The Austrian Majolica Project – Der lange Weg zur ersten Ausstellung der Majolika-Sammlung des MAK

Die bunten Malereien auf zinnglasierten Majoliken erzählen uns viel über die Kultur der Renaissance. Keine andere Form der Renaissancemalerei hat sich ihre Farbigkeit derart bewahrt. Mit der Ausstellung ZINNGLASUR UND BILDKULTUR. Die Majolikasammlung des MAK im Kontext ihrer Geschichte zeigt das MAK erstmals seine Sammlung von exquisiten Majoliken. Für den MAK-Blog beschreibt Rainald Franz, Kustode der MAK-Sammlung Glas und Keramik, die jahrelangen Vorbereitungen, die dieser außergewöhnlichen Schau zugrunde liegen.

Wappenteller, Orpheus holt Eurydike aus der Unterwelt, Wappen von Rabenhaupt von Suche und Lamparter von Greiffenstein, Werkstatt von Guido Durantino, Urbino, um 1535–1538, aus Stift Neukloster, Wiener Neustadt
© MAK/Georg Mayer

Die bislang unpublizierte Majolika-Sammlung des MAK wurde für diese Ausstellung vom Team der Sammlung Glas und Keramik in ihrer kunsthistorischen Bedeutung völlig neu beleuchtet und bearbeitet. Die MAK-Restaurator*innen betreuten die Exponate nach modernsten konservatorischen Prinzipien und das Digitale MAK erschloss die Stücke sowohl fotografisch als auch digital für die MAK-Datenbank. So entwickelte sich, was intern The Austrian Majolica Project genannt wird und die Basis legte für dieses für uns wichtige Ausstellungsprojekt.

Im Vorfeld der Schau initiierte ich eine umfassende Erhebung aller verfügbaren Bestände an Majoliken aller relevanten institutionellen Keramiksammlungen Österreichs: von der Sammlung Esterhazy in Eisenstadt über das Joanneum in Graz, die Wiener Sammlungen, die Oberösterreichische Landeskultur GmbH, das Salzburg Museum, das Ferdinandeum, Innsbruck und Schloss Ambras, bis zum Vorarlberger Landesmuseum.

 

Gastkurator der Ausstellung ist einer der weltweit führenden Experten für italienische Majoliken: Timothy Wilson, Professor emeritus am Balliol College Oxford und ehemaliger Keeper of Western Art des Ashmolean Museum Oxford, mit dem ich seit vielen Jahren in wissenschaftlichem Austausch bin. Gemeinsam erstellten wir eine repräsentative Auswahl an Wunschleihgaben für die Ausstellung. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Konservierung und Restaurierung  und dem Keramikstudio der Universität der angewandten Kunst in Wien konnten wichtige Majoliken der MAK-Sammlung restauriert werden.

Auch ein zeitgenössischer italienischer Majolikakünstler, Marino Moretti, ist in der Ausstellung vertreten. Am 17. Mai, der Notte della Majolica Italiana, gibt es Gelegenheit, ihn persönlich kennenzulernen. In einer Schauvorführung im MAK wird er Stücke formen und glasieren.

MAK-Ausstellungsansicht, 2022
ZINNGLASUR UND BILDKULTUR. Die Majolikasammlung des MAK im Kontext ihrer Geschichte
Zentraler Raum MAK DESIGN LAB
© MAK/Georg Mayer

Mit Mag. Nikolaus Hofer von der Abteilung für Archäologie des Bundesdenkmalamts und HR Dr. Michael Goebl, ehemals Österreichischen Staatsarchiv, Historiker und Spezialist für Heraldik, konnten wir für den Katalog zwei weitere namhafte Experten gewinnen. Beide haben wichtige Beiträge zu Majolikafunden bei Ausgrabungen in Österreich und Wappen des österreichischen Hochadels auf italienischer Importmajolika für den Katalog verfasst.

