„Werkstätte Hagenauer Wien“. MAK-Blog gibt Einblick in das faszinierende Archiv, das derzeit bearbeitet wird

Seit März 2015 wir das Archiv der „Werkstätte Hagenauer Wien“ in der MAK-Sammlung Metall und Wiener-Werkstätte-Archiv bearbeitet. Die Objekte und archivalischen Quellen der Werkstätte Hagenauer öffnen interessante Einblicke in die künstlerischen Produktionsprozesse und Arbeitsweisen sowie das große Repertoire des Familienunternehmens, einem der erfolgreichsten kunstgewerblichen Metallverarbeitungsbetriebe zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Wien. Darüber hinaus dokumentiert es aufschlussreiche Aspekte über die Entwicklungsgeschichte des österreichischen Kunstgewerbes von 1898–1987.

 

Ende des Jahres 2014 erwarb das MAK im Zuge einer umfassenden „Hagenauer Nachlassauktion“ mit großzügiger Unterstützung von Richard Grubman und dem Auktionshaus im Kinsky Teile aus der betrieblichen Hinterlassenschaft des Metallbildhauers Franz Hagenauer (1906–1986). Damit wurde der Grundstein für das Archiv der „Werkstätte Hagenauer Wien“ im MAK gelegt. In den darauffolgenden Jahren folgten weitere Teile durch großzügige Schenkungen seiner Tochter und Universalerbin Caja Hagenauer.

Aus dem Künstler- und Geschäftsnachlass nach Franz Hagenauer hat das MAK bedeutende Objekte aus der Geschäftseinrichtung und Werkstatterzeugnisse übernommen, wