Industrie Design heute – Nischen bauen und Grenzen überschreiten

Passionswege 2009: Adam Wehsely-Swiczinsky mit Hornmanufaktur Petz
© kollektiv fischka

Schon im 19. Jahrhundert wurden in Wien die Produktionsbetriebe und Manufakturen in die Billiglohnländer der Monarchie bzw. zu Handelsnachbarn ausgelagert. Zurück blieben viele hochklassige Handwerksbetriebe und natürlich die Verwaltung. Einige dieser Betriebe existieren bis heute, sie haben sich Nischen geschaffen oder sich in solchen etabliert. Das macht Wien zu einer durchaus schwierigen, aber spannenden Umgebung für Industrie-Designer. So muss sich auch jedes Designbüro seine Nische bauen und vor allem grenzüberschreitend agieren.

Genau diese Situation machte sich die Neigungsgruppe Design (Tulga Beyerle, Lilli Hollein, Thomas Geisler) 2006 bei den ersten Passionswegen zunutze: Sie spannte lokale wie internationale Designer mit traditionellen Wiener Betrieben zusammen, das Ergebnis dieser Tandems konnte auf einem Spaziergang durch die Stadt von einem Betrieb zum nächsten erfahren werden. Für 2007 entwickelte die Neigungsgruppe aus diesem Kernformat die von nun an jährlich stattfindende VIENNA DESIGN WEEK.

Die Ausstellung WerkStadt Vienna. Design Engaging the City zeigt einige dieser Kooperationen und spannt erstmals den Bogen über die bisherigen sechs Festivaljahre. Und sie hebt diese Zeugnisse erstmals auf ein museales Niveau.

Wir (ich und mein Partner Ewald Neuhofer) haben zweimal, 2009 und 2011, mit mehreren Projekten an der VIENNA DESIGN WEEK teilgenommen. Und es war jedes Mal eine eigene Herausforderung, sich auf die Themen und Kooperationen mit unseren konkurrierten Partnern einzulassen. Als Industrie-Designer, die es gewohnt sind, komplexe Anforderungen der Industrie in Lösungen zu gießen, gibt uns die VIENNA DESIGN WEEK immer wieder die Möglichkeit, uns in der eigenen Stadt konzeptionell mit Themen und ganz speziellen Charakteren der Wiener Wirtschaft auseinanderzusetzen und so in Diskussion mit dem Publikum zu kommen, von dem man im alltäglichen Arbeitsprozess im Normalfall durch Produktmanagement, Entwicklung, Fertigung, Verpackung und Vertriebspartnern getrennt ist.

Einen für mich persönlich wichtigen Teil der VIENNA DESIGN WEEK, der natürlich auch auf die Ausstellungseröffnung von WerkStadt Vienna zutraf, möchte ich nicht ungenannt lassen: Unser jährliches Festival ist so etwas wie ein erweitertes Klassentreffen der Wiener Designszene und gibt Platz und Raum, sich mit seinen Kollegen auszutauschen, gemeinsam zu trinken, gemeinsam zu diskutieren.

Prost Mahlzeit
Adam*

* Adam Wehsely-Swiczinsky ist ein österreichischer Produktdesigner und Musiker.

MAK inside: Introducing NIPPON CHINBOTSU Japan sinkt. Ein Manga

© Nils Gabriel

Die Ausstellung behandelt den 1973 erschienen Manga von Sakyo Komatsu, die den Untergang Japans durch Erdbeben zum Thema hat.

© Nils Gabriel

Anhand von Originalen wird die Entstehung des Mangas nachvollzogen, von den ersten Ideenskizzen über die unterschiedlichen Stufen der Reinzeichnung bis hin zum fertigen Druck.

© MAK

Filmische Animation erlauben es, Ishiki bei der Arbeit „über die Schulter“ zu schauen und mitzuerleben, mit welcher Genauigkeit und Geduld Manga entstehen

© Nils Gabriel

Der Manga-Zeichner Tokihiko Ishiki stimmt sich auf sein Interview für das MAK ein. Auch im MAK wird bereits fleißig vorbereitet.

Nippon Chinbotsu. Japan sinkt! Ein Manga (16.1.-21.4.2013) MAK-Ausstellungshalle

 

WIEN 1900 inspiriert

Schaufenster zum MAK
Marco Dessí: Dagobert Peche Revisited, 1913/2012
Der Designer Marco Dessí interpretiert den Salonschrank von Dagobert Peche (Wiener Werkstätte) neu. Eine Intervention in Wien Mitte – The Mall anlässlich der Neuaufstellung der Schausammlung WIEN 1900 – Wiener Kunstgewerbe 1890–1938.

Als Wien um 1900 mit rund zwei Millionen EinwohnerInnen nach New York, London und Paris die viertgrößte Stadt der Welt war, war es Zentrum einschneidender kultureller, wissenschaftlicher und gesellschaftspolitscher Entwicklungen. Sigmund Freud, Josef Hoffmann, Gustav Klimt, Adolf Loos, Arthur Schnitzler, Otto Wagner und nicht zuletzt das Kollektiv der Wiener Werkstätte stehen für diese Blütezeit der Wiener Moderne, in der auch das Kunstgewerbe eine Vorreiterrolle einnahm. Die Highlights dieser Zeit, ihre Vorläufer, Inspirationen, Auswirkungen und Ausläufer (1890–1938) zeigt das MAK nun in einer ersten Stufe der Neuaufstellung der Schausammlung WIEN 1900 – Wiener Kunstgewerbe 1890–1938 (bis 17.3.2013).

Dass Wien um 1900 und die Errungenschaften dieser Zeit auf dem Gebiet der modernen Gestaltung auch heute noch Inspiration für viele unserer Alltagsgegenstände, Möbel und Architekturen sind, zeigt der junge Designer Marco Dessí. Für das MAK-Schaufenster interpretierte er den Salonschrank eines Empfangssalons von Dagobert Peche, entstanden 1913, in seiner eigenen Ästhetik und setzte dieses Stück so um wie man es heute, fast 100 Jahre später, wohl entwerfen und anfertigen würde. Dazu hat Dessí das Möbel von Peche eingehend studiert und jene Merkmale herausgesucht, die es so ungewöhnlich und spannend machen.

Dagobert Peche (1887-1923), Salonschrank eines Empfangssalons, präsentiert auf der 45. Secessionsausstellung 1913, Wien, 1913, Ausführung: Jakob Soulek, Birnbaumholz schwarz gebeizt, Lindenholz geschnitzt u. vergoldet.
Marco Dessí (*1976), Dagobert Peche Revisited, Wien, 2012, Ausführung: Marco Dessí, Karl Neubauer (MAK), Birkensperrholz gelb gebeizt, CNC-gefräst, Stahlrohr pulverbeschichtet

Entgegen der vorherrschenden minimalistischen Reduktion verweigerte sich Peche, seit 1916 einer der Direktoren der Wiener Werkstätte und federführend für viele der heute berühmten Wiener Werkstätte-Designs, dem kunstwissenschaftlichen Ordnungsbedürfnis und ließ die Fantasie hochleben. Das Original, ein schwarz gebeizter Schrank aus Birnbaumholz mit vergoldeten Ornamenten verziert, wirkt wie ein dreidimensionales Tapetenmuster – ein flächig gedachtes Möbel mit eigenwilligen Proportionen, ein massiver Korpus auf acht grazilen, geradezu tänzelnden Beinen – ein Möbel, das unweigerlich alle Blicke auf sich zieht. Die Inszenierung ist hinterlegt mit dem Tapetenentwurf Das Schilf IIvon Dagobert Peche aus dem Jahr 1922.

Ab 30.1.2013 zeigt der Marco Dessí seine Arbeiten in der Ausstellung STILL LIFE im Rahmen der Ausstellungsreihe ANGEWANDTE KUNST. HEUTE.

Marco Dessí (* 1976 in Meran, Italien) studierte nach einer technischen Ausbildung Industrial Design an der Universität für angewandte Kunst Wien. 2007 gründete er sein eigenes Designstudio. Die konsequente Verknüpfung von Funktion, Konstruktion und Ästhetik interessiert den Designer, dessen Arbeitsweise immer das Verständnis und die Nähe zum Produktionsprozess voraussetzt.
> marcodessi.com

Dagobert Peche(*1887 in St. Michael … 1923 in Mödling) studierte 1908–1911 in Wien, zunächst Maschinenbau an der technischen Hochschule, danach Architektur an der Akademie der Bildenden Künste. Obwohl seine Formensprache stilistisch anfangs eher dem Barock und Rokoko verpflichtet ist, interessiert sich Peche sehr für die Standardisierung der Formen und die neuen Möglichkeiten der industriellen Serienproduktion von kunsthandwerklichen Objekten. Zeitlebens hat Peche großen Einfluss auf das Design der Wiener Werkstätte, als einer ihrer kreativsten Vertreter entwirft er etwa 3.000 Objekte, darunter Keramik, Möbel, Bucheinbände, Schmuck, Mode, Textilien oder auch Christbaumschmuck.

Das Café Griensteidl als Treffpunkt der Schriftsteller des „Jung Wien“

Wien um 1900, das war auch die Blütezeit der Wiener Kaffeehäuser. Sie wurden fast ausschließlich von Männern besucht – Frauen durften nur in Begleitung hinein – und dienten oft dem Spiel und der Unterhaltung. Wer einen Kaffee bestellen wollte, suchte ihn sich nach der Farbe aus, denn die verschiedenen Kaffeevariationen hatten noch keinen Namen. Friedrich Torberg berichtet, dass ein Kellner des Café Herrenhof immer eine Farbskala mit zwanzig nummerierten Brauntönen mit sich trug, um die gewünschte Farbtönung servieren zu können.

Die Geschichte des Wiener Kaffeehauses beginnt schon sehr viel früher. Als es 1683 dem kaiserlichen Heer gelang, die Belagerung Wiens aufzuheben und die Türken in die Flucht zu schlagen, fielen den Siegern etliche Säcke mit Kaffee in die Hände. Zwei Jahre später, so belegen Dokumente, wurde das erste Kaffeehaus gegründet, 1700 waren es bereits vier. In diesem Jahr erhielten sie von Kaiser Leopold I. das exklusive Recht, Kaffee in Wien auszuschenken. Von Jahr zu Jahr kamen neue Kaffeehäuser dazu, 1819 zählte man bereits 150 Kaffeesieder.

Wiener Werkstätte Postkarten

Das Café Griensteidl

1847 wurde dann das Café Griensteidl gegründet, das sich schnell zum Treffpunkt für Politiker entwickelte und sich für kurze Zeit National-Café nannte. Jahre später trafen sich dort die freisinnigen Kräfte Wiens, während die gemäßigten und konservativen Kreise eher im Café Daum verkehrten, berichtete Sigmund Wilhelm 1912 (in: Hans Weigel, Das Wiener Kaffeehaus, Wien 1978).

Bekannt wurde das von Heinrich Griensteidl gegründete Café aber vor allem als Treffpunkt der Schriftsteller des „Jung-Wien“. Kopf dieser Gruppe war Hermann Bahr, der von 1894 bis 1904 die Wochenzeitschrift Die Zeit herausgab. Die „Kaffehausliteraten“, zu denen unter anderem Arthur Schnitzler, Richard Beer-Hofmann und Hugo von Hofmannsthal gehörten, lehnten den Naturalismus ab und bereiteten den Weg für eine literarische Moderne, mit der Hermann Bahr sich von der Gründerzeit und dem Historismus abheben wollte, wie Wendelin Schmidt-Dengler in „Literatur – zwischen Dekadenz und Moderne“ (in: Traum und Wirklichkeit – Wien 1870–1930, Wien 1985) schreibt. Für Schmidt-Dengler stellt das Jahr 1890 eine „wichtige Zäsur in der österreichischen Literaturgeschichte“ dar, nach der neue Leitbilder verbindlich wurden, wie er weiter schreibt (S. 304).

