Die Kunst zu arbeiten – ein Manifest für die Jugend?

Ein Radiobeitrag, entstanden im Rahmen einer Kooperation des MAK mit der Landesschülervertretung Wien und Radio Orange 94.0/Stadtradio Orange.

Als Herzstück der Programmatik der VIENNA BIENNALE 2015: IDEAS FOR CHANGE ist ein Manifest über die Zukunft der Arbeit entstanden. Kern der Überlegungen war die Frage, inwiefern sich unser Leben mit zunehmender Digitalisierung verändern wird. Digitale Intelligenz, Robotik, Big Data oder das „Internet der Dinge“ bergen zwar enorme Potenziale, aber auch die Gefahr, dass sich der Mensch dem Diktat digitaler Maschinen unterwirft.

Ob das Manifest auch Jugendliche inspiriert oder eher auf Kritik stößt, haben wir in mehreren offenen Gesprächsrunden im MAK – Österreichisches Museum für angewandte Kunst / Gegenwartskunst mit der Landesschülervertretung Wien diskutiert. Der Radiobeitrag ist der vorläufige Abschluss einer Kooperation mit Radio Orange 94.0/Stadtradio Orange, im Zuge derer während der Biennale Workshops zu Mobile Reporting angeboten wurden.

 

Ein Wohnzimmer lädt zum „Hinauswohnen“ aus den eigenen vier Wänden ein

Unsere Autorin Marlene Maier, Volontärin der VIENNA BIENNALE 2015: IDEAS FOR CHANGE, hat sich im Wiener Sonnwendviertel mit dem Wohnbauprojekt WOHN_ZIMMER Sonnwendviertel von Klaus Kada beschäftigt und Gespräche mit den BewohnerInnen geführt. Begleitet wurde sie von Barbara Taxacher, die mit ihrer Tochter im – nach der Theaterbühne im Erdgeschoss benannten – roten „Theaterhaus“ des WOHN_ZIMMER lebt. Wie alle Gemeinschaftsbereiche in der Wohnanlage kann auch die Theaterbühne von allen BewohnerInnen benutzt werden.

Als Volontärin der VIENNA BIENNALE 2015 habe ich mich intensiv mit der Vision des von Architekt Klaus Kada konzipierten Wohnbauprojekts beschäftigt. In der Tradition des Wiener Wohnbaus reiht sich das Projekt in eine Vielfalt der Modelle des sozialen, genossenschaftlichen und öffentlichen Wohnbaus ein, die oft über die reine Wohnversorgung hinausgehen und wichtige soziale Infrastrukturen versprechen. Was in anderen Städten nur im hochpreisigen Segment denkbar ist, soll hier durch die gezielte Mischung von geförderten und frei finanzierten Wohnungen für unterschiedliche Einkommensgruppen erschwinglich werden.

Während Barbara und ich vom Innenhof bis zum Kräutergarten auf dem Dach einmal quer durch die Anlage spazieren, wird mir klar, dass hier vieles zum Austausch einlädt. Da sind die zahlreichen Balkone, über die Kinder kommunizieren und sich verabreden, die auffallenden, gelben Brücken, die viel mehr verbinden als bloß die unterschiedlichen Bauteile. Kino, Kletterhalle, Proberaum, Gemeinschaftsküche oder das Wellnesscenter – was diese Orte versprechen, ist die Möglichkeit einer lebendigen Gemeinschaft. Und tatsächlich erzählen BewohnerInnen begeistert von regelmäßig stattfindenden Filmabenden, Kochkursen und wöchentlichen Jam-Sessions.

Bald nach ihrem Einzug hat Barbara viele alte Bekannte wiedergetroffen, die zufälligerweise auch im Sonnwendviertel gelandet sind. Eine von ihnen ist Pia Lichtblau, die sich im BewohnerInnenbeirat engagiert. Für sie ist der Alltag im WOHN_ZIMMER von vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten, aber auch von Vermittlungsprozessen geprägt. Die „Spielregeln“ der Nutzung aller Gemeinschaftseinrichtungen werden von den BewohnerInnen selbst bestimmt. Diskutiert und verhandelt wird vorwiegend über soziale Medien. Momentan beschäftigt sich eine Gruppe mit der Gestaltung und Bepflanzung des Innenhofs. Dass ihr Zuhause längst zum städtebaulichen Vorzeigeprojekt avanciert ist und Führungen für Interessierte seither zum Alltag gehören, sehen die BewohnerInnen gelassen. Eigentlich macht sie das sogar ein wenig stolz.

Ein Beitrag von Marlene Maier in Zusammenarbeit mit Noëmi Leemann für die Abteilung Neue Lernkonzepte.

Fotos © Marlene Maier

 

 

 

Interdisziplinarität nachgefragt #1

Die VIENNA BIENNALE – noch bis 4. Oktober zu besuchen – ist die erste Biennale, die Kunst, Design und Architektur verbindet. Interdisziplinarität bedeutet dabei in erster Linie Anstoß zur Reflexion: Welche Begriffe sind charakteristisch für die jeweils anderen Disziplinen? Denken KünstlerInnen anders als DesignerInnen, wer spricht in welcher Form über deren Problemlösungen, Formfindung und Arbeitsweise?

Doris Rothauer, Mitglied des Vienna Biennale Circle (VBC), haben wir einige Fragen zur Disziplin der bildenden Kunst gestellt.

Liebe Frau Rothauer, was wollten Sie der Disziplin der bildenden Kunst schon immer mitteilen?
Ich habe eine hohe Wertschätzung allen Künstlerinnen und Künstlern gegenüber, nicht nur für das, was sie schaffen, für ihre Kunst, sondern für ihre Entscheidung, so zu arbeiten und zu leben, wie sie es tun. Für ihre Kreativität, ihre ungewöhnlichen Denk- und Handlungsweisen, die enorm viel Mut, Offenheit, klare Werte und Haltungen erfordern. Davon könnte unsere Gesellschaft mehr brauchen, um den gegenwärtigen Herausforderungen im Gesellschaftswandel gewachsen zu sein und ein neues Denken und Handeln auch außerhalb der Kunst zu entwickeln.    

Wer ist Ihr Lieblingskünstler oder Ihre Lieblingskünstlerin der Gegenwart?
Eine von vielen Positionen, die ich sehr schätze, ist Andrea Zittel, weil sie sich unglaublich mutig und konsequent mit den ganz grundsätzlichen Fragen, warum wir leben, wie wir leben, auseinandersetzt und uns damit aufzeigt, welche Perspektiven wir haben, wenn wir gewohnte Pfade verlassen.

Welche Bilder hängen bei Ihnen zu Hause?
Ich habe vor allem Arbeiten von Künstlern und Künstlerinnen, mit denen ich gearbeitet habe und zu denen ich daher einen persönlichen Zugang habe, zum Beispiel Erwin Wurm, Brigitte Kowanz, Otto Zitko oder Lawrence Weiner. Und dann gibt es zwischen all den Werken von befreundeten Kunstschaffenden eine Fotoarbeit von Wolfgang Tillmans – Tulips –, die ich vor vielen Jahren als junge Frau in einer New Yorker Galerie gekauft habe. Ich war damals als anonyme Besucherin in der Ausstellung, habe mich sofort in diese Arbeit verliebt und sie einfach vom Fleck weg gekauft. Das wäre mir heute nicht mehr möglich.

Können Sie uns eine Ausstellung oder ein Buch zum Thema bildende Kunst empfehlen?
So wie es nicht die eine Position gibt, gibt es auch nicht die eine Ausstellung oder das eine Buch. Was ich empfehlen kann, ist so viel wie möglich zu sehen, zu lesen. Nicht alles wird begeistern, aber vieles wird zum Nachdenken anregen. Und darum geht es in der Auseinandersetzung mit Kunst: seinen eigenen Horizont ständig zu erweitern.

Doris Rothauer ist Mitglied des Vienna Biennale Circle (VBC). In der Vorbereitung der VIENNA BIENNALE hatte der VBC zwei wesentliche Aufgaben: zum einen die Projekte der Biennale-KuratorInnen interdisziplinär zu erörtern und dazu Impulse einzubringen, zum anderen vor dem Hintergrund der Biennale-Projekte ein Ausstellungsmanifest zu erarbeiten. Doris Rothauer ist Geschäftsführerin des Büro für Transfer, das mit Strategieberatung und Projektentwicklung an der Schnittstelle von Kunst, Kreativität, Wirtschaft und Gesellschaft agiert.

Ein Beitrag von Noëmi Leemann in Zusammenarbeit mit Sara Alavi Kia für die Abteilung Neue Lernkonzepte.

Foto © MAK/Georg Mayer

Interdisziplinarität nachgefragt #2

Die VIENNA BIENNALE – noch bis 4. Oktober zu besuchen – ist die erste Biennale, die Kunst, Design und Architektur verbindet. Interdisziplinarität bedeutet dabei in erster Linie Anstoß zur Reflexion: Welche Begriffe sind charakteristisch für die jeweils anderen Disziplinen? Denken KünstlerInnen anders als DesignerInnen, wer spricht in welcher Form über deren Problemlösungen, Formfindung und Arbeitsweise?

Thomas Geisler, Kustode der MAK-Sammlung Design, hat für unseren Blog einige Fragen beantwortet.

Lieber Thomas, was wolltest du der Architekturbranche schon immer mitteilen?
Design ist NICHT Architektur im Kleinen. Es sind idente Entwurfsprozesse. Selbst der Maßstab ist nicht unbedingt ein Unterscheidungskriterium – vor allem in Zeiten der Digitalisierung. Gebaute Architektur hat jedoch per se eine höhere Haltbarkeit – nicht immer zum Vorteil –, aber Design könnte davon noch lernen.

Wer ist dein Lieblingsarchitekt oder deine Lieblingsarchitektin der Gegenwart?
Es gibt unterschiedliche Qualitäten, die ich an unterschiedlichen Architekten und Architektinnen schätze. Noch komme ich nicht in die Verlegenheit, eine Auswahl für mein Traumhaus treffen zu müssen. Zaha Hadid wird es nicht, so viel steht jedoch fest.

Was magst du an deiner Wohnung gar nicht?
Dass sie zu klein ist, wenn ich Gäste habe, und zu groß, wenn ich allein sein möchte.

Kannst du uns eine Ausstellung oder ein Buch zum Thema Architektur empfehlen?
Bernhard Rudofskys Architecture Without Architects: A Short Introduction to Non-Pedigreed Architecture von 1964.

Thomas Geisler ist Kustode der MAK-Sammlung Design. Gemeinsam mit Harald Gruendl hat er im Rahmen der VIENNA BIENNALE 2015 die Ausstellung 2051: Smart Life in the City kuratiert.

Ein Beitrag von Noëmi Leemann in Zusammenarbeit mit Sara Alavi Kia für die Abteilung Neue Lernkonzepte.

Foto © MAK/Nathan Murell

Interdisziplinarität nachgefragt #3

Die VIENNA BIENNALE – noch bis 4. Oktober zu besuchen – ist die erste Biennale, die Kunst, Design und Architektur verbindet. Interdisziplinarität bedeutet dabei in erster Linie Anstoß zur Reflexion: Welche Begriffe sind charakteristisch für die jeweils anderen Disziplinen? Denken KünstlerInnen anders als DesignerInnen, wer spricht in welcher Form über deren Problemlösungen, Formfindung und Arbeitsweise?

Marlies Wirth, MAK-Kuratorin, hat für unseren Blog einige Fragen beantwortet.

Liebe Marlies, was wolltest du der Designbranche schon immer mitteilen?
Ohne Gestaltung bricht die Welt zusammen! Aber das wissen die ja.

Wer ist dein Lieblingsdesigner oder deine Lieblingsdesignerin der Gegenwart?

Ich mag die Arbeiten von Marco Dessí (* 1976, Meran, Italien, www.marcodessi.com) und Patrick Rampelotto (* 1978 in Sterzing, Italien, www.patrickrampelotto.com), zwei junge, befreundete und auf wundervolle Weise sehr unterschiedliche Designer, die ihre Studios in Wien haben. Ich finde es spannend, ihren kreativen Prozess und die Entwicklung neuer Projekte zu beobachten und zu verfolgen. Sie können sich schon mal eine Stunde lang über die Verbindung eines Stuhlbeins mit der Sitzfläche unterhalten oder den perfekten Winkel, das richtige Licht – durch die Details lernt man viel über die grundlegenden Fragen: Was muss Design „können“, was funktioniert, was nicht.

Welches Designobjekt funktioniert für dich nicht?
Es ärgert mich tatsächlich, wenn Details nicht zu Ende gedacht sind, zum Beispiel die Abnutzung von Material, oder wenn Proportionen nicht stimmen …

Kannst du uns eine Ausstellung oder ein Buch zum Thema Design empfehlen?

Letztes Jahr habe ich zusammen mit dem Berliner Architekten Wilfried Kuehn an der großen HOLLEIN-Ausstellung im MAK gearbeitet. Dabei hat uns u. a. Hans Holleins Ausstellungsprojekt MANtransFORMS fasziniert, das er 1976 zur Eröffnung des Cooper-Hewitt National Museum of Design in New York entwickelt hat. Darin wird Design als Transformationsprozess analysiert: Im Zentrum steht der Mensch mit seinen Bedürfnissen (wie Zusammenleben, Essen, Kleidung etc.), unter seiner Hand wird Materie in Gegenstände verwandelt. So kann beispielsweise anhand von einem Stück Stoff der Designprozess bis zur Entwicklung komplexer zivilisatorischer Errungenschaften abgeleitet werden. Vom Schutz des Körpers (Kleidung, Grabtuch) über Architektur (Stoff, als Zelt gespannt) bis hin zu nationaler Identität (Flagge), Energiegewinnung und Mobilität (Windmühle, Segel). Diese Haltung ist für mich ein grundlegendes Thema im Bereich Design. Der originale Ausstellungskatalog dazu ist wie ein Künstlerbuch gestaltet und ebenso visionär wie aktuell (leider ist er bereits vergriffen, aber in vielen Bibliotheken vorhanden, auch im MAK)! Der kurz darauf erschienene Katalog über das Ausstellungskonzept von MANtransFORMS ist ebenso spannend und immer noch erhältlich.

Marlies Wirth kuratierte aktuell die Gruppenausstellung 24/7 the human condition im Rahmen der VIENNA BIENNALE 2015 am MAK.

Ein Beitrag von Noëmi Leemann in Zusammenarbeit mit Sara Alavi Kia für die Abteilung Neue Lernkonzepte.

Fotos © Marlies Wirth