Oberflächlichkeit fehlt, Investition in Bildung, besonders in Mode und Modejournalismus. Ich möchte es eher einfach halten. Nichts Spektakuläres, Monströses, um Avantgarde sein zu wollen, keine „Siegerkunst“ (Wolfgang Ullrich). Und womit ich mich definitiv nicht vorsätzlich herumschlagen werde, ist Nachhaltigkeit. Sondern ich werde mich ganz einfach weiterhin mit den Themen, die mich immer schon fasziniert haben und mich immer noch faszinieren, beschäftigen.

Die Ausstellung (Con)temporary Fashion Showcase: Susanne Bisovsky ist noch bis 28. August 2022 im MAK Geymüllerschlössel zu sehen.

Das Interview führten Sandra Hell-Ghignone, MAK Presse und Öffentlichkeitsarbeit und Lara Steinhäußer, Kustodin MAK Sammlung Textilien und Teppiche

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