Zum 100. Geburtstag der „Frankfurter Küche“ von Margarete Schütte-Lihotzky – und in Erinnerung an eine Wiener Küche von Anton Brenner

24. Juli 2026

NOW, Objekte im Fokus

Sebastian Hackenschmidt

Zum 100. Geburtstag der Frankfurter Küche blickt Sebastian Hackenschmidt, Kustode MAK Sammlung Möbel und Holzarbeiten, auf eine der einflussreichsten Innovationen der Wohnkultur des 20. Jahrhunderts. Er zeichnet die Entwicklung von Margarete Schütte-Lihotzkys visionärem Küchenkonzept nach und stellt es in einen erweiterten Kontext, der eine vergleichbare „Vorarbeit“ des Wiener Architekten Anton Brenner in Erinnerung ruft. Es eröffnet sich damit auch ein spannender Blick auf den sozialen Wohnbau der 1920er zwischen Frankfurt und Wien.

Als eine der ersten Architektinnen Österreichs war Margarete Lihotzky zu Beginn der zwanziger Jahre an der österreichischen Kleingarten- und Siedlungsbewegung ebenso beteiligt wie an den großen Bauprojekten des „Roten Wien“, bevor sie 1926 von Ernst May an das Hochbauamt der Stadt Frankfurt berufen wurde, wo sie auch ihren späteren Mann, Wilhelm Schütte, kennenlernte. Für das städtebauliche Großprojekt „Das Neue Frankfurt“ entwickelte Lihotzky Planungsansätze weiter, an denen sie bereits in ihrer Wiener Zeit gearbeitet hatte: die Rationalisierung von Wohnbau und Wohnungseinrichtung und damit die Verbesserung der Wohn- und Lebensqualität. Schon kurz nach ihrer Übersiedelung nach Frankfurt konnte sie bei Ausstellungen und in Zeitschriften verschiedene Varianten einer raumökonomischen, hygienischen, praktischen, preiswerten und dabei ästhetisch doch äußerst ansprechend konstruierten Arbeitsküche vorstellen, die in sämtliche zwischen 1926 und 1930 realisierten Gemeindewohnungen eingebaut wurde. Durch die zweckmäßige Ausstattung der Küche wurden die notwendigen Handgriffe und Arbeitswege auf ein Minimum reduziert. Als Leitmodell für den sozialen Wohnbau Frankfurts Ende der zwanziger Jahre half die sogenannte Frankfurter Küche in ihrer strengen Funktionalität nicht nur dabei, die Baukosten der Sozialbauten zu reduzieren, sondern lieferte auch einen wichtigen Beitrag zu der Entlastung der berufstätigen Frau von den Strapazen der Hausarbeit. Umso härter traf die Architektin aber der immer wieder geäußerte Vorwurf, sie habe durch die Steigerung der Haushaltseffizienz die Frau nur noch enger an den Herd gekettet.

Zeitschrift Das Werk, Frankfurter Küche © MAK

Zeitschrift Das Werk, Frankfurter Küche, 1927
© MAK

Die Frankfurter Küche gilt als Prototyp für die standardisierten und meist industriell produzierten Einbauküchen, die einen integralen Bestandteil der modernen – technisch und funktional optimierten – „Wohnmaschine“ bilden. In der permanenten Schausammlung des MAK wird seit den 1990er Jahren ein im Maßstab 1:1 nachgebautes Modell dieser Küche gezeigt, das noch in Zusammenarbeit mit Margarete Schütte-Lihotzky selbst entstanden ist. Die in der Erinnerung der Architektin noch immer präsenten Maßangaben und Konstruktionsdetails hatten 1990 den Neubau einer gleichsam idealtypischen Frankfurter Küche ermöglicht. Gerhard Lindner, der an der Rekonstruktion der Küche beteilige Architekt, schrieb dazu: „Die nun existierende Frankfurter Küche zeigt deutlich, wie perfekt die Umsetzung der rationalisierten Haushaltsführung in die neuesten technischen Möglichkeiten von 1926 in Einklang mit wohnlichen, architektonischen Details gelungen ist. Neueste Techniken wie der Gas-, später der Elektroherd, funktionelle Bauteile, wie die Abfallrinne im Arbeitsbrett am Fenster, die sowohl haptisch als auch optisch sensible Lösungen bedeuten, sind in einem Raum vereint. Neben den oft vergessenen Bestandteilen, beispielsweise der Schiebetür zum Wohnraum sollte die ‚Rekonstruktion‘ aber auch die Architektur, die Farben und Materialien wieder erlebbar machen. Die Radikalität des Entwurfs ist heute, in einer Zeit, in der in fast allen Wohnungen Nachkommen der Frankfurter Küche stehen, nur schwer verständlich, in ihrer Architektur spricht sie uns aber nach wie vor an. So gesehen ist der oftmalige Hinweis von Margarete Schütte-Lihotzky, daß die Küche aufgrund der veränderten technischen Ansprüche heute nicht mehr kopiert werden kann, richtig. Sie bleibt jedoch ein Meilenstein der Architektur was sich nun angesichts des 1:1-Modells wieder bestätigt.“

Nachbau der Frankfurter Küche im MAK, Wien © Gerald Zugmann/MAK

Nachbau der Frankfurter Küche im MAK, Wien
© Gerald Zugmann/MAK

Es soll hier aber nicht vergessen werden, dass bereits in einem von Anton Brenner als eine Art Wohnmaschine entworfenen Gemeindebau der 1920er Jahre eine „Wiener Küche“ existierte: Der Architekt Brenner, der wie Lihotzky im sozialen Wohnbau Wiens tätig war und sich intensiv mit den Fragen der Optimierung der Kleinstwohnungen für das Proletariat auseinandergesetzt hatte, war Ende 1926 ebenfalls von May nach Frankfurt geholt worden. Noch in Wien hatte er 1924/25 in dem von ihm entworfenen Gemeindebau in der Rauchfangkehrergasse im 15. Wiener Bezirk eine Küche realisiert, die sich bereits durch ein hohes Maß an Funktionalität und Rationalität auf engstem Raum ausgezeichnet und durchaus großes Aufsehen erregt hatte. Leider haben sich aber nur Teile der originalen Küchenausstattung aus der ehemals eigenen Wohnung des Architekten bis heute erhalten – sie wird heute als Museum geführt: Willkommen – Anton Brenner Wohnungsmuseum

Dass Brenner auch an Margarete Schütte-Lihotzkys Frankfurter Küche Anteil zu haben glaubte, hatte er 1927 als Autor einer Rezension zwischen den Zeilen deutlich gemacht (vgl. „Die Frankfurter Küche“, in: Bauwelt, H. 9, 1927, S. 243-245). In seiner posthum – und mit nicht immer gänzlich nachvollziehbaren Eingriffen des Herausgebers – veröffentlichten Autobiographie hat Brenner gar für sich in Anspruch genommen, der eigentliche Erfinder der Frankfurter Küche zu sein (vgl. „Mit Ach und Krach durchs Leben. Autobiographie eines verkannten Genies. Aus dem Leben des Wiener Architekten Professor Anton Brenner, dem wahren Erfinder der „Frankfurter Küche“. Überarbeitet und etwas gekürzt von seinem Sohn Tonio Brenner, Wien 2005). Auch wenn die Errungenschaften Brenners im Bereich des sozialen Wohnbaus noch nicht ausreichend gewürdigt worden sind, haben doch in den 1920er Jahren zahlreiche namhafte Architekten – von Walter Gropius, Bruno Taut bis J.J.P. Oud und Mart Stam – praktische und ökonomische Küchen, Küchennischen, Küchenzeilen und Küchenmöbel entworfen. Zudem basierten viele Neuerungen der Küchenreform, die im Europa der Zwischenkriegszeit im Rahmen der avantgardistischen Architektur vollzogen wurde, auf Überlegungen und Erfindungen, die in Amerika bereits seit dem 19. Jahrhundert in der „domestic theory“ im Zuge der damaligen Frauenbewegung propagiert wurden. So blieb es Margarete Schütte-Lihotzky in der Abteilung T (für „Typisierung“) des Frankfurter Hochbauamtes vorbehalten, aus den zahlreichen existierenden Ansätzen und Vorarbeiten – auch denen Anton Brenners – den ästhetisch wie funktionell konzentriertesten Entwurf zu formulieren und damit namentlich für das wohl einflussreichste Küchenmodell der Moderne einzustehen. Ihre Frankfurter Küche zählt heute zu den Meilensteinen der Architekturgeschichte ebenso wie zu den „Klassikern“ des modernen Designs. In den letzten Jahren sind viele andere internationale Museen dem Beispiel des MAK gefolgt – darunter auch das Museum of Modern Art in New York und das Victoria & Albert Museum in London – und haben Schütte-Lihotzkys Küche in ihre Sammlung aufgenommen.

Ein Beitrag von Sebastian Hackenschmidt, Kustode MAK Sammlung Möbel und Holzarbeiten

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