Aber die Gruppe „Jung-Wien“ musste auch viel Kritik einstecken, vor allem von Karl Kraus, der in seinem 1897 veröffentlichten Pamphlet Die demolirte Litteratur die Kaffeehausliteraten heftig kritisierte. Dabei habe es sich nicht um eine mehr oder weniger belanglose Literatenfehde gehandelt, schreibt Schmidt-Dengler in seinem Aufsatz und fährt fort: „Seine Kritik ist von Anfang an vom Kampf gegen den Missbrauch der Sprache her organisiert. Kraus erblickte in der Sprache die einzige untrügliche Instanz; Sprachmoral wurde mit Moral gleichgesetzt, und die Entlarvung des Sprachmissbrauchs ist zugleich Entlarvung der Missetat. (S. 306).

Mit dem Titel der demolierten Literatur knüpfte Kraus an eine ein Jahr zuvor gemachte Äußerung an: „Wien wird jetzt zur Großstadt demolirt. Mit den alten Häusern fallen die letzten Pfeiler unserer Erinnerungen und bald wird ein respektloser Spaten auch das ehrwürdige Café Griensteidl dem Boden gleichgemacht haben“ (zitiert aus: Hans Weigel, Das Wiener Kaffeehaus, Wien 1978, S. 62). 1897 kam dann das Ende. Im Zuge der Umbauarbeiten am Michaelerplatz wurde das Haus abgerissen, erst seit 1990 gibt es an diesem Ort wieder ein Café Griensteidl.

MAK NITE Lab: BUILD AND DESTROY

Es ist immer erfreulich, wenn Spannendes in unmittelbarer Nachbarschaft passiert!
So geschehen beim letzten MAK NITE Lab am Dienstag, 4. Dezember 2012: mit den Toy-Kit Architectures, einer Architekturperformance von Rainer Prohaska.

© MAK/ Wißkirchen

Das als partizipatives Experiment angelegte Ereignis lebte von der Aktion mit den teilnehmenden Gästen des Abends. Aus etwa 1.000 in einem kompakten Block gestapelten Holzprofilen entstand rasch eine temporäre Projektionswand, auf der vorangegangene Projekte des vormaligen MAK-Schindler-Stipendiaten präsentiert wurden, wobei dieser zeigte, dass er mit allen Elementen (zu Land, zu Wasser und hoch in der Luft – wie noch zu erleben war) und crossdisziplinär Veränderliches und augenblicklich Reaktives anzufangen weiß.

© MAK/ Wißkirchen

Leider gab es diesmal nichts zu essen … denn:

In der zweiten Phase wurde dann aus dem vorhanden Material eine möglichst hohe turmartige, teils recht fragile, temporäre Skulptur mitten in der Säulenhalle aufgebaut, anfangs noch unter reger Teilnahme des Publikums  – und es erinnerte zeitweise stark an „KAPLA für Große“! Intensität und kindliches Staunen hielten mich bis zum Ende der Aktion gespannt, als es schließlich darum ging,  den luftig hohen Turm mit großem Getöse wieder zu Fall zu bringen. Die Spannung übertrug sich durchs ganze Haus, als auch sämtliche AusstellungsbesucherInnen plötzlich aus allen Sälen in die Säulenhalle kamen, um den finalen Akt des Geschehens zu beobachten! Ein anscheinend „einfaches“ Unterfangen, doch dauerte der Abriss selbst überraschend lange.

Insgesamt ein gelungener Höhepunkt als abschließende Performance der MAK NITE Lab-Veranstaltungen!
Und macht neugierig, wie es nächstes Jahr weiter geht!