Die Werkstatt von Abraham und David Roentgen in Neuwied – eine biographische Skizze

Im zweiten Beitrag der Serie über den Kunst- und Kabinettschrank von David Roentgen am MAK-Blog beschäftigt sich Bernd Willscheid mit dem Leben und Werk des deutschen Ebenisten.

David Roentgen, bedeutendster deutscher Kunstschreiner des 18. Jahrhunderts und Konkurrent der Pariser Ebenisten, begeisterte mit seinen Arbeiten den Hof von Versailles und lieferte hunderte seiner Möbel an die große Katharina nach St. Petersburg. Seine Möbel – im 18. Jahrhundert an Europas Fürstenhöfen in aller Munde – wurden hochgeschätzt wegen ihrer qualitätsvollen Verarbeitung, ihrer zur damaligen Zeit hochmodernen Gestaltung und technischen Raffinessen. Der Adel zwischen Paris und St. Petersburg nutzte sie als Statussymbol, als Dekorum der höfischen Gesellschaft Mittel-, West- und Osteuropas.

In der Lebenszeit von David Roentgen (1743–1807) entwickelte sich Neuwied am Rhein zu einem Begriff für eine auserlesene Möbelproduktion, ähnlich wie Meißen für erstklassiges Porzellan. Gelehrte, Wissenschaftler und Künstler, sogar der preußische König und mehrere deutsche Herrscher besuchten die damals noch junge Residenz der wiedischen Grafen und Fürsten und besichtigten die dort ansässige Roentgen-Manufaktur.

David Roentgen, Spiel- und Schreibtisch, um 1780/90 Roentgen-Museum Neuwied
© Wolfgang Thillmann

Blicken wir aber eine Generation zurück: Abraham Roentgen (1711–1793), der Vater Davids, als Sohn eines Schnitzers und Schreiners in Mülheim am Rhein (heute Köln-Mülheim) geboren, lernte in der elterlichen Werkstatt und begab sich auf Wanderjahre in die Niederlande und nach London. Wichtige künstlerische Eindrücke gewann er in den dortigen Möbelwerkstätten, die sich im Stil seiner Arbeiten niederschlugen. Der evangelisch-lutherisch getaufte Handwerker schloss sich 1737 in London der Herrnhuter Brüdergemeine an, einer evangelisch-pietistischen Freikirche, die fortan sein privates Leben wie auch seine Arbeitsethik bestimmte.

Nach einer gescheiterten Berufung als Missionar nach Nordamerika gründete Abraham Roentgen 1742 auf dem Herrnhaag bei Büdingen, einer unter der Schirmherrschaft des Grafen Ernst Casimir zu Ysenburg (1687–1749) gegründeten Herrnhuter Siedlung in der hessischen Wetterau, eine kleine Kunstschreinerei. Gemeindemitglieder zählten zu seinen ersten Kunden. Beziehungen der Herrnhuter zum Adel nutzte er, um mit den in der Wetterau beheimateten Grafenhäusern Ysenburg und Solms geschäftlich in Verbindung zu treten. Eine weitere Verkaufsmöglichkeit bot ihm die Frankfurter Messe, auf der er und später auch sein Sohn David regelmäßig im Frühjahr und Herbst ihre Möbel präsentierten. Der Vater Johann Wolfgang von Goethes sowie die kunstsinnige Markgräfin Caroline Luise von Baden lernten dort seine Arbeiten kennen.

Mit dem Tod des Grafen Ernst Casimir zu Ysenburg in Büdingen 1749, der die Niederlassung der Brüdergemeine auf seinem Territorium gestattet hatte, wurde die Gemeinde aus dem Herrnhaag ausgewiesen. Abraham Roentgen und weitere vierzig Herrnhuter zogen nach Neuwied, in die Residenz des aufgeklärt denkenden Grafen Friedrich Alexander zu Wied-Neuwied, der ihr Gönner und Beschützer wurde. Die Verlegung der Möbelwerkstatt in die erst 1653 gegründete, wegen ihrer Religionstoleranz weithin bekannte Stadt, wirkte sich günstig auf den zukünftigen Möbelverkauf aus. Auch am Rhein suchte Abraham Roentgen seine Kunden in den oberen Gesellschaftsschichten und entwickelte, zusammen mit seinem talentierten Sohn David, eine ganz eigene Schreinerkunst.

Abraham Roentgen, Verwandlungstisch, um 1765
Roentgen-Museum Neuwied (Leihgabe aus Privatbesitz)
© Wolfgang Thillmann

Schon früh fertigte Roentgen mit kunstvollen Einlegearbeiten dekorierte, dem Geschmack des Rokokos entsprechende Möbel. Beliebt waren vor allem Verwandlungsmöbel nach englischem Vorbild mit vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten und geringem Platzaufwand. Auch machten sich holländische und später französische Einflüsse geltend. Die Verwandlungsmöbel, „Zauberschlösser“, wie Goethe sie bezeichnete, kamen dem ausgeprägten Spiel- und Repräsentationsbedarf der exklusiven Kunden der Roentgens entgegen. Zeichnungen solcher Möbel veröffentlichte David Roentgen später in Weimar in der ersten deutschen Lifestyle-Zeitschrift, dem Journal des Luxus und der Moden.

Das Portrait Abraham Roentgens, 1772 von dem gräflich-wiedischen Hofmaler Johannes Juncker (1751–1817) gefertigt, zeigt ihn selbstsicher, eine offene Geisteshaltung ausstrahlend. Abraham hält in der Hand ein Blatt mit Zeichnungen klassizistischer Möbelbeschläge. Zirkel und Feder liegen auf einem Schreibpult. Abraham Roentgen ist Entwerfer und Zeichner hochmoderner Möbel, ein Designer avant la lettre. Wenige Jahre nach der Entstehung des Portraits übergab Abraham seinem geschäftstüchtigen Sohn David 1775, nachdem dessen Haus in der Pfarrstraße fertiggestellt war, offiziell die Werkstatt. Der Betrieb zählte rund 15 Mitarbeiter, hinzu kamen zahlreiche Zulieferbetriebe. Wenige Jahre später, 1779, waren schon 30 Gesellen beschäftigt. Abraham unterstützte seinen Sohn weiter bei der Arbeit. Im Alter von 74 Jahren entschloss er sich zum Umzug nach Herrnhut in der Oberlausitz in Sachsen, wo er 1793 hochbetagt starb.

Johannes Juncker, Portrait von Abraham Roentgen im Alter von etwa 61, 1772
Roentgen-Museum Neuwied, Inv. Nr. 3523
© Manfred Bogner

David Roentgen, 1743 auf dem Herrnhaag als ältester Sohn Abrahams geboren, war mit sechs Jahren in ein Internat der Herrnhuter in Niesky/Oberlausitz eingetreten. Dem Tischlersohn wurde in den Schuleinrichtungen der Herrnhuter eine Bildung ermöglicht, die selbst im gehobenen Bürgerstand oft nicht üblich war. Kontakt zu adligen Mitschülern, das Erlernen der französischen Sprache, in der man sich auch in Deutschland in vornehmen Kreisen unterhielt, sowie entsprechende Umgangsformen ermöglichten es ihm, später an den Fürstenhöfen erfolgreich zu verhandeln. Im Betrieb des Vaters erlernte er das Schreinerhandwerk, und auf einer Reise nach London konnte er sich über die zukunftsweisende englische Betriebsführung informieren.

Er war es, der den väterlichen Betrieb 1768/69 durch die Organisation einer Möbellotterie in der freien Reichsstadt Hamburg – nach Wien und Berlin damals drittgrößte Stadt im Deutschen Reich – aus der finanziellen Krise rettete. Hundert Möbel, beginnend mit Schatullen und Kästchen bis hin zum Hauptgewinn, einem großen Schreibschrank, verteilten sich als Gewinne auf 715 Lose zu je drei Dukaten. Werbeprospekte wurden gedruckt und alle Lose, die aber aufgrund ihres hohen Preises nur für Wohlhabende erschwinglich waren, an auswärtige Höfe und Städte verkauft. Diese erfolgreiche Veranstaltung, die Abraham aller finanzieller Sorgen enthob, brachte erstmals den Namen David Roentgen als Englischer Kabinettmacher an die Öffentlichkeit.

Mit unternehmerischem Geschick und gezielten Marktstrategien erweiterten Abraham und David Roentgen den Handwerksbetrieb zu einer großen Manufaktur mit entsprechender Arbeitsteilung. Sie perfektionierten ihre Möbel durch prächtige Einlegearbeiten aus verschiedenfarbigen oder gefärbten Hölzern in der Marketerie-Technik. Kleinste Furnierteile wurden zu farbenprächtigen Bildern à la mosaique zusammengefügt und auf das Konstruktionsholz des Möbels aufgeleimt. Motive waren Schäferszenen, Chinoiserien oder Blumenarrangements. Die Vorlagen für diese Marketerien höchster Qualität lieferten Künstler, allen voran der kurtrierische Hofmaler Januarius Zick (1730–1797) aus Ehrenbreitstein.

David Roentgen, Marketerietafel
Die römischen Frauen ringen mit den Sabinern um den Frieden, 1779
Entwurf: Januarius Zick, Deutschland, 1779
© MAK/Georg Mayer

David Roentgen, Marketerietafel, Die Großmut des Scipio, 1779
Entwurf: Januarius Zick, Deutschland, 1779
© MAK/Georg Mayer

David Roentgen verstand es hervorragend, die Qualität seiner Produkte durch die Einbindung hoch qualifizierter Mitarbeiter zu steigern. Der Neuwieder Uhrmacher Peter Kinzing (1745–1816) entlockte Roentgens Uhren mit kunstvoller Mechanik zarte Melodien, der Komponist Christoph Willibald Gluck (1714–1787) komponierte in Paris spezielle Musikstücke für diese mechanischen Wunder. Der ebenfalls in Paris lebende Vergolder François Rémond (ca. 1747–1812) brachte mit seinen von Bildhauern entworfenen feuervergoldeten Bronzen die Roentgenmöbel zum Leuchten.

Apollo-Uhr, David Roentgen und Peter Kinzing, 1789
Roentgen-Museum Neuwied
© Wolfgang Thillmann

Die Verehrung der französischen Kunst und Kultur und der Import französischer Möbel veranlassten David Roentgen, mit den Pariser Ebenisten in Wettstreit zu treten. Zum Studium der neu aufgekommenen klassizistischen Strömungen und zur Erkundung von Absatzmöglichkeiten seiner Erzeugnisse reiste er 1774 nach Paris. Voller Pläne nach Neuwied zurückgekehrt, begann David Roentgen sogleich, hochmoderne Möbel und Dekorationen zu entwerfen. Der Stilwandel vom Rokoko zum Klassizismus beeinträchtigte den Absatz der Roentgenmöbel dabei in keinster Weise. Im Gegenteil, im Rheinland und weit darüber hinaus fand der neue Stil zunehmend Eingang. Die ersten Möbel, die in Deutschland in diesen modernen Formen entstanden, hatte David Roentgen bereits nach Schloss Wörlitz an den Fürsten Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740–1817) geliefert.

David Roentgen, Spieltisch 1774 bis 1775
© MAK/Georg Mayer

David Roentgen, Spieltisch 1774 bis 1775
© MAK/Georg Mayer

David Roentgen belieferte nun mit Hilfe eines weitgefächerten Vertriebsnetzes zahlreiche europäische Könige und Fürsten. Wichtige Kunden waren König Friedrich Wilhelm II. von Preußen (1744–1797) in Berlin sowie Prinz Carl Alexander von Lothringen (1712-1780), Statthalter der Österreichischen Niederlande in Brüssel. Für letzteren wurde 1776 der große Kunstschrank, die beiden Spieltische und die beiden großen Marketerietafeln gefertigt, die sich heute im MAK in Wien befinden. Die Eroberung des französischen Marktes mit Lieferungen an Ludwig XVI. (1754-1793) und Marie-Antoinette (1755–1793) hatte seine Ernennung zum Ebéniste mécanicien du Roi et de la Reine, dem höchsten Titel eines Hoflieferanten, zur Folge, und in Paris eröffnete er ein Verkaufsmagazin. Die russische Zarin Katharina die Große (1729–1796) wurde seine bedeutendste Kundin. Zahlreiche Möbel fanden ihren Weg von Neuwied nach St. Petersburg. Der Transport erfolgte mit Pferdewagen, eine Anreise dauerte etwa drei Monate.

David Roentgens Renommee reichte weit über das eines Handwerkers hinaus. Sein Portrait im Roentgen-Museum lässt einen hervorragenden Geschäftsmann erahnen. Bei seinen Kaufverhandlungen mit Europas Fürsten trat er, die französische Sprache beherrschend, selbstbewusst auf. Er erhielt hohe Ehrungen und politische Ämter. Wohl über zweitausend Möbel entstanden in der Neuwieder Manufaktur. Sechs- bis achthundert Stück davon sind heute bekannt und befinden sich in europäischen sowie amerikanischen Museen und privaten Sammlungen. Die Werkstatt zählte in ihrer Blütezeit wohl über 80 feste Mitarbeiter. In einem Brief spricht David Roentgen sogar von 200, die während seiner Wirkungszeit in Neuwied beschäftigt waren.

Unbekannter Maler, Portrait von David Roentgen (1743-1807) im Alter von etwa 45, ca. 1785-90
Roentgen-Museum Neuwied, Inv. Nr. 3525
© Manfred Bogner

David Roentgens großer wirtschaftlicher Erfolg brachte ihm allerdings bei der Brüdergemeine ein schlechtes Ansehen ein. Er wurde aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und musste sein stattliches Wohn- und Geschäftshaus in Neuwied außerhalb des Herrnhuter Viertels, in der Pfarrstraße bauen. Die Französische Revolution und der sich ändernde Lebensstil Ende des 18. Jahrhunderts, vor allem aber auch David Roentgens religiös motivierter Entschluss führten 1791 zur Beendigung der Produktion in der Neuwieder Manufaktur. Im selben Jahr nahm ihn die Brüdergemeine wieder auf und übertrug ihm verschiedene Ehrenämter. Als die französischen Revolutionstruppen in das Rheinland vordrangen, mussten Roentgen und seine Familie von 1795 bis 1801 Neuwied verlassen. Während einer Reise im diplomatischen Auftrag der Herrnhuter an den Hof des neuen Landesherrn der ehemaligen Grafschaft Wied, des Herzogs von Nassau, starb er unerwartet im Beisein seines Sohnes August (1781–1865), des später geadelten nassauischen Gesandten und Ministers, am 12. Februar 1807 in Wiesbaden.

Ein Beitrag von Bernd Willscheid, Museumsleiter, Roentgen-Museum Neuwied

Schreiben Sie einen Kommentar