Wer wird künftig in Museen arbeiten?

Kathrin Pokorny-Nagel

Kathrin Pokorny-Nagel berichtet über ihre Erfahrungen im EU-Projekt CultHeRit – über die Bedeutung von Mentorship, internationaler Zusammenarbeit und der Einbindung junger Menschen für den Kulturbereich. Es war ein persönlicher Moment, der ihr verdeutlichte, dass die besten Ideen oft abseits offizieller Meetings entstehen.

Vor rund vier Jahren saß ich bei einem gemeinsamen Abendessen mit Kolleg*innen aus ganz Europa zusammen. Eigentlich war es nur der informelle Ausklang eines Projektmeetings unseres internationalen Jugendstilprojekts Art Nouveau 2. Doch wie so oft entstehen die wichtigsten Ideen nicht im Sitzungssaal, sondern in Kaffeepausen bei kollegialen Gesprächen.

An diesem Abend wurde schnell deutlich, dass viele Kulturinstitutionen europaweit vor ähnlichen Problemen stehen. Kolleg*innen aus Rumänien, Serbien, Kroatien oder Tschechien erzählten von offenen Stellen ohne Bewerber*innen, von jungen Menschen, die sich kaum noch für Berufe im Kulturbereich interessieren, und von Institutionen, die zunehmend Mühe haben, Nachwuchs zu finden bzw. langfristig zu halten. Auch in Österreich waren diese Entwicklungen bereits spürbar – vielleicht damals noch weniger dramatisch, aber doch deutlich genug, um aufmerksam zu werden.

Die kulturpolitisch höchst brisante Frage stand plötzlich im Raum:
Wer wird eigentlich künftig in Europas Museen, Archiven und Kulturinstitutionen arbeiten?

Aus dieser Diskussion entstand schließlich CultHeRit – ein EU-gefördertes Forschungsprojekt, das heute zwölf Institutionen aus acht europäischen Ländern verbindet. Seit Jänner 2024 beschäftigen wir uns intensiv mit Arbeitsbedingungen im Kulturbereich, mit neuen Formen von Nachwuchsförderung und mit der Frage, wie kulturelle Berufe wieder attraktiver und zugänglicher werden können.

Das MAK arbeitet seit vielen Jahren intensiv in europäischen Kulturprogrammen mit – von Digitalisierungsprojekten wie Ornamental Prints (2005–07) oder Partage Plus (2012–14) bis zu internationalen Kooperationen rund um Jugendstil, Künstler*innenbücher oder kulturelles Erbe. Diese Projekte waren immer fachlich spannend und international bereichernd. Doch CultHeRit war anders. Vielleicht, weil es diesmal nicht primär um Sammlungen, Objekte oder Forschung ging, sondern um Menschen. Um Erwartungen, Unsicherheiten, Arbeitsrealitäten und Zukunftsvorstellungen einer jungen Generation. Und genau das machte dieses Projekt für mich persönlich so besonders.

Gemeinsam mit unseren europäischen Partnerinstitutionen analysierten wir Beschäftigungsmodelle im Kultursektor, führten Interviews und Befragungen mit Studierenden, Alumni, Mitarbeiter*innen und Führungskräften und entwickelten daraus ein „ideales transnationales Beschäftigungsmodell.

Gleichzeitig war uns aber von Anfang an bewusst: Wirklich verstehen kann man Arbeitsrealitäten nur dann, wenn man sie tatsächlich erlebt. Deshalb war ein zentraler Bestandteil des Projekts die Anstellung sogenannter Young Professionals, die ein Jahr lang in Kulturinstitutionen mitarbeiteten und ihre Erfahrungen reflektierten.

Im MAK wollten wir dabei bewusst neue Wege gehen. Statt klassischer Bewerbungsschreiben entwickelten wir einen kreativen Recruitingprozess. Ein eigens produziertes Video, das auf verschiedenen Online-Kanälen verbreitet wurde, machte auf die Stelle aufmerksam, ein Open Door Day ermöglichte jungen Interessierten einen niederschwelligen Einblick in den Museumsalltag, und zugelassen waren ausschließlich kreative Bewerbungsformate. Aus einem Assessment Day mit zehn Kandidat*innen ging schließlich Jenny Unterkofler als unsere Mentee hervor.

Dieser Prozess allein war bereits unglaublich spannend, weil er uns gezwungen hat, unsere eigenen Routinen zu hinterfragen: Wen sprechen wir eigentlich an? Wen erreichen wir nicht? Und warum?

Was danach begann, war für mich einer der wertvollsten Teile des gesamten Projekts. Über ein Jahr hinweg begleitete ich Jenny im Rahmen eines intensiven Mentoringprozesses. Anfangs dachte ich dabei vor allem an Wissensvermittlung und berufliche Unterstützung. Doch sehr schnell merkte ich, dass Mentorship viel komplexer ist und deutlich stärker auf gegenseitigem Lernen und Austausch beruht, als ich ursprünglich angenommen hatte. Die Gespräche mit Jenny eröffneten mir neue Perspektiven auf die Erwartungen und Herausforderungen junger Arbeitnehmer*innen heute. Themen wie Work-Life-Balance, Sinnhaftigkeit von Arbeit, Kommunikation, Feedbackkultur oder psychische Belastungen werden von jungen Generationen oft viel offener angesprochen als früher. Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie sehr sich Berufseinstieg und Arbeitswelt in wenigen Jahrzehnten verändert haben.

