Ein Ausstellungsmöbel der Luxusklasse. Der Vitrinenschrank von Otto Prutscher im MAK

+++ MAK-Kustode Rainald Franz gibt im Blogbeitrag einen vertiefenden Einblick in die Bedeutung dieses herausragenden Möbels für das Werk Prutschers und Wien um 1900 +++

Durch eine großzügige Schenkung von Hermi Schedlmayer an das MAK im Jahr 2017 kam das Museum in den Besitz eines außergewöhnlichen, für die Raumkunst in Wien um 1900 so typischen Ausstellungsmöbels. Es handelt sich um einen Vitrinenschrank, den der Wiener Architekt Otto Prutscher (1880–1949) für die Kunstschau 1908 entworfen hat. Das Möbel steht im Zentrum der aktuellen Ausstellung Otto Prutscher. Allgestalter der Wiener Moderne in der MAK-Schausammlung Gegenwartskunst.

MAK-Ausstellungsansicht, 2019, OTTO PRUTSCHER. Allgestalter der Wiener Moderne
MAK-Schausammlung Gegenwartskunst
© MAK/Georg Mayer

Otto Prutscher und die Wiener Werkstätte

Otto Prutscher galt nach seiner Ausbildung bei Josef Hoffmann und Franz von Matsch an der Wiener Kunstgewerbeschule als erfahrener Entwerfer in allen Bereichen der angewandten Kunst. Ab 1907 wurde er, wohl auf Vermittlung seines Lehrers Hoffmann, auch für die Wiener Werkstätte tätig. Er hatte sich im selben Jahr als Gestalter eines Raums in der Mannheimer Jubiläumsausstellung bewährt und wurde sofort von der „Klimt-Gruppe“, die zwei Jahre zuvor aus der Secession ausgetreten war, in die Vorbereitungen der Kunstschau 1908 einbezogen.

 

Raum für einen Kunstliebhaber

In der Kunstschau 1908 präsentierte die Künstlergruppe unter Führung Gustav Klimts in einer „Kunstüberschau“, wie Klimt selbst es nannte, eigene Arbeiten und die ihrer Studenten (zumeist aus der Wiener Kunstgewerbeschule). Die Kunstschau 1908 wurde in einer nach Plänen Josef Hoffmanns und anderer Architekten errichteten „Ausstellungsstadt“ auf dem damals noch unverbauten Gelände des heutigen Konzerthauses zwischen Wiener Eislaufverein und Schwarzenbergplatz gezeigt.

 

Prutscher führte bei den vorbereitenden Sitzungen das Protokoll und war prominent vertreten. Für die vom 1. Juni bis 15. November 1908 gezeigte Schau gestaltete er mit dem Raum für einen Kunstliebhaber (Raum 27) ein ganzes Ensemble. In der Ausführung dirigierte Prutscher eine Gruppe hervorragender Handwerker, viele von Ihnen standen in direkter Verbindung mit der Kunstgewerbeschule oder der Wiener Werkstätte:

Für die in die Wand versenkten Vitrinen, von denen das MAK nun eine besitzt, gestaltete Nikolaus Stadler die Metalltreibarbeit, Carl Gerlings Erben führten die dazugehörigen Glasfenster und Glasmosaike aus und Bernhard Ludwig lieferte die Kunsttischlerarbeiten. Oreste Bastreri war für die Marmorarbeiten des Raums zuständig, Lederer & Nessény für die Bodenbeläge. Remigius Geyling entwarf Glasfenster, einen Teller und eine emailgerahmte Zeichnung auf Pergament.

 

 

 

Die Metallvitrinen und ihre Details

Der in grauem Stuckmarmor ausgekleidete Raum mit Oberlichte wurde durch symmetrisch angeordnete, vortretende oder nischenhaft zurückversetzte Wandprofile gegliedert. In die Messingeinfassung der Metallvitrinen wurde zusätzlich ein Mosaik aus Fayenceplatten, Glasfluss und Halbedelsteinen eingefügt, das zwei kleine Nischen für Keramikfiguren der Diana von Richard Luksch umschloss. Weitere Reliefs mit Blattwerk in Marmor schmückten die vertieften, hochrechteckigen Wandflächen zuseiten der Vitrinen.

