Die MAK-Sammlung Asien unter neuer Leitung. Ein Interview mit Mio Wakita-Elis

Die promovierte Kunsthistorikerin Mio Wakita-Elis übernahm am 1. Februar 2019 als neue MAK-Kustodin die Leitung der MAK-Sammlung Asien. Wir haben mit Wakita-Elis über die Herausforderungen der neuen Position, ihre Schwerpunkte und Ziele gesprochen:

MAK: Sie sind seit knapp drei Monaten die neue Kustodin der MAK-Sammlung Asien. Welche Dinge haben Sie erwartet, als Sie die Position angetreten haben, was hat Sie überrascht?

Mio Wakita-Elis: Seit ich die Stelle angetreten habe, erlebe ich jeden Tag spannende Dinge am MAK. Ich betreue hier eine historisch einmalige, fantastische Asiensammlung. Jeder Tag ist voller interessanter Begegnungen. Ich habe ganz tolle, hochmotivierte Kolleginnen und Kollegen und herausfordernde, aber reizvolle Aufgaben. Das Ganze hat meine Erwartungen positiv übertroffen.

MAK: Zuvor waren Sie am Institut für Kunstgeschichte Ostasiens an der Universität Heidelberg tätig. Was hat Sie dazu inspiriert, nach Wien ans MAK zu wechseln?

MW: Das Heidelberger Institut für Kunstgeschichte Ostasiens gilt als eine der wichtigsten Forschungs- und Ausbildungsinstitutionen für ostasiatische Kunstgeschichte in Europa. Dort unterrichtete und forschte ich mit großer Freude vor allem im Bereich transkulturelle Geschichte der Kunst Japans. Mich hat die Arbeit als Kustodin am MAK trotzdem aus verschiedenen Gründen angesprochen:

Die Hauptmotivation, nach meiner langjährigen Lehr- und Forschungstätigkeit im universitären Kontext ans MAK zu wechseln, waren vor allem die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten, die man im Rahmen der professionellen Arbeit am MAK hat. Die Fachexpertise und neueste Erkenntnisse in Form einer physischen Ausstellung – über den Expertenkreis hinaus – dem weiteren Publikum zu vermitteln, ist eine reizvolle Herausforderung, die ich gerne annehme. Als Forscherin habe ich mich intensiv mit der transkulturellen künstlerischen Beziehung zwischen Japan und Euroamerika beschäftigt und kannte deshalb die MAK-Asiensammlung bereits. Ich sah die Chance, meine Expertise in kuratorische Arbeit einzubringen und spannende Dialoge mit MAK-Objekten zu initiieren.

Außerdem imponiert mir die gattungs- und abteilungsübergreifende Arbeitsweise im Ausstellungsbereich des MAK sehr. Objekte aus Asien sind beispielsweise im MAK Design Lab organisch integriert, sodass das Ganze perspektivisch bereichert wird, ohne „Asien“ dabei zu exotisieren. Da ich selbst medienübergreifend geforscht habe und mich vor allem die transkulturelle Perspektive auf Kunst und Design fasziniert, gab mir dieser Ausstellungsansatz auch einen starken Ansporn, am MAK mitwirken zu wollen.

MAK Schausammlung Asien
MAK DESIGN LABOR, 2014
Themeninsel Ornament
© Peter Kainz/MAK

MAK: Schwerpunkte ihrer Forschung waren bisher unter anderem japanische Kunst und Design von der späten Edo-Zeit bis zur Gegenwart, transkulturelle Kunst- und Designforschung, oder auch die Repräsentation der Weiblichkeit in der japanischen Kunst.

Worauf wollen Sie im MAK den Schwerpunkt ihrer Forschungsarbeit legen?

MW: Ich bin noch in der Anfangsphase und muss mich zunächst mit der MAK-Sammlung Asien inklusive ihrer vielen Facetten und Tiefen gründlich vertraut machen. Ich habe mir aber vorgenommen, meinen Forschungsschwerpunkt in den transkulturellen ästhetischen Austauschprozessen noch stärker in Richtung der innerasiatischen Ebene und auch mit Hinblick auf die globale Ebene bis in die Gegenwart zu erweitern. Dieser Zugang ist nicht nur bedingt durch meine bisherige Forschungsrichtung, sondern drängt sich auch durch die Vorgeschichte der Asiensammlung als europäische Materialsammlung kunstgewerblicher Objekte aus Asien auf.

Mein Vorgänger, Johannes Wieninger, hat eine Reihe von fantastischen Ausstellungen in dieser Richtung realisiert – wie beispielsweise die Schau ADRIANA CZERNIN. Fragment, eine zeitgenössische Auseinandersetzung mit den Holzornamenten des Minbar der Ibn-Tulun-Moschee in Kairo aus dem Jahr 1296. Auf diesem Erbe aufbauend möchte ich am MAK noch weitere Akzente setzen.

 

MAK: Die MAK-Sammlung Asien umfasst mehr als 25 000 Objekte. Worin liegen Ihrer Meinung nach ihre Schwerpunkte? Worauf wollen Sie Ihren Fokus richten?

MW: Die Asiensammlung hat mehrere Highlights. Das MAK verfügt zum Beispiel über eine qualitativ hochwertige Keramiksammlung mit Objekten aus Persien, China, Korea und Japan, die dann in den späten 2 000er Jahren noch durch die großzügige Schenkung eines Salzburger Privatsammlers bereichert wurde, die uns weitere Objekte aus Vietnam, Kambodscha, Korea und Japan gebracht hat. Das MAK hat also die seltene Chance, die globale Geschichte der Keramik aus Asien in ihrer ganzen Bandbreite und Vielfalt zu erzählen. Außerdem gehört die umfassende Japan-Sammlung Heinrich Siebolds (1852–1908) zum Schatz der MAK-Sammlung. Weiterhin sind wir das einzige Museum in Europa, das bereits mehr als 10 000 Blätter aus einer umfassenden Sammlung von katagami-Färbeschablonen aus Japan online stellen konnte.

 

Ich würde die Asiensammlung gerne durch neue Ankäufe noch deutlicher in den Bereich Gegenwart erweitern, damit die Sammlung als Gesamtensemble die Design- und Kunstpraxis von „damals“ bis heute mit ihren transkulturellen Facetten abbildet. Als Museum mit einer einzigartigen Asiensammlung sollte es der natürliche Anspruch des MAK sein, im Hinblick auf die Sammlungsgeschichte das eigene Profil noch deutlicher zu schärfen. Darüber hinaus habe ich mit den Sammlungsbeständen einiges in Hinsicht auf Sonderausstellungen und Forschungsprojekte vor.

MAK: Worin liegen für Sie die Herausforderungen im Umgang mit der Sammlung?

MW: Ich denke, dass es für alle „Museumsmenschen“ eine der essenziell wichtigen Aufgaben darstellt, Erkenntnisse der neuesten Forschungen durch Vermittlungsarbeiten visuell wie materiell greifbar zu machen und sie dem Publikum zur Diskussion zu öffnen. Mit der preisgekrönten Rauminstallation der MAK-Schausammlung ASIEN. China – Japan – Korea habe ich eine besonders spannende Herausforderung, die Asiensammlung einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Der international renommierte japanische Künstler Tadashi Kawamata hat für die MAK-Schausammlung Asien ein neues Raumkonzept mit einer modular aufgebauten Raumkomposition erarbeitet. Wir haben also eine ästhetisch wie funktional radikal neue Raumordnung.

 

Es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Traumaufgabe, mit jeder Veränderung der Objekte im Schausaal meine eigene Antwort auf Kawamatas architektonische und konzeptionelle Intervention geben zu können.

Meine Idealvorstellung wäre, die MAK-Schausammlung Asien aus unterschiedlichen Perspektiven zu kodieren: auf der Präsentationsebene einerseits aber auch auf der Objektebene, in ihrer Zusammensetzung und Kontextualisierung. Jede Besucherin und jeder Besucher ist eingeladen, sich auf die polygonalen „Dialoge“ einzulassen: zwischen Kawamata, musealem Raum, Objekten und uns Betrachterinnen und Betrachtern, und natürlich zwischen den Objekten selbst. Jede Umgestaltung der Schausammlung wird also für mich ein Experiment sein.

Das Interview führte Veronika Träger, MAK-Presse und Öffentlichkeitsarbeit

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