„Tell these people who I am” – Vally Wieselthiers Karriere in Wien und New York

Am 25. Mai 2022 jährt sich Vally Wieselthiers Geburtstag zum 127. Mal. Sie ist wohl die bekannteste Künstlerin der Wiener Werkstätte und machte sich vor allem als Keramikerin einen Namen. Ihre Arbeiten umfassen jedoch alle Bereiche der angewandten Kunst. Anne-Katrin Rossberg, Kustodin der MAK-Sammlung Metall und Wiener-Werkstätte-Archiv, stellt am MAK-Blog eine vielseitig begabte Frau vor, die auch in ihrer zweiten Heimat New York eine äußerst gefragte Gestalterin war.

Vally Wieselthier, Im Tierpark, Illustration aus dem Mappenwerk Das Leben einer Dame, 1916
© MAK

Am Anfang standen Sport und Mode. Als junges Mädchen gewann die 1895 in Wien geborene Vally Wieselthier diverse Wettkämpfe in den Disziplinen Schwimmen, Tennis und Skilaufen. Zugleich interessierte sie sich für Mode und zeichnete unentwegt schön gekleidete Damen: „…my pleasure was to draw ‘well-dressed ladies’ cut them out of the paper and playing parties and balls with them“, heißt es in ihren Erinnerungen aus den 1930er Jahren. Bei ihren Eltern, die für ihre Tochter den klassischen weiblichen Lebensweg (Ehe und Kinder) vorsahen, setzte sie den Besuch der Kunstschule für Frauen und Mädchen durch, eine Institution, die später in die Modeschule Hetzendorf überging. 1914 machte sie heimlich die Aufnahmeprüfung an der Kunstgewerbeschule, der heutigen Universität für angewandte Kunst, und studierte dort bei Koloman Moser (Malerei), Josef Hoffmann (Architektur/Design), Michael Powolny (Keramik) und Rosalia Rothansl (Textil).

Frühe erhaltene Arbeiten von Wieselthier sind die Illustrationen zu den fantastischen Mappenwerken Mode Wien 1914/5 und Das Leben einer Dame, erschienen 1916. Ein Jahr später trat sie in die von Hoffmann und Moser 1903 gegründete Wiener Werkstätte (WW) ein und entwarf dort vor allem Keramiken, aber auch Glasdekore, Stoffmuster, Stickereien und Spitzen, Schmuck und Silbergegenstände sowie Gebrauchsgrafik (Plakate und Werbeanzeigen).

 

1916 richtete die Wiener Werkstätte ein Modegeschäft im Palais Esterhazy auf der Kärntner Straße ein, zwei Jahre später eröffnete sie vis-à-vis ein Verkaufslokal für Spitzen, Stoffe und Beleuchtungskörper. Die Künstlerinnen der WW, darunter auch Vally Wieselthier, übernahmen im Stoffgeschäft die Gestaltung der Wände und erschlossen sich damit das Gebiet der Wandmalerei, das sie noch oft beschäftigen sollte. Im Eingangsbereich und Stiegenhaus schufen sie ein Potpourri aus Blumenbouquets, Fantasievögeln und galanten Szenen und entführten damit die Kundschaft in das Reich des Luxus und der Moden.

 

Bis 1922 arbeitete Vally Wieselthier in der sogenannten Künstlerwerkstätte der WW und bezeichnete später diese Jahre als die glücklichsten ihres Lebens. „We had a huge studio, each one of us got a key … and we had all the workshops imaginable to our free use. We also had the best trained foreman and workers and all the time and material we desired. I think the erection of this “Kuenstlerwerkstaette”… was one of the genial ideas of Professor Hoffmann. We just did as we pleased and when the “Wiener Werkstaette” would sell one of our products there was always a big party given by the happy winner“, so Wieselthier in ihren Erinnerungen.

Doch dann verlässt sie die WW, um eine eigene Werkstatt zu gründen, und bietet ihre Keramiken auf Messen in Deutschland an. Sie ist eine gute Selbstvermarkterin, knüpft Kontakte mit Produzenten und lernt Alexander Koch kennen, den Herausgeber der damals so wichtigen Zeitschrift Deutsche Kunst und Dekoration. Begleitet von langen Fotostrecken erscheinen hier von ihr selbst verfasste Artikel zum Thema Handwerk und Kunst.

 

Wieselthier erhält Aufträge für Bauplastiken von der Gemeinde Wien und fasst zudem Fuß auf dem amerikanischen Markt. Dennoch verkauft sie 1927 ihre Werkstatt an die WW und kehrt als Leiterin der Keramikwerkstätte dorthin zurück. Für ein gutes Gehalt und 10 % Beteiligung an verkaufter Ware tauscht sie ihre Selbständigkeit gegen eine Anstellung ein, die ihr nach wie vor ermöglicht frei zu arbeiten und zudem ihr Wissen an junge Kolleginnen weiterzugeben. Eine davon ist Gudrun Baudisch, mit der sie den Einband der Jubiläumsschrift zum 25-jährigen Bestehen der Wiener Werkstätte 1928 gestaltet.

 

Im selben Jahr ist Wieselthier auf der International Exhibition of Ceramic Art im Metropolitan Museum vertreten und hat zudem eine Einzelausstellung im Art Center. Sie bleibt in New York, gründet mit anderen europäischen Künstlern die Vereinigung Contempora und ist sehr erfolgreich nicht nur im Bereich Keramik, sondern auch im Stoffmusterentwurf, der Illustration und der Schaufenstergestaltung. Als sie 1931 für einen längeren Aufenthalt nach Wien zurückkehrt, berichten die Medien ausführlich über diesen Besuch aus der Neuen Welt. Die Porzellanmanufaktur Augarten beauftragt sie mit der Anfertigung einer Figur „als Zeichen, daß man in der Heimat auf die Künstlerin nicht nur nicht vergaß, sondern auf sie stolz ist“, heißt es in der Zeitschrift Moderne Welt.

 

Vally Wieselthier stirbt am 1. September 1945, sie wurde nur 50 Jahre alt. Ein Nachruf in der New York Times würdigte sie als „a leader of the modern school of ceramic art“. Dieser Stellung zollte man in Wien erst in den letzten Jahren Anerkennung, als man die Künstlerin im öffentlichen Raum sichtbar werden ließ. Vor dem Eingang zur ehemaligen Wiener Werkstätte in der Neustiftgasse 32-34 installierte Iris Andraschek 2011 eine Art Bodendenkmal mit dem Titel Tell these people who I am. Das hatte Wieselthier Ende der 1930er Jahre an US-Präsident Roosevelt geschrieben. Eingeprägt in den Asphalt wurde diese Forderung zum Appell an die Nachwelt – ein Riesenstolperstein sozusagen, gegen Unkenntnis und Vergessen. Im vergangenen Jahr, 2021, wurde unweit davon in der Stiftgasse ein kleiner Park nach ihr benannt – Anlass für die Schüler*innen der gegenüberliegenden Volksschule sich mit Wieselthiers fantasievoller Formenwelt auseinanderzusetzen.

Ein Beitrag von Anne-Katrin Rossberg, Kustodin der MAK-Sammlung Metall und Wiener-Werkstätte-Archiv

 

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