Das „Wunderschränkchen“

Das einzige freistehende Möbel im Raum war ein von Kritikern gefeierter Kunstschrank für Schmuck und Dokumente nach einem Entwurf Otto Prutschers. Einer Schatulle gleich, ließ Prutscher den Schrank von Ludwig Willner, Ernst Beitel und Anton Ders – die als Buchbinder zu den Gründungsmitgliedern der Wiener Werkstätte zählen – mit schwarzem Leder überziehen. 1911/12 tauchte der Schrank in der Winterausstellung des k. k. Österreichischen Museums für Kunst und Industrie – dem heutigen MAK – auf. Dessen damaliger Direktor Eduard Leisching hatte Prutscher zuvor zu seinem künstlerischen Berater in Ausstellungsfragen ernannt. Dieses „Wunderschränkchen“, wie Joseph August Lux das Möbel betitelte, wurde im Wiener Dorotheum im Jahr 2015 für über 240 000 € verauktioniert und ist heute im Besitz einer internationalen Privatsammlung.

Otto Prutscher, der „Allgestalter“

Für Otto Prutscher wurde die Kunstschau 1908 zu einer ersten Leistungsschau seiner breitgefächerten Entwurfsfähigkeiten und seiner intensiven Arbeit für die Wiener Werkstätte. Die beiden eingebauten Vitrinen des Raums für einen Kunstliebhaber beinhalten 17 Beispiele der Perlglasvasen, die Prutscher mit Johann Loetz Witwe in Klostermühle (heute Klášterský Mlýn, Tschechien) entwickelt hatte. Weiters finden sich darin Kristallgläser, ausgeführt von Albert und Rudolf Kralik in Winterberg (Vimperk, Tschechien), den Besitzern der Glashütte Meyr’s Neffe, sowie Schmuck, Silber- und Emailarbeiten, von J. Souval ausgeführte Stockgriffe, Uhren und Holzarbeiten, oder etwa eine Briefkassette in Thujen- und Ebenholz, ausgeführt von Johann Bolek.

 

In die von Josef Hoffmann entwickelte Gesamtarchitektur der Kunstschau 1908 integrierten sich Otto Prutschers Beiträge hervorragend. Er erschien so neben Hoffmann als idealer „Allgestalter“ im Sinne der Wiener Werkstätte, die das gesamte tägliche Leben und alle Materialien mit ästhetischer Gestaltung zu durchdringen versuchte. Gleichzeitig war er zu einem integrativen Mitglied der „Klimt-Gruppe“ geworden. Dies ebnete Prutscher den Weg zur Professur an der Kunstgewerbeschule, die er ab 1909 innehaben sollte. Der im MAK verwahrte Vitrinenschrank atmet den Geist dieser Präsentation bis heute und ist eine unschätzbare Bereicherung der MAK-Sammlung zur Wiener Moderne. Mittelfristig soll er in der permanent zugänglichen MAK-Schausammlung Wien 1900 seinen wohlverdienten Platz finden.

Die Ausstellung Otto Prutscher. Allgestalter der Wiener Moderne ist bis 17. Mai 2020 zu sehen.

Ein Beitrag von Rainald Franz, Kustode MAK-Sammlung Glas und Keramik

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Ein Gedanke zu „Ein Ausstellungsmöbel der Luxusklasse. Der Vitrinenschrank von Otto Prutscher im MAK“

  1. Tolle Exponate..sehr sehenswert…..wirklich toll. Allerdings ist der Zugang für Menschen mit Höhenangst kein Leichter. Die Stiege ist eine Herausforderung…aber mit Hilfe gings dann

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