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Mentoringmeeting, Mai 2025
Kathrin Pokorny-Nagel und Jenny Unterkofler
© MAK/Carlotta Schiller

Für mich entwickelte sich Mentorship dadurch zunehmend zu einem Prozess des gegenseitigen Lernens. Nicht die reine Wissensweitergabe stand im Mittelpunkt, sondern Zuhören, Vertrauen, Offenheit und die Bereitschaft, institutionelle Abläufe auch kritisch zu hinterfragen. Ich habe in diesem Jahr unglaublich viel über Führung gelernt – aber auch über institutionelle Kultur, über Generationenunterschiede und über die Frage, wie Museen künftig als Arbeitsorte funktionieren müssen, wenn sie junge Menschen langfristig halten wollen.

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Gruppenfoto #CultHeRit_Bukarest, Juni 2025
© Paul-Soare Satoris

Besonders spannend fand ich dabei, dass dieser Reflexionsprozess nicht nur mich persönlich verändert, sondern auch innerhalb des MAK vieles angestoßen hat. Fragen nach Zugänglichkeit, Onboarding, Mentorship und Arbeitskultur rückten plötzlich viel stärker in den Fokus. CultHeRit blieb dadurch nicht reine Theorie, sondern entwickelte ganz konkrete Auswirkungen auf unseren Museumsalltag.

Gleichzeitig zeigte das Projekt, wie groß der Bedarf an Austausch zu diesen Themen europaweit ist. Nationale Stakeholder-Gruppen, internationale Workshops und Konferenzen machten deutlich, dass viele Kulturinstitutionen derzeit vor ähnlichen Herausforderungen stehen.

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Mentor*innenmeeting, Bukarest, Juni 2025
© Paul-Soare Satoris

Ein besonderer Moment war für mich die Präsentation beim Österreichischen Museumstag 2025, veranstaltet vom Museumsbund Österreich, in Bozen. Die intensive Diskussion dort zeigte eindrucksvoll, wie aktuell das Thema mittlerweile geworden ist. Die erneute Einladung zum Museumstag 2026 in Eisenstadt bestätigt für mich, dass diese Debatte gerade erst begonnen hat.

Auch die öffentliche Resonanz überraschte uns teilweise. Über Instagram, TikTok und verschiedene Kurzfilme zu Berufsfeldern im Kulturbereich erreichten wir plötzlich Zielgruppen weit außerhalb der klassischen Museums-Community. Gerade diese Sichtbarkeit scheint mir enorm wichtig, denn viele junge Menschen wissen oft gar nicht, wie vielfältig kulturelle Berufe heute sein können.

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Österreichischer Museumstag in Bozen, Oktober 2025
© MAK/Carlotta Schiller

Vor allem aber wurde mir im Laufe dieses Projekts immer deutlicher:
Die Zukunft von Museen entscheidet sich nicht nur in Ausstellungen, Sammlungen oder Vermittlungsprogrammen. Sie entscheidet sich auch darin, wie offen, unterstützend und attraktiv Kulturinstitutionen als Arbeitsorte sein können. CultHeRit hat mir persönlich gezeigt, dass Museen heute weit mehr sein müssen als Orte des Bewahrens. Sie sind Lernorte, soziale Räume und Arbeitgeber mit gesellschaftlicher Verantwortung. Und vielleicht war genau das für mich die größte Bereicherung dieses Projekts: zu erleben, dass echte institutionelle Veränderung oft dort beginnt, wo Menschen unterschiedlicher Generationen bereit sind, einander wirklich zuzuhören.

Mein besonderer Dank gilt in diesem Zusammenhang meinen Kolleginnen Carlotta Schiller für die engagierte Projektassistenz, Jasmin Sommerer für ihre HR-Expertise, sowie Jenny Unterkofler für ihre Offenheit, ihren Einsatz und die vielen inspirierenden Gespräche während dieses gemeinsamen Jahres.

Dieses Projekt wird durch das Interreg-Donauraumprogramm unterstützt und von der Europäischen Union kofinanziert.

This project is supported by the Interreg Danube Programme, co-funded by the European Union.

Mehr: CultHeRit | Homepage

Projektleitung MAK: Kathrin Pokorny-Nagel, Leitung MAK Bibliothek und Kunstblättersammlung/Archiv

HR-Expertise MAK: Jasmin Sommerer,  Stv. wirtschaftliche Geschäftsführerin, Leitung Personal und Recht, Prokuristin

Projektassistenz: Carlotta Schiller

Projektpartner:
Museum of Applied Arts in Budapest, Hungary
KUPF OÖ – Kulturplattform Oberösterreich in Linz, Austria
National Institute of Heritage Romania in Bucharest
National Museum for the History of Transylvania in Cluj Napoca, Romania
Bihor County Employment Agency in Oradea, Romania
Republic Institute for Protection of Cultural Monuments in Belgrade, Serbia
Intermunicipal Institute for Protection of Cultural Monuments in Subotica, Serbia
Serbia Trade Union of Employees in Cultural Institutions in Belgrade, Serbia
Museum of Decorative Art in Prague, Czech Republic
Institute for Protection of Cultural-Historical and Natural Heritage of Republic of Srpska in Banja Luka, Serbia
Museum of Arts and Crafts in Zagreb, Croatia 
Notranjska Museum Postojna, Slovenia

Ein Beitrag von Kathrin Pokorny-Nagel, Leitung MAK Bibliothek und Kunstblättersammlung/Archiv

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