RESTAURIERUNG ALS MULTITASKING: Anne Biber, die neue Leiterin der MAK-Abteilung Restaurierung und Werkstätten, im Interview

Seit November 2019 leitet Anne Biber die Restaurierung und Werkstätten im MAK. Entsprechend der vielfältigen Sammlung des Museums arbeiten die RestauratorInnen mit einzigartigen Kunstgegenständen aus verschiedensten Materialien: von Glas, Keramik und Holz, über Textil bis hin zu Kunststoff. Im Interview gewährt die Restauratorin und Museumsbegeisterte einen Blick hinter die Kulissen und in das reiche restauratorische Spektrum, das im MAK abgedeckt wird.

 

MAK: Wie war Ihr Einstieg als Leiterin der Abteilung MAK-Restaurierung und Werkstätten und in das Gefüge des MAK?

Anne Biber: Mein Start im MAK war mehr als ungewöhnlich: Wenige Wochen, nachdem ich meine KollegInnen kennengelernt hatte und sich erste Abläufe eingespielt hatten, folgte der Lockdown mit anschließender Kurzarbeit. Das war schon ein Härtetest. Aber, obwohl wir uns mehrere Wochen nicht persönlich gesehen hatten, begegnete mir im Juni eine Vertrauensbasis und Qualität der Zusammenarbeit, die ich mir nach so kurzer gemeinsamer Arbeit nicht erwartet hätte. Ein vielschichtiges Museum wie das MAK, mit derart unterschiedlichen Sammlungsbereichen, kann – so ist mein Eindruck – nur so gut funktionieren, weil die Prozesse wunderbar eingespielt sind. Bildhaft könnte man von einem Getriebe sprechen, in dem die vielen verschiedenen Zahnräder – Restaurierung, Objektbetreuung, Arthandling, Haustechnik, Sicherheit, Sammlung, Leihverkehr, Ausstellungsorganisation, um nur die Abteilungen zu nennen, mit denen ich fast tagtäglich eng zusammenarbeite – nahezu reibungslos ineinandergreifen. Die gemeinsame Triebfeder dieses Hauses ist in meiner Wahrnehmung die Wertschätzung der wundervollen Sammlung. Das ist auch eine gute Voraussetzung für den Schutz der Sammlung.

 

MAK: Ihre berufliche Laufbahn führte Sie unter anderem an die Hochschule für Bildende Künste Dresden oder das Technische Museum Wien. Warum haben Sie sich für das MAK entschieden?

AB: Seit dem Studienabschluss an der Universität für angewandte Kunst Wien 2012 wollte ich mich nie auf eine rein praktische, oder rein wissenschaftliche Tätigkeit beschränken. Ich durfte in verschiedenen Gebieten Erfahrung sammeln – etwa als Objektrestauratorin am Wien Museum, als Planerin des Depotumbaus im Museum Retz (NÖ), als Sammlungsassistenz am Technischen Museum Wien, als Universitätsassistentin an der Angewandten oder als Doktorandin an der Hochschule für Bildende Künste Dresden.

Museen, die das Wissen und die Kunst vieler Generationen speichern und nach außen vermitteln, begeistern mich sehr. Für mich war lange klar, dass ich längerfristig in einem Museum tätig werden möchte. Das MAK war wegen seiner Sammlung und aufgrund des Ausstellungs- und Vermittlungsprogramms mit Mut zum Experiment schon immer eines meiner liebsten Häuser. Der Job als Leiterin der Restaurierungsabteilung am MAK ist zudem ausgesprochen vielfältig und erlaubt es mir, meine verschiedenen fachlichen Schwerpunkte zu vereinen. Es ist ein großes Privileg, zur Erhaltung der Sammlung beitragen zu dürfen, damit heutige und künftige BesucherInnen sie erleben können. Mit dem Job habe ich viel Verantwortung übernommen und trete in die großen Fußstapfen meines Vorgängers Manfred Trummer, den ich als seine ehemalige Praktikantin sehr schätzen gelernt habe.

MAK: Was hat sich in den Bereichen Restaurierung und Konservierung in den vergangenen Jahren verändert? Welchen restauratorischen Ansatz vertreten Sie?

AB: Die Jahre zwischen meinem ersten Praktikum im schönen Atelier des Restaurators Ernst Striebel in der Nähe meines Heimatorts in Bayern im Jahr 2005 und dem Berufseinstieg 2012 waren wesentlich für mein Fachgebiet. In diesen Jahren hat man sich in Europa auf Standards in der Ausbildung akademischer RestauratorInnen verständigt, die eine Internationalisierung des Berufsbilds begleitete. Zentral ist ein Gleichgewicht zwischen praktischen Skills und wissenschaftlicher Herangehensweise.

Themen, die uns RestauratorInnen heute auf breiter Ebene beschäftigen, und die auch meinen Ansatz prägen, wurden damals von einzelnen PionierInnen aufs Tapet gebracht: Präventive Konservierung, die darauf abzielt, Schäden an möglichst vielen Objekten vorzubeugen, anstatt einzelne Objekte aufwendig zu restaurieren, gewann an Bedeutung. Bei der Erhaltung von Kunststoffen – einige davon zählen zu den empfindlichsten Materialien in Museumssammlungen – wurden große Fortschritte erzielt. Interdisziplinarität ist selbstverständlich geworden.

 

MAK: Wie kann man sich die Arbeit der Abteilung vorstellen? Wo liegen die Schwerpunkte und Herausforderungen?

AB: In den zur Abteilung gehörenden Restaurierwerkstätten, der Buchbinderei und der Tischlerei arbeiten SpezialistInnen für die Konservierung und Restaurierung von Papier, Büchern, Textilien, Möbeln sowie Objekten aus Metall, Keramik, Glas und Kunststoffen. Die acht MitarbeiterInnen verfolgen Projekte, an denen sie meist über längere Zeit arbeiten. Dies können Sammlungspflegemaßnahmen oder auch diffizile Restaurierungen einzelner Objekte sein, die mehrere Tage, Wochen oder Monate dauern. Oft umfassen sie die Zusammenarbeit mit Universitäten oder anderen Forschungseinrichtungen. Diese Projekte werden unterbrochen, wenn Ausstellungen auf- und abzubauen oder auch Leihgaben konservatorisch zu betreuen sind.

Eine alltägliche Herausforderung ist das Changieren zwischen konzentrierten, auf kleinste Details fokussierten Restaurierungen, und dem regen Treiben im Ausstellungsbetrieb, wo schnelles Entscheiden, vielseitige Kommunikation und Multitasking gefragt sind.
Aufgaben für das kommende Jahr sind zum Beispiel die konservatorische Betreuung der Uhrensammlung in der MAK-Expositur Geymüllerschlössel sowie die Zustandserfassung von Objekten aus Kunststoffen. Eine fachliche Herausforderung, die längerfristig auf uns zukommen wird, liegt beim Sammeln und Erhalten von Objekten unseres „digitalen Zeitalters“: Wie geht man mit Virtual-Reality-Anwendungen um? Wie mit 3D-gedruckten Objekten, deren Material nur wenige Jahre hält? Hier sind neue Erhaltungsstrategien gefragt.
Die Erhaltung einer Sammlung ist ja nie „fertig“ und es gäbe überall viel zu tun. Es gilt, die vorhandenen Ressourcen klug einzusetzen und Schritt für Schritt weiterzugehen.

MAK: Welches Material liegt Ihnen am meisten am Herzen und warum?

AB: Hier muss ich fast „Kunststoffe“ antworten. Ich arbeite an meiner Dissertation, die Kunststoffe aus der Zeit zwischen 1910 und 1980 behandelt. Spannend finde ich die Chemie der Alterung, aber vor allem auch, wie das Material die Alltagswelt erobert hat und sich dabei das Image immer wieder wandelte. Im MAK zeigt derzeit die aktuelle Ausstellung BAKELIT. Die Sammlung Georg Kargl, wie revolutionäre Kunststoffe, in dem Fall Bakelit, das Design beeinflusst haben.
Einen besonders großen Reiz haben für mich persönlich Glas und Keramik. An ihren strahlenden Farben und zeitlosen Formen werde ich mich nie sattsehen.

 

MAK: Haben Sie ein Lieblingsobjekt in der MAK-Sammlung?

AB: Die Flachkette mit Flugzeugen an beiden Enden (1974–76) von Bruno Gironcoli, eine Rauminstallation aus Messing, Pressspanplatten, Seifenplatten und braun gestrichenen Flugzeugen aus Aluminiumguss, würde ich zwar nicht direkt als Lieblingsobjekt bezeichnen. Aber mit ihm verbinde ich viel. Ich habe die Installation als Semesterprojekt während meines Studiums bearbeitet. Ich durfte Bruno Gironcoli, der wenige Zeit später verstarb, interviewen und damit Einblick in sein künstlerisches Konzept gewinnen. Bei diesem Projekt habe ich erfahren, wie wichtig nicht nur die Erhaltung des Materials ist, sondern auch das Bewahren der Ideen hinter Werken. Die Arbeit, der weitere Projekte mit der MAK-Sammlung Gegenwartskunst folgten, hat mich auch mit dem MAK zusammengeschweißt.

Das Interview führte Judith Schwarz-Jungmann, Leitung MAK-Presse und Öffentlichkeitsarbeit

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