Pilgerflasche, Mythologische Götter und Göttinnen, „Maler der Orpheus Beckens“, Werkstatt von Guido di Merlino, Urbino (vermutet), um 1540–1550, aus Stift Neukloster, Wiener Neustadt
© MAK/Katrin Wißkirchen

Der Kunstform Majolika ist nach langen Jahren der Vernachlässigung zuletzt international wieder vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt worden. In den vergangenen Jahren haben Publikationen und Großausstellungen die bedeutenden Majolika-Sammlungen in Turin, Urbino und Oxford neu präsentiert. Wissenschaftliche Konferenzen, wie die 2021 unter dem Titel Maiolica in Italy and Beyond publizierte Tagung im Ashmolean Museum in Oxford, haben die Internationalität und Relevanz des Themas vor Augen geführt.

Lüstriertes Becken, Wappen einer Person in Verbindung mit der spanischen Königsfamilie, Spanien (Manises oder Paterna), um 1500, aus der Olbizzi-Este-Sammlung
© MAK/Katrin Wißkirchen

Die in Italien entwickelte Luxuskeramik prägte bis ins frühe 18. Jahrhundert die gehobene Tischkultur. Über die spanische Baleareninsel Mallorca gelangten die Majolika- bzw. Lüsterfayencen im 15. Jahrhundert nach Italien, daher leitet sich der Name der Keramiken ab. Um 1500 entwickelte sich die Stadt Faenza in der Emiglia-Romagna mit ihrem Umland zu einem Keramik-Zentrum in Italien. Später wurde die Bezeichnung „Fayence“ für nordeuropäische Irdenware mit Zinnglasur von Faenza abgeleitet. In Italien entwickelten sich wichtige Werkstätten von Venedig bis Sizilien, gefördert von den lokalen Dynastien, wie den Medici in Florenz.

Becken mit dreipassigem Fuß und Henkeln, Urteil des Paris, Werkstatt der Familie Patanazzi, Urbino, um 1560–1590
© MAK/Georg Mayer

Ab dem frühen 16. Jahrhundert wurde Majolika-Geschirr zum Luxusexportgut Italiens und verbreitete sich bis an die Höfe Nordeuropas. Künstler*innen ersten Ranges, wie Raffael, lieferten Vorlagen für die Gestaltung der Keramiken. Diese Stücke tauchen später etwa auch in den Fresken Giulio Romanos im Palazzo del Té in Mantua als Schmuck eines Schaubuffets auf. Sogenannte „Istoriato-Majoliken“ illustrieren antike Sagen und Göttergeschichten in vielfigurigen Szenen. Sie avancierten zum Themengeber für Tafelgespräche für die humanistisch gebildeten Adeligen. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich ein internationaler Sammlermarkt für historische Majoliken, die sich später auch als Vorbildobjekte in den neu gegründeten Museen für Kunst und Industrie finden. Die Keramikindustrie des 19. Jahrhunderts bediente sich dieser Vorlagen europaweit.

 

Die heutige Majolika-Sammlung des MAK umfasst sowohl Objekte aus der kaiserlichen Sammlung der Kunstkammer Ferdinands von Tirol in Ambras und aus dem Nachlass von Franz Ferdinand von Österreich-Este als auch die Majoliken aus Stift Neukloster in Wiener Neustadt. Die aktuelle MAK-Ausstellung zeigt neben hochkarätigen Beispielen aus der MAK-Sammlung auch Leihgaben aus bedeutenden Wiener und mitteleuropäischen Sammlungen. Im Zusammenspiel mit dem umfassenden begleitenden Katalog, der Ende Juni 2022 erscheinen wird, ist die Ausstellung ein wichtiger Schritt, diese hochqualitative Sammlung erstmals einem Publikum zugänglich zu machen.

MAK-Ausstellungsansicht, 2022
ZINNGLASUR UND BILDKULTUR. Die Majolikasammlung des MAK im Kontext ihrer Geschichte
Zentraler Raum MAK DESIGN LAB
© MAK/Georg Mayer

Die Ausstellung ZINNGLASUR UND BILDKULTUR. Die Majolikasammlung des MAK im Kontext ihrer Geschichte ist bis zum 7. August 2022 im Zentralen Raum des MAK DESIGN LAB zu sehen.

Ein Beitrag von Rainald Franz, Kustode MAK-Sammlung Glas und Keramik und Kurator der Ausstellung

 

 

 

 

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