Das Maß des Modellhaften. Die Künstlerin Anna Schwarz zum Wechselspiel zwischen Individuum/Model und Produkt/Mode

20 yards of linen = 1 coat or = 10 lb. tea or = 40 lb. coffee or = 1 quarter of corn or = 2 ounces of gold or = ½ ton or iron or = etc.”
(Karl Marx, Das Kapital, Band 1. „Der Produktionsprozess des Kapitals“)

Marx’ Aufschlüsselung der unsichtbaren Arbeit und dessen Deutung hin zur „Unsichtbaren Hand hinter Dem Mantel“, verwende ich gerne als symbolische Referenz für versteckte, unsichtbare Arbeit. Innerhalb meiner vielen unterschiedlichen Tätigkeiten, vom künstlerischen Schaffen, zur Mode und der künstlerischen Forschung, versuche ich mit Hilfe von partizipativen und kollaborativen Strategien über Arbeit, Rollenzuschreibungen und Form zu sprechen.

Mein Beitrag für den Themenbereich „Tragende Rolle“ im MAK DESIGN LAB besteht aus zwei Keramiken, zwei Abgüssen (Measure of Costume Body, 2019). Beide sind 2016 im Zuge meines Mode-Diploms an der Universität für angewandte Kunst Wien entstanden. Diese Torsi stellen verschiedene Aspekte einer Auseinandersetzung mit dem präsentierenden Körper dar. Die Frage nach dem „wie“ oder „an wem“ wir unsere Maße nehmen, war hierbei ein wichtiger Antrieb.

 

Der Umgang mit Körpern und ihrer Verfügbarkeit

In der Folge dieser Arbeiten entstanden Objekte, die versuchten, etwas dieser scheinbaren Beiläufigkeit einzufangen und für einen zweiten, dritten und weiteren Blick zu konservieren. Ein Ansatz, um Ausdrucksformen für jenes zu finden, das nur im Unmittelbaren eine tragende Rolle spielt: Die Körper der Models, die Menschen, die Kleidung präsentieren, mit und an denen Kleidung erdacht und entworfen wird. Aus meiner persönlichen Geschichte, aus meinen Erfahrungen heraus, entstand eine gewisse Skepsis gegenüber dem lapidaren Umgang mit Körpern und ihrer Verfügbarkeit.

 

Meine Interpretation des Marx’schen Zitats, dass „das Model den Mantel trägt, thematisiert neue Werte, sowie komplexe neue Arbeitsstrukturen und geht der Frage nach, wie Arbeit und Wert in unserer Gesellschaft definiert werden: Erhält der Mantel seinen Wert, weil er geschaffen wurde, oder weil er getragen wird? Also als handwerkliche Arbeit, oder als alltägliche Notwendigkeit?

Was betrachten wir in Bildern, die uns und Andere darstellen

Das Teilen und Erarbeiten von Texten mit KollegInnen ist für mich ein wichtiger Aspekt meines künstlerischen Werks. Gemeinsames Nachdenken, Exerzieren eines komplexen Gedankens und durch Zusammenhänge Stöbern sind für mich spannende und bereichernde Prozesse. Meine Arbeiten vereinen immer eine Vielzahl von Gedankenanstößen. Inhaltlich möchte ich hier an die Berliner Forscherin Michal B. Ron anschließen. Wir sind uns noch nie begegnet, jedoch teilten wir unsere Texte miteinander.

 

Ron führte mir beispielsweise den Zusammenhang zweier zentraler Fragestellungen vor Augen: Die US-amerikanische Biologin, Wissenschaftsphilosophin und Literaturwissenschaftlerin Donna J. Haraway stellt in ihrer Publikation When Species Meet (2008) die Frage: „Whom and what do I touch when I touch my dog?“. Mit Ron diskutierte ich diesen Denkansatz in Bezug auf das Model: „Wen oder was betrachten wir, wenn wir die Abbildung eines Models betrachten?“

Ich versuche über das Subjekt des Models aus einer inneren Perspektive heraus zu sprechen, über die Betrachtete. Dies wird in beiden zusammengeführten Zitaten nicht bedacht – eine Auslassung, die mir relevant erschien. Es stärkt meine Haltung in Bezug auf die Unmöglichkeit der Subjekte als Gefäße.

