SCHULPROJEKT: ALLE WEGE FÜHREN NACH „WIEN 1900“

Die Neuaufstellung der MAK-Schausammlung “WIEN 1900. Wiener Kunstgewerbe 1890-1938” im September 2013 war Anlass einer mehrteiligen, vom BMUKK finanzierten Vermittlungsinitiative. Interessierte Schulklassen erhielten einen umfassenden Einblick in die künstlerische Vielfalt einer Epoche, die Mode, Design und Architektur revolutionierte.

Anhand der Werke von Gustav Klimt, Otto Wagner, Josef Hoffmann, Kolo Moser und Adolf Loos wurde den SchülerInnen die Entwicklung des modernen Wiener Stils erläutert. Vor dem einzelnen Objekt, über komplette Zimmereinrichtungen bis hin zu richtungsweisenden Bauten wurde ihnen die Möglichkeit gegeben, diese Entwicklung konkret nachzuvollziehen.

Das Projekt gliederte sich in drei Teile:

MAK@SCHOOL
Die KunstvermittlerInnen des MAK besuchten interessierte Schulen und erarbeiteten mit einer Klasse  das Basiswissen zum Thema “WIEN 1900″. Mithilfe eines Fragenkatalogs vertieften die SchülerInnen in kleinen Gruppen einzelne Themenbereiche und präsentierten sich die Ergebnisse gegenseitig.

Besuch in der Modeschule Herbststraße, Wien – Einführung in das Thema
© Simona Reisch/MAK

Besuch in der Schule der Dominikanerinnen, Wien – Gruppenarbeit
© Simona Reisch/MAK

Besuch in der Schule der Dominikanerinnen, Wien – Präsentation der Poster
© Simona Reisch/MAK

 

SCHOOL@MAK
Die Schulklassen wurden in der Folge ins MAK eingeladen. Vor den Originalen der Schausammlung „WIEN 1900“ sollten die SchülerInnen zu eigenen Entwürfen angeregt werden. Mit der Unterstützung von Kunstschaffenden wurden die Ideen in Workshops verschieden umgesetzt. Konkrete Ausgangspunkte waren dabei etwa Gustav Klimts Werkzeichnungen für den Mosaikfries im Speisesaal des Palais Stoclet oder Otto Wagners Planungen für das später nach ihm benannte Spital auf der Baumgartner Höhe.

 

HBLA Linz im MAK – Führung durch die Ausstellung „Wien 1900“
© Simona Reisch/MAK

HBLA Linz im MAK – Führung durch die Ausstellung „Wien 1900“
© Simona Reisch/MAK

BG Horn im MAK – Workshop mit der Künstlerin Barbara Eichhorn
© MAK/Vermittlung

BG Horn im MAK – Workshop mit der Künstlerin Barbara Eichhorn
© MAK/Vermittlung

BG Horn im MAK – Workshop mit der Künstlerin Barbara Eichhorn
© MAK/Vermittlung

BG Horn im MAK – Workshop mit der Künstlerin Barbara Eichhorn
© MAK/Vermittlung

BG Keimgasse/ Mödling im MAK – Workshop mit dem Künstler Markus Meznik
© MAK/Vermittlung

 

MAK CITY M/APP
Parallel dazu wurde ein Stadtplan in Form einer App entwickelt; mit ihren Mobiltelefonen können sich die SchülerInnen selbstständig auf eine Rätselrallye durch Wien begeben und werden spielerisch über architektonische Höhepunkte des Jugendstils informiert.

Ausführliche Informationen sowie Arbeitsmaterial zum Downloaden wird es im kommenden Jahr auf MAK APPLY geben.

