David Roentgens Spieluhr: Ein High-End Produkt anno 1776

Im siebenten Beitrag der MAK-Blogserie zum Roentgenschrank geht es um die Spielwerke in David Roentgens Musikmöbeln. Der Musikwissenschaftler Helmut Kowar geht ihrer ausgefeilten Konstruktion auf den Grund und zieht Rückschlüsse auf das damalige Repertoire und die Aufführungspraxis.

„Nichts ist in unsern Tagen gewöhnlicher, als dass man in den Zimmern der Vornehmen und Begüterten Spieluhren siehet.“ Mit diesen Worten leitet der Universalgelehrte Peter Nathanael Sprengel den Anhang Von den Spieluhren in der achten Ausgabe seiner umfassenden Darstellung Handwerke und Künste in Tabellen (Berlin, 1771) ein. Mit einem Musikmöbel war man also in der gehobenen Gesellschaft en vogue. Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass David Roentgen der Mode seiner Zeit folgend seine teuersten Uhren und Möbel auch mit mechanischen Musikwerken von besonderer Qualität ausstattete.

Denn es handelte sich nicht um den Einbau der üblichen Glockenspiele, Flötenuhren oder Harfenuhren, sondern um ein komplexes mechanisches Musikinstrument, bestehend aus einem Flöten- und einem Saitenwerk. Die Vereinigung zweier Instrumente in einem Automaten war state of the art und stellte eine Besonderheit dar. Automatisierte Einzelinstrumente waren Ende des 18. Jahrhunderts nichts Ungewöhnliches mehr. So hatte Peter Nathanael Sprengel in der bereits genannten Schrift Handwerke und Künste in Tabellen eine detaillierte Beschreibung der Konstruktion und des Aufbaus von Flötenuhren, Harfenuhren und Glockenspielen veröffentlicht. Darin setzte er sich aber nur mit den grundlegenden Formen auseinander, eine Kombination von Instrumententypen erwähnte er dabei nicht. Die Anfertigung von Spieluhren war jedoch in jedem Fall eine noch aufwendigere und heiklere Angelegenheit. Sprengel kann sich eine diesbezügliche Bemerkung gleich zu Beginn des Kapitels über die „Spieluhr, deren Gestelle man überhaupt ein Kreutz nennt“, offensichtlich nicht verkneifen.

 

Die Spielwerke in Roentgens Kabinettschränken und Uhren sind alle vom gleichen Typus. Sie bestehen aus einem Flötenwerk und einem Zymbal. Ein Zymbal besteht aus von Hämmern angeschlagene Saiten, die historische Terminologie spricht dabei von einer Harfe. Das Flötenwerk und das Zymbal repräsentieren gemeinsam ein Melodie- und ein Begleitinstrument. In dieser Zusammenstellung produzierte der Automat den für die Zeit der galanten Musik der Frühklassik geläufigen und gewünschten klanglichen Effekt einer von einem Cembalo (Spinett oder dgl.) begleiteten Flöte. Der Uhrmacher Peter Kinzing (dann auch Hermann Achenbach und Johann Schmidt) fertigte nicht nur die Uhr, sondern auch den Spielmechanismus in akribischer Feinarbeit an. Die Orgelteile, Pfeifen, Windlade, Bälge und das Zymbal mit den Hämmern kamen vom Instrumentenbauer Johann Wilhelm Weyl. Der Aufbau des Spielwerks wurde im Wesentlichen über die gesamte Zeit des Bestandes der Manufaktur hinweg beibehalten. Nur die Maße der Bauteile und die Anzahl der Töne des Flötenwerks und der Harfe variierten.

Auch in der Musikwiedergabe vollzog sich ein Wandel: Im Kabinettschrank von 1776 besteht das Flötenwerk aus zwei im Oktavabstand stehenden Pfeifenreihen, die jede für sich oder gemeinsam gespielt werden können. Die Schleifen müssen jedoch von Hand gezogen werden, dadurch war eine individuelle klangliche Gestaltung möglich. Die Bedienung der Registerschaltung wurde jedoch nicht benutzerfreundlich angelegt. Die zu betätigenden Schieber befinden sich in ca. drei Meter Höhe an der Seite der Uhr des Schrankes. Später verfügten Roentgens Flötenwerke über zwei Pfeifenreihen gleicher Tonhöhe aber mit unterschiedlicher Lautstärke. Der Wechsel zwischen den piano und forte gespielten Passagen wurde vollkommen automatisch mittels entsprechender Stifte auf der Walze geregelt. Hier ist eine deutliche Veränderung in der Ästhetik der Musikwiedergabe zu beobachten: Man wollte ein harmonisches Klangbild und einen lebendigen dynamischen Vortrag der Musik realisieren. Das führte jedoch auch zu einer Veränderung im Umgang mit dem Automaten. Der Mensch musste nicht mehr selbstständig die Register betätigen und hatte immer weniger Einflussnahme auf das Spielwerk. Es entwickelte sich zu einer vollautomatischen Funktion, in die man nicht mehr eingreifen konnte. Die späteren Instrumente sind daher eine noch aussagekräftigere Quelle für die damalige Aufführungspraxis.

Violoncello und Viola spielen aus den vor Ihnen liegenden Notenblättern.
© Helmut Kowar

Auch die aufwendigen Einlegearbeiten aus unterschiedlich farbigen Holzfurnieren (Intarsien) weisen an prominenter Stelle darauf hin, dass die Musik in diesem Kabinettschrank von 1776 eine hervorragende Rolle spielt. Die Schreibklappe zeigt über die gesamte Breite eine Gruppe musizierender Personen. Auf einem Pult und vor den Musikanten liegen Notenblätter mit deutlich lesbarer Notenschrift, und auf dem Notenblatt, das die Sängerin in der Hand hält, ist sogar der Text der Arie notiert. Der Musikwissenschaftler Prof. Dr. Gerhard Croll identifiziert in seinem 1998 erschienenen Aufsatz Intarsierte Musik – musikalische Marketerien. Eine Pergolesi-Arie 1776 bei David Roentgen die Komposition: es handelt sich um die Arie der Argene Piu non si trovano aus Pergolesis 1735 uraufgeführter Oper L’Olimpiade. Schon Prof. Croll zeigte sich verwundert, dass ein damals bereits altes Musikstück auf einem so prominenten Möbel zitiert wurde.

Das Notenblatt in der Hand der Sängerin
© Helmut Kowar

Umso spannender ist demnach die Frage nach der Musik, die das Spielwerk wirklich spielt. Insgesamt sind drei Walzen vorhanden. Eine Walze, mit Nummer 3 bezeichnet, befand sich seit jeher im Spielwerk des Kunstschrankes eingelegt. Die Walzen Nummer 1 und 2 werden im Technischen Museum Wien aufbewahrt. Die Restaurierung des Spielwerks und die Revision der Walze 3 ermöglichten das Abspielen der vier Musikstücke der Walze. Jedes dauert eine Umdrehung lang, dann wird die Walze seitlich verschoben und das nächste Musikstück kann abgespielt werden. Nach der Abzeichnung der Walzenbestiftung und der Umschrift in einen Notentext konnte der in der Interpretationsforschung tätige Cellist Alexander Nicholls zwei Musikstücke identifizieren: das erste Stück ist von Luigi Boccherini, der 3. Satz Rondo, Tempo di Minuetto aus seiner Sonate für  Cembalo und Violine D-Dur op. 5 No. 4 (aus dem Jahr 1768), das vierte Stück ist eine Komposition von Anton Rigel, der 1. Satz, Andante cantabile aus seiner Sonate in F-Dur für Cembalo, Flöte und Viola (erschienen 1767). In diesem Fall liegt also moderne, zeitgemäße Musik vor. Nach dem auditiven Befund gehören die beiden anderen noch nicht identifizierten Stücke aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls diesem aktuellen Repertoire an.

Offen ist noch, welche acht weiteren Musikstücke die Walzen 1 und 2 speichern. Ein ähnliches Repertoire aus der Kammermusikliteratur der Zeit? Es könnten Arien aus Christoph Willibald Glucks neuesten Opern sein, wie wir das schon von anderen Roentgen Uhren kennen. Möglich ist auch, dass sich auf diesen Walzen gar die Arie aus der alten Pergolesi-Oper finden lässt, auf die sich die Darstellung auf der Schreibklappe bezieht. Eine Auswertung der beiden Walzen wäre aufschlussreich! Immerhin läge dann ein Repertoire von zwölf Musikstücken vor, das im privaten Rahmen der vornehmen Welt gehört und gespielt wurde. Es wäre ein klingendes Abbild des häuslichen Musikkonsums gleichsam aus erster Hand.

Die beiden Violinisten
© Helmut Kowar
Die Notenblätter der ersten und zweiten Violine auf dem Tisch vor den Musikern
© Helmut Kowar

Neben der Repertoirekunde ist natürlich auch die damalige Aufführungspraxis von besonderer Bedeutung. Die Art des Spielens in jener Zeit, im Speziellen die musikalische Artikulation und die Verwendung vielfältiger Verzierungen, ist auf den Walzen mit großer Präzision festgehalten und überliefert. Hier liegt eine primäre Quelle für das Studium der zeitgenössischen Spielweise und der Interpretation vor. Die Musik, die diese Spielwerke wiedergeben, ist gleichermaßen für die Wissenschaft wie auch für die Künstler*innen interessant, die sich mit historischer Spielpraxis befassen.

Als Beispiel ist hier das zweite Musikstück auf der Walze 3 angeschlossen, die Erstellung des Notentextes basiert auf der von der Restauratorin Marianne Siegl angefertigten Abzeichnung der Walze. Auf dem obersten System ist die Flötenstimme notiert, auf den beiden unteren Systemen das Zymbal. Die Artikulation der Flötenstimme ist geradezu minuziös gestaltet und wird auch variiert: Im 1. und 3. Takt werden die Achtel zwei und zwei gebunden (d.h. die jeweils zweite Achtel ist gekürzt), in der Wiederholung jedoch dann nur die beiden ersten Achtel gebunden, die beiden zweiten aber getrennt (staccato) gespielt. Im 6. Takt werden in der ersten Sechszehntelgruppe die zweiten zwei Sechzehntel gebunden, in der Wiederholung dann aber getrennt gespielt. In Takt 7 und 8 findet sich ebenfalls ein Wechsel von gebundenen und kurz gespielten Sechszehntelnoten, das Artikulationsmuster wird in allen Wiederholungen beibehalten.  Im Notentext sind die zahlreichen Verzierungen (Vorschläge, Pralltriller, Triller, Mordente, Doppelschläge) ausgeschrieben, um die Art ihrer Ausführung eindeutig darzustellen.

© Helmut Kowar

Ein Beitrag von Dr. Helmut Kowar, Dozent am Institut für Musikwissenschaft an der Universität Wien

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