Modell-Hauntologie nach Derrida

Die Geschichte der Modellerzählung ist eine der äußeren Zuschreibungen und berührt das Unausgesprochene sowie das Ungehörte. Ich beziehe mich in meiner Arbeit auf das kulturwissenschaftliche Phänomen der Hauntologie – erstmals 1993 durch den französischen Philosophen Jacques Derrida definiert. Hauntologie als „Heimsuchung“ der Gegenwart durch Ideen aus der Vergangenheit, die jedwede Endlichkeit der Geschichte in Frage stellt. Durch diese Herangehensweise an meine Werke untersuche ich das breite Spektrum des Modellhaften, den Körper und die Arbeit. Das Modellhafte besteht als Projektionsfläche des Möglichen. Ausdenken und Erdenken sind die eingeschriebenen Qualitäten des Modellhaften.

AktivistInnen vs. UserInnen

MAK DESIGN LAB Neuaufstellung anlässlich der VIENNA BIENNALE FOR CHANGE 2019 rechts im Bild: Isis Flatz und Anna Schwarz in Zusammenarbeit mit der 3c, RG/WRG 8 Feldgasse ARBEITSKLEIDUNG DER ZUKUNFT, 2019 © Stefan Lux/MAK
MAK DESIGN LAB: Neuaufstellung anlässlich der VIENNA BIENNALE FOR CHANGE 2019
rechts im Bild: Isis Flatz und Anna Schwarz in Zusammenarbeit mit der 3c, RG/WRG 8 Feldgasse ARBEITSKLEIDUNG DER ZUKUNFT, 2019
© Stefan Lux/MAK

Für die Neugestaltung des MAK DESIGN LAB im Jahr 2019 konnte ich gemeinsam mit Janina Falkner, Neue Lernkonzepte, MAK, der Kostümbildnerin Isis Flatz und 13 bis 14-jährigen SchülerInnen der 3c RG/WRG 8 Feldgasse im Rahmen eines Workshops über „Berufe der Zukunft“ nachdenken – unser Vehikel: „Die Kleidung der Zukunft“.

Isis Flatz und Anna Schwarz in Zusammenarbeit mit der 3c, RG/WRG 8 Feldgasse ARBEITSKLEIDUNG DER ZUKUNFT, 2019 (Detail) © MAK/Kristina Satori MAK DESIGN LAB
Isis Flatz und Anna Schwarz in Zusammenarbeit mit der 3c, RG/WRG 8 Feldgasse ARBEITSKLEIDUNG DER ZUKUNFT, 2019 (Detail)
© MAK/Kristina Wissik

Zentrale Fragen waren unter anderem: Inwieweit sind uns die Selbstwahrnehmung und die Darstellung von zukünftigen Arbeitsherausforderungen voraus oder möglicherweise hinterher? Wie wollen wir mit der umgreifenden Digitalisierung umgehen? Was wollen wir nah an unserem Körper? Wie hängt alles zusammen? Das Ergebnis des Workshops ist im MAK DESIGN LAB unter dem Titel Arbeitskleidung der Zukunft zu sehen.

Quellen:
Deleuze, G. & Strauss, J., 1991. The Fold. 80 (1991), SS. 227–247.
Haraway, D., 2008. When Species Meet, University of Minnesota Press.
Macho, T., 2011. Vorbilder, 1 Hrsg., Paderborn: Wilhelm Fink Verlag.
Orbach, S., 2009. BODIES, London: Profile Books LTD.
Phelan, P., 1993. Unmarked: The Politics of Performance, London and New York: Routledge.
Samsonow, E. v., 2007. Anti-Elektra, 1. Auflage Hrsg. Zürich/Berlin: diaphanes.

Ein Gastbeitrag von Anna Schwarz, Künstlerin

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TIPP:

Mehr zum Thema bietet der MAK-Blogbeitrag Welche Arbeitskleidung brauchen wir in der Zukunft?, in dem die SchülerInnen der RG/WRG 8 Feldgasse zu Wort kommen.

Janina Falkner, Neue Lernkonzepte, MAK, spricht im Video über den Themenbereich „Tragende Rolle“ im MAK DESIGN LAB:

Die jüngste Arbeit von Anna Schwarz, ein Mund-Nasen-Schutz mit Tasche Model 06 wurde für die MAK-Sammlung Textilien und Teppiche angekauft und wird derzeit im MAK DESIGN LAB ausgestellt.

Die Maske ist unter https://www.masken.wien/ erhältlich.

 

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