Die Sprache der Dinge

Geschichten aus dem MAK. Diesmal mit Frau Elisabeth Schmuttermeier, Leiterin des Wiener Werkstätten Archivs und Kustodin der Sammlung Metall

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Die Sprache der Dinge
Meine ersten Erinnerungen an das MAK, damals noch Österreichisches Museum für angewandte Kunst, stammen aus meiner frühen Kindheit.
Ich bin in der Nähe des Museums, in der Schellinggasse, aufgewachsen und wurde, wenn meine Mutter und meine Großmutter im Dezember keine Zeit für mich hatten, von meinem Großonkel betreut. Dieser war vor seiner Pensionierung bei dem Reifen- und Gummierzeuger Semperit als Leiter der Filiale Praterstraße tätig. Da mein Großonkel ein gutes Einvernehmen mit seinen früheren Angestellten hatte, besuchte er sie auch nach seiner Pensionierung. Daher war, als ich vier oder fünf Jahre alt war, mindestens einmal im Monat die Filiale Praterstraße Ziel unserer gemeinsamen Spaziergänge. Ich habe mich immer dagegen gesträubt, weil für mich kleines Kind der Weg bis dorthin lang und nicht unterhaltsam genug war. Es gab keine Geschäfte, in die ich schauen konnte, sondern nur große, abweisende Häuser, an denen wir entlanggegangen sind. Das einzige „Haus“ auf der Strecke, das ich gerne passiert habe, war das MAK. Dort wurde ich hochgehoben und durfte auf dem 70 cm hohen, die Stubenringfassade des Museums sich teilweise entlangziehenden Podest gehen oder laufen. Somit war ich fast gleich groß wie die Erwachsenen – damals ein Traum! Der zweite Verführungspunkt auf unserem Weg war das Versprechen, mir beim Maronibrater bei der Urania Maroni zu kaufen.
Somit haben meine ersten Erinnerungen an das MAK nichts mit der darin aufbewahrten Kunst, sondern mit der Besonderheit der Architektur zu tun. Während der vielen Jahren im MAK konnte ich immer wieder Kinder beobachten, die wie ich von dem Podest angezogen, darauf gegangen oder gelaufen sind. Die Sprache der Dinge ist zeitlos.
Elisabeth Schmuttermeier

© MAK

 

 

 

 

 

Die ersten Einreichungen

Ein Lehrzeugnis der Kunstgewerbeschule
Foto: © MAK

Letzte Woche startete der Aufruf zum Jubiläumsprojekt rund um kollektive Erinnerungen und das MAK. Das MAK wird 150. Jahre alt und so schauen wir zurück. Wir fragten wie sich dieser Ort der Kunst, der Interaktion und der Interkreativität in der kollektiven Erinnerung seiner BesucherInnen erhalten hat. Was ist an Filmen, Fotografien, Souvenirs oder Memorabilien über die Jahre erhalten geblieben?

Teile einer Handtasche
Foto: © MAK

 

Ein Stickrahmen aus Holz
Foto: © MAK

Heute wurden die ersten Objekte im MAK abgegeben: Es sind Erinnerungsstücke an eine Tante Maria, die 1909 – 1912 an der Kunstgewerbeschule war. Am 10. Jänner wurde sie „freigesprochen“ und schloss die Lehre Kunststickerei erfolgreich ab.
1909 wurde Kunstgewerbeschule und das Museum getrennt. Die Kunstgewerbeschule (heute: die angewandte) bleibt dem Ministerium für „Cultus und Unterricht“ unterstellt. Außerdem wurde nach dreijähriger Bauzeit der Erweiterungsbau des Museums (heute: Weiskirchnerstraße 3, Wien 1) eröffnet. Das Museum erhielt dadurch Räume für Sonder- und Dauerausstellungen.

Noch bis zum 30. Juni können Erinnerungsstücke im MAK abgegeben oder an 150Jahre@MAK.at gesendet werden. Weitere Informationen: hier

Neuaufstellung Asien: Das Spiel von Licht und Schatten.

Tadashi Kawamatas Ideen für die Neugestaltung sind vom Gedanken der permanenten Veränderung sowie dem Spiel von Licht und Schatten getragen. Die Exponate werden in großen, gerüstartigen Vitrinenblöcken präsentiert, die Fenster lassen viel Licht in den Ausstellungsraum.

Ⓒ MAK

Bei einem ersten Treffen im Frühjahr 2013 hatten Tadashi Kawamata, verantwortlich für die künstlerische Gestaltung, und Johannes Wieninger, der Kustode der Sammlung Asien und Kurator der Schausammlung, sogar die Idee, die Fenster als Vitrinen zu nutzen. Dies musste jedoch leider aus denkmalpflegerischen Gründen verworfen werden.

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„I NEED THE SPACE HERE“
Michael Embacher übernahm mit seinem Wiener Architekturbüro die Realisierung von Kawamatas Konzept. Neben persönlichen Treffen in Paris und Wien erfolgte die Kommunikation auch über E-Mail: Kawamata druckte die Wiener Pläne aus, kommentierte sie und schickte sie eingescannt zurück.

 

© MAK

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Ende November 2013 wurde ein 1:1-Modell eines Moduls aufgebaut. Tadashi Kawamata und Michael Embacher änderten und Johannes Wieninger probierte Situationen mit Sammlungsobjekten aus.

 

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„Suppentopf Österreich?“
Zum Konzept von Tadashi Kawamata gehört auch die Objektbeschriftung: Infos zum Objekt werden mit der Hand auf das Vitrinenglas geschrieben. Dies sind erste Schreibproben von MAK-Mitarbeiterinnen.

 

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Neugestaltung der Schausammlung Asien durch Tadashi Kawamata

 

 

„Gerade ihre Unbeständigkeit macht die Welt so schön.“

Yoshida Kenkō (um 1283 – 1350)
bürgerlich Urabe Kaneyoshi, japanischer Hofmeister einer Adelsfamilie, Dichter und Mönch

 

Im Dialog zwischen Tradition und Avantgarde ist das MAK auch der ständigen Veränderung verpflichtet. Zum 150-jährigem Jubiläum präsentiert das MAK mehr als 2300m² neu gestaltete permanente Ausstellungsfläche. Die Planung der Neugestaltung der MAK-Schausammlung Asien läuft auf Hochtouren, der Umbau hat schon begonnen.

Umbau der Schausammlung Asien
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Die Asien-Sammlung des MAK entstand im Laufe der 150-jährigen Museumsgeschichte aus öffentlichen und privaten Kollektionen und bietet einen umfassenden Einblick in die Kunstgeschichte Asiens. Heute zählt sie zu den bedeutenden Sammlungen von Kunst und Kunstgewerbe aus dem asiatischen Raum. Chinesisches Porzellan, japanische Lackarbeiten, japanische Farbholzschnitte (Ukiyo-e) und japanische Färberschablonen (Katagami) bilden die Schwerpunkte der, heute rund 25.000 Objekte umfassenden Sammlung.

Tadashi Kawamata, Grundriss, erster Entwurf für die MAK-Schausammlung Asien, 2013
© Tadashi Kawamata

Gestaltet wird die neue Schausammlung Asien durch niemand geringerem als Tadashi Kawamata:
Seine Installation Yusuke Nakahara’s Cosmology anlässlich des Echigo Tsumari Art Triennale 2012 in Japan, überzeugte Johannes Wieniger (Kustode der MAK-Schausammlung Asien) Kawamata ins MAK zu holen. Spätestens seit der Besetzung seiner Favela Cafes auf der Art Basel durch Aktivisten im Sommer 2013, steht sein Name nicht nur für die Verbindung von Kunst und Alltag, sondern ist auch einem breitem Publikum ein Begriff.

Kawamata wird die Sammlung mit seiner Installation „umfangen und umarmen“. Auf den ersten Blick chaotisch anmutend, wird diese nur scheinbar in Kontrast zu den Sammlungsobjekten stehen. Tadashi Kawamata setzt die Kunstwerke einem Kontext aus, der die Betrachtung wie den Betrachtenden in Bewegung hält. Ab dem 19. Februar 2014 kann man sich in der neugestaltete Schausammlung inspirieren oder aber auch nur die Seele baumeln lassen.

 

 


Wien 1900: Zwischen Alt und Neu


Mit der am 20. November neu konzipierten Schausammlung Wien 1900 richtet das MAK den Blick auf eine der spannendsten Entwicklungsphasen dieser Stadt. Mit mehr als zwei Millionen EinwohnerInnen trat Wien damals in Konkurrenz zu den europäischen Metropolen Berlin, London und Paris und entwickelte sich zum kulturellen Zentrum Mitteleuropas.

Gleichzeitig stand die Stadt vor gewaltigen politischen und sozialen Herausforderungen. Zehntausende von ZuwandererInnen drängten nach Wien und ließen sich meist außerhalb des Linienwalls nieder, der als Steuerschranke die Stadt von den Vororten trennte. An ihren Toren wurde seit 1829 die Verzehrungssteuer für Lebensmittel eingehoben, die für die Stadt bestimmt waren. Wer wenig Geld zur Verfügung hatte, lebte in den Vorstädten, wie die Arbeiterfamilien, die meist in kleinen Wohnungen riesiger Wohnblöcke Unterschlupf fanden. Diese wurden rasch zu Elendsvierteln, denn Kindersterblichkeit und Tuberkulose (die „Wiener Krankheit“) hatten in den „hoffnungslos überbelegten Zinskasernen“ freie Bahn, wie Günter Düriegl in seinem Beitrag für den Katalog der Ausstellung Traum und Wirklichkeit – Wien 1870–1930 (1985) schildert.

Die Abschaffung der Verzehrungssteuer 1889 und das vom Kaiser 1890 unterzeichnete Gesetz zur Eingemeindung der Vororte bildeten den legistischen Rahmen für einen Wachstumssprung, der die Fläche der Stadt auf einen Schlag verdreifachte und einen rasanten Anstieg der Bevölkerungszahl verursachte.
Aber nicht nur Bauern und Bäuerinnen oder ArbeiterInnen zog es nach Wien. Die Stadt entwickelte sich auch in künstlerischer und wissenschaftlicher Hinsicht zu einem europäischen Mittelpunkt und lockte MalerInnen, SchriftstellerInnen, MusikerInnen, ArchitektInnen u. a. an. Diese sorgten im Spannungsfeld einer untergehenden Epoche und dem Beginn der Moderne für einen Aufschwung, der auf uns im Rückblick große Faszination ausübt.

Foto: © MAK; Josef Hoffmann, Foto: © MAK; MAK, Foto: © MAK

Die Komplexität der Stadt erinnert ein wenig an unsere heutige Situation. Jean-François Lyotard erkennt im Wien um 1900 Prozesse, die erst hundert Jahre später ihre volle Wirkung entfaltet haben. Im Postmodernen Wissen spricht er von der „hybriden Kultur“ der Stadt und einem komplexen kulturellen System, das ganz Zentraleuropa überzieht. Wer sich mit der Geschichte Wiens an der Schnittstelle von 19. und 20. Jahrhundert beschäftigt, blickt also nicht nur einfach zurück in die Vergangenheit, sondern sieht sich mit Entwicklungen konfrontiert, die uns heute – aber auch zukünftig – beschäftigen.

Diese Verbindungen möchte auch die neu konzipierte Schausammlung Wien 1900 sichtbar machen und wagt ein kuratorisches Experiment in der Beschäftigung mit dem Wiener Kunstgewerbe von 1890 bis 1938. Auf die inhaltlich-kuratorische Neugestaltung Wien 1900 von Christian Witt-Dörring in einer temporären Präsentation reagiert die amerikanische Künstlerin Pae White später mit einer künstlerischen Intervention, die erstere durch einen neuen Aspekt ergänzen wird.

Mit der Neugestaltung dieses für das Haus zentralen Museumsbereichs rückt das MAK das Thema Wien um 1900 in den Mittelpunkt seiner Aktivitäten und beleuchtet damit wohl eines der interessantesten Kapitel dieser Stadt. Das Blog folgt dieser Vorgabe und wird möglichst viele Facetten dieser Entwicklung beleuchten.