Konzeption und Durchführung:
Anne-Katrin Rossberg & Thaddäus Stockert

Wien 1900: Zwischen Alt und Neu


Mit der am 20. November neu konzipierten Schausammlung Wien 1900 richtet das MAK den Blick auf eine der spannendsten Entwicklungsphasen dieser Stadt. Mit mehr als zwei Millionen EinwohnerInnen trat Wien damals in Konkurrenz zu den europäischen Metropolen Berlin, London und Paris und entwickelte sich zum kulturellen Zentrum Mitteleuropas.

Gleichzeitig stand die Stadt vor gewaltigen politischen und sozialen Herausforderungen. Zehntausende von ZuwandererInnen drängten nach Wien und ließen sich meist außerhalb des Linienwalls nieder, der als Steuerschranke die Stadt von den Vororten trennte. An ihren Toren wurde seit 1829 die Verzehrungssteuer für Lebensmittel eingehoben, die für die Stadt bestimmt waren. Wer wenig Geld zur Verfügung hatte, lebte in den Vorstädten, wie die Arbeiterfamilien, die meist in kleinen Wohnungen riesiger Wohnblöcke Unterschlupf fanden. Diese wurden rasch zu Elendsvierteln, denn Kindersterblichkeit und Tuberkulose (die „Wiener Krankheit“) hatten in den „hoffnungslos überbelegten Zinskasernen“ freie Bahn, wie Günter Düriegl in seinem Beitrag für den Katalog der Ausstellung Traum und Wirklichkeit – Wien 1870–1930 (1985) schildert.

Die Abschaffung der Verzehrungssteuer 1889 und das vom Kaiser 1890 unterzeichnete Gesetz zur Eingemeindung der Vororte bildeten den legistischen Rahmen für einen Wachstumssprung, der die Fläche der Stadt auf einen Schlag verdreifachte und einen rasanten Anstieg der Bevölkerungszahl verursachte.
Aber nicht nur Bauern und Bäuerinnen oder ArbeiterInnen zog es nach Wien. Die Stadt entwickelte sich auch in künstlerischer und wissenschaftlicher Hinsicht zu einem europäischen Mittelpunkt und lockte MalerInnen, SchriftstellerInnen, MusikerInnen, ArchitektInnen u. a. an. Diese sorgten im Spannungsfeld einer untergehenden Epoche und dem Beginn der Moderne für einen Aufschwung, der auf uns im Rückblick große Faszination ausübt.

Foto: © MAK; Josef Hoffmann, Foto: © MAK; MAK, Foto: © MAK

Die Komplexität der Stadt erinnert ein wenig an unsere heutige Situation. Jean-François Lyotard erkennt im Wien um 1900 Prozesse, die erst hundert Jahre später ihre volle Wirkung entfaltet haben. Im Postmodernen Wissen spricht er von der „hybriden Kultur“ der Stadt und einem komplexen kulturellen System, das ganz Zentraleuropa überzieht. Wer sich mit der Geschichte Wiens an der Schnittstelle von 19. und 20. Jahrhundert beschäftigt, blickt also nicht nur einfach zurück in die Vergangenheit, sondern sieht sich mit Entwicklungen konfrontiert, die uns heute – aber auch zukünftig – beschäftigen.

Diese Verbindungen möchte auch die neu konzipierte Schausammlung Wien 1900 sichtbar machen und wagt ein kuratorisches Experiment in der Beschäftigung mit dem Wiener Kunstgewerbe von 1890 bis 1938. Auf die inhaltlich-kuratorische Neugestaltung Wien 1900 von Christian Witt-Dörring in einer temporären Präsentation reagiert die amerikanische Künstlerin Pae White später mit einer künstlerischen Intervention, die erstere durch einen neuen Aspekt ergänzen wird.

Mit der Neugestaltung dieses für das Haus zentralen Museumsbereichs rückt das MAK das Thema Wien um 1900 in den Mittelpunkt seiner Aktivitäten und beleuchtet damit wohl eines der interessantesten Kapitel dieser Stadt. Das Blog folgt dieser Vorgabe und wird möglichst viele Facetten dieser Entwicklung beleuchten.