Kathrin Pokorny-Nagel und das MAK

Kathrin Pokorny-Nagel, Leitung MAK-Bibliothek und Kunstblättersammlung/Archiv
© MAK / Mika Wisskirchen

Herbst 1996. Erstes Vorstellungsgespräch nach dem Studium. Aufgeregt. Freundlicher Empfang an der Kassa Stubenring. Verdammt! Warum klacken meine Stöckelschuhe so aufdringlich laut in der leeren Säulenhalle. Emporschreiten über die Treppe unter dem Deckenfresko von Ferdinand Laufberger, vorbei an der Büste von Rudolf von Eitelberger. Eintritt in den hellen modernen Lesesaal. Höfliche Mitarbeiter. Atmosphäre der Ruhe – Kopfraum – Raum für den Geist. Warten. Eingeschüchtert von den überwältigenden historischen Räumlichkeiten der MAK-Bibliothek und Kunstblättersammlung. Knotenpunkt für Wissenschaft und Forschung. Hohe Räume. Altes, dunkles Holz. Tausende alte Buchrücken. Geruch nach jahrhundertealtem Leder. Die beeindruckende Persönlichkeit der Vizedirektorin Hanna Egger. Aufregendes Gespräch, wohlwollende Verbindlichkeit, glücklich. Erster Auftrag und eine Chance: wissenschaftliche Aufarbeitung der Gründungsgeschichte des Museums. Akten, Archive, Bücher, Inventare durchwühlen ­– Ausdauer; geistig sortieren, Kontexte herstellen – Geduld. Publikation erarbeiten, erste CD-ROM durchsetzen – Hartnäckigkeit. Dauer 4 Jahre. Frühjahr 2000: Ausstellung Kunst und Industrie in der großen Ausstellungshalle – die Chance genutzt. Kurze Zeit später: Hanna Egger stirbt – viel zu früh. Leere und Orientierungslosigkeit. März 2001: Übernahme der Leitung der Bibliothek und Kunstblättersammlung. Grobe Schuhe. Verantwortung, intensive  Arbeit, anregende Termine, neue Projekte, Ausstellungen und Publikationen. Hält seitdem ungebrochen an.

MAK goes Milano

Erster klassischer Eindruck am Abend, vorbei am Dom zur Universitá, wo mischer’traxler den BE OPEN Young Talent Award für seine innovative Arbeit gewannen. Dann gleich weiter zu Nodus, dem Hersteller des Teppichs für den MAK Design Salon von formafantasma im Geymüllerschlössel in der Saison 2013, der jetzt erstmals in Mailand vorgestellt wurde und einen stimmungsvollen Höhepunkt im abendlich festlich beleuchteten Klosterkreuzgang bot.

Tags darauf gleich früh hinaus zum Messegelände, wo im Salone Satellite ein x-meterlanger Tisch aus einem ganzen Stamm Mammutbaumholz beeindruckte. Die Präsentationen der jungen Designer punkten weiterhin mit Bezug zu natürlicher Materialität, viel Holz in Kombination mit Glas, Metall oder Porzellan, reduzierte Formensprache und zurückgenommener Farbigkeit in Pastelltönen.

Präsentation in klaren Farben und Formen bestimmen auch das Bild der übrigen Messestände, und Thonet gibt es heuer gleich dreimal zu beobachten.

Bei Rossana Orlandi erinnern die neuen Schalen aus Metallgittern in trendigem Stahl, Messing oder Kupfer von Piet Hein Eek stark an Einflüsse von Josef Hoffmann und könnten demnächst die Produktpalette im MAK Design Shop ergänzen?
Ebenso die Leuchtobjekte von Dennis Parren, der ebenfalls für den BE OPEN Young Talent Award nominiert gewesen ist.

Weiters entdeckten wir neue Arbeiten von Andrea Branzi, der in erstaunlichen Inszenierungen – wie kleine Material-Dioramen – Träume über psychoanalytische Sicht hinaus als lebensnotwendige Inspiration für unsere Kulturen definiert und interpretiert.

Bei Wrong for Hay fanden wir die „textilen“ Gläser der Tela Glassware von Oscar Wanless wieder, der bereits zur letzten blickfang in Wien für die handgefertigten Originale den MAK Design Shop Award gewonnen hat. Inzwischen können sie seriell hergestellt angeboten werden.

Besonders anregend war die Präsentation der ECAL mit spielerisch anmutenden interaktiven Konzepten zum Thema „Delirious Home“ etwa Kakteen, die bei Berührung Töne hervorbrachten, projizierte Lampen oder Vorhänge, die auf Kontakt durch BetrachterInnen reagierten oder Uhren, deren Zeiger mit den Bewegungen der Besucher korrespondierten.

Bei Kvadrat trafen wir den in Paris niedergelassenen Designer Robert Stadler, der den kommenden MAK Design Salon im Geymüllerschlössel gestalten wird.

Der folgende Tag begann mit den design debates im Palazzo Clerici, einem hochbarock ausgestatteten Gebäude mit eindrucksvollen Deckengemälden von Tiepolo im Spiegelsaal sowie unter anderem mit einer neuen Arbeit von formafantasma, mit Studien zu Lava und Basalt als Material und Thema, während Joseph Grima u.a. mit einer Arbeit für spacecaviar über neue Cosmologien vertreten war. Ihn trafen wir mit Hans Ulrich Obrist und VertreterInnen der Londoner Serpentine Gallery zu einem geführten Rundgang durch die Ausstellung im Palazzo Clerici.

Die Präsentation von Rossana Orlandi im historischen Palazzo Bagatti Valsecchi zeigte u. a. neben Exponaten von fornasetti und Marcel Wanders vor allem auch die Lobmeyr-Gläser von formafantasma für den MAK Design Salon im Geymüllerschlössel 2013 und eine ganz neue Arbeit zum Thema „water purification“, mit zauberhaften Gerätschaften aus fein graviertem Glas und Kupfer

Auf dem Weg durch die Stadt kamen wir bei Brioni an schönen Auslagen mit Lampen von Michael Anastassiades vorbei.

Im Viertel Ventura Lambrate mit seinen bekannten innovativen Konzepten interessierte vor allem die Präsentation der Designuniversitäten wie Eindhoven, Burg Giebichenstein oder Den Haag.
Aber auch ein Wiedersehen mit Bekannten freut immer: „Temporäre Vienna Design Week-Reunion“ mit Thomas Geisler, Lilli Hollein und Tulga Beyerle oder Talia Radford mit einem neuen charmanten Interaktions-Projekt.

Am Abend dann zur Österreich-Repräsentanz in der Rotonda della Besana, einem spätbarocken Sakralgebäude, in dem die Außenhandelsabteilung der Wirtschaftskammer heuer die österreichische Kreativwirtschaft mit besonders zahlreichen Exponaten präsentiert und Experten-Treffen ermöglicht. Wie etwa:
chmara.rosinke für Wäscheflott, Oscar Wanless mit silostudio für Riess Email, RoughCutBoard von dottings und die Gastro Collection von POLKA für Vöslauer. Die abendlich beleuchteten Kolonnaden boten einen beeindruckenden Rahmen.

Am letzten Tag stand der Besuch der Triennale-Ausstellung Autarchia, austeritá, autoproduzione auf dem Programm, Klassisches von Enzo Mari, Gio Ponti oder Fornasetti führte direkt zu neueren Arbeiten von formafantasma oder Martino Gamper.
Ein Kurzbesuch in der Zona Tortona führte zu einem Teppich-Objekt von Helmut Lang und die jährliche Handmade-Ausstellung von wallpaper zeigte noch mehr präzise hergestellte, unitäre, konzeptuelle Auftragsarbeiten internationaler DesignerInnen, die in den meisten Fällen Unikate bleiben werden? Wir werden uns etwa bei Carl Auböck nach seiner Atom Clock (Bernhard Hammer) noch genauer erkundigen…

Das eigentliche, persönliche Highlight für mich war sicherlich die von Martino Gamper kuratierte Ausstellung from – to in einer Mailänder Architektenwohnung, wo ausgesuchte internationale Designstudios mit regionalen traditionellen Herstellern neue Produkte entwickelten (ja, ich fühle mich stark an das „‚Passionswege-Konzept“ der Vienna Design Week erinnert). Zum Besuch mussten wir uns vorab per E-Mail registrieren und versprechen, die Information nicht weiterzugeben, nach Eingangskontrolle wurde man persönlich im 2. Stock am Eingang empfangen und musste einen „Vertrag’“ unterzeichnen, der fotografische Aufnahmen und Publikation ausschloss. Derlei klandestine Rahmenbedingungen tragen natürlich zur Mythenbildung bei, dennoch muss ich zugeben, dass die persönliche Präsentation durch die DesignerInnen selbst in hinreißendem Interieur zweifellos ihre Wirkung nicht verfehlte und damit nachhaltig beeindruckt.

Und die eine oder andere Neuentdeckung werden wir sicherlich weiter verfolgen… Die Aussicht auf 2015 mit der EXPO in Mailand verspricht spannende Perspektiven und neue Horizonte.

Die Sprache der Dinge

Geschichten aus dem MAK. Diesmal mit Frau Elisabeth Schmuttermeier, Leiterin des Wiener Werkstätten Archivs und Kustodin der Sammlung Metall

© MAK

Die Sprache der Dinge
Meine ersten Erinnerungen an das MAK, damals noch Österreichisches Museum für angewandte Kunst, stammen aus meiner frühen Kindheit.
Ich bin in der Nähe des Museums, in der Schellinggasse, aufgewachsen und wurde, wenn meine Mutter und meine Großmutter im Dezember keine Zeit für mich hatten, von meinem Großonkel betreut. Dieser war vor seiner Pensionierung bei dem Reifen- und Gummierzeuger Semperit als Leiter der Filiale Praterstraße tätig. Da mein Großonkel ein gutes Einvernehmen mit seinen früheren Angestellten hatte, besuchte er sie auch nach seiner Pensionierung. Daher war, als ich vier oder fünf Jahre alt war, mindestens einmal im Monat die Filiale Praterstraße Ziel unserer gemeinsamen Spaziergänge. Ich habe mich immer dagegen gesträubt, weil für mich kleines Kind der Weg bis dorthin lang und nicht unterhaltsam genug war. Es gab keine Geschäfte, in die ich schauen konnte, sondern nur große, abweisende Häuser, an denen wir entlanggegangen sind. Das einzige „Haus“ auf der Strecke, das ich gerne passiert habe, war das MAK. Dort wurde ich hochgehoben und durfte auf dem 70 cm hohen, die Stubenringfassade des Museums sich teilweise entlangziehenden Podest gehen oder laufen. Somit war ich fast gleich groß wie die Erwachsenen – damals ein Traum! Der zweite Verführungspunkt auf unserem Weg war das Versprechen, mir beim Maronibrater bei der Urania Maroni zu kaufen.
Somit haben meine ersten Erinnerungen an das MAK nichts mit der darin aufbewahrten Kunst, sondern mit der Besonderheit der Architektur zu tun. Während der vielen Jahren im MAK konnte ich immer wieder Kinder beobachten, die wie ich von dem Podest angezogen, darauf gegangen oder gelaufen sind. Die Sprache der Dinge ist zeitlos.
Elisabeth Schmuttermeier

© MAK

 

 

 

 

 

Die ersten Einreichungen

Ein Lehrzeugnis der Kunstgewerbeschule
Foto: © MAK

Letzte Woche startete der Aufruf zum Jubiläumsprojekt rund um kollektive Erinnerungen und das MAK. Das MAK wird 150. Jahre alt und so schauen wir zurück. Wir fragten wie sich dieser Ort der Kunst, der Interaktion und der Interkreativität in der kollektiven Erinnerung seiner BesucherInnen erhalten hat. Was ist an Filmen, Fotografien, Souvenirs oder Memorabilien über die Jahre erhalten geblieben?

Teile einer Handtasche
Foto: © MAK

 

Ein Stickrahmen aus Holz
Foto: © MAK

Heute wurden die ersten Objekte im MAK abgegeben: Es sind Erinnerungsstücke an eine Tante Maria, die 1909 – 1912 an der Kunstgewerbeschule war. Am 10. Jänner wurde sie „freigesprochen“ und schloss die Lehre Kunststickerei erfolgreich ab.
1909 wurde Kunstgewerbeschule und das Museum getrennt. Die Kunstgewerbeschule (heute: die angewandte) bleibt dem Ministerium für „Cultus und Unterricht“ unterstellt. Außerdem wurde nach dreijähriger Bauzeit der Erweiterungsbau des Museums (heute: Weiskirchnerstraße 3, Wien 1) eröffnet. Das Museum erhielt dadurch Räume für Sonder- und Dauerausstellungen.

Noch bis zum 30. Juni können Erinnerungsstücke im MAK abgegeben oder an 150Jahre@MAK.at gesendet werden. Weitere Informationen: hier

Das MAKlite

Das MAK wird 150. Jahre alt. Wir haben Rudolf Wuits, Leitung der Zentralen Dienste, nach seinem ganz persönlichen Highlight gefragt.

© MAK

Einer der Highlights war die Eröffnung und Inbetriebnahme des MAKlite von James Turrell im Jahre 2004. Schon die Installation war eine Herausforderung. Aber nichts gegen die Eröffnung: Noever wollte einen Megaevent daraus machen und dies gelang uns auch.

© MAK/Georg Mayer

Zuerst ersuchten wir die MA 46 (Abteilung Verkehrsorganisation und technische Verkehrsangelegenheiten der Stadt Wien) um eine Genehmigung der Sperre der Nebenfahrbahn Stubenring zwischen Oskar-Kokoschka-Platz und Weiskirchnerstraße. Außerdem erfragten wir ein Parkverbot in diesem Bereich, um Platz für die zu erwartenden Besuchermassen zu schaffen. Nachdem beides genehmigt wurde, versuchten wir das Unmögliche: eine Genehmigung zur Sperre der Ringstraße. Schließlich erreichten wir nach harten Verhandlungen, dass die Ringstraße teilweise und für kurze Zeit gesperrt wurde.

Dann begann der Spaß. Wir bauten auf die Ladefläche eines GMC eine Halterung. Am Abend brachten wir den GMC zum Oskar-Kokoschka-Platz. Dort stieg Turrell auf den GMC und stellte sich auf die Ladefläche, wo er sich an der Halterung festhalten konnte. Dann setzte sich der GMC ­­– begleitet von vier Securitys – über die gesperrte Ringstraße in Schritttempo Richtung MAK in Bewegung. In Höhe des Haupteinganges hielt der Chauffeur, Herr Hohler-Rössel, das Auto an. Die Securitys sicherten das Auto nach allen Richtungen so ab, wie wenn jeden Moment der amerikanische Präsident ankommen würde. Dann streckte James Turrell ­– begleitet von tausenden Blicken – seinen rechten Arm Richtung MAK aus und betätigte einen Laserpointer. In diesem Augenblick schaltete sich das MAKlite ein (durch einen Techniker, der zeitgleich den Schalter im Haus betätigte) und alle waren total begeistert. Sogar der ORF machte einen Live-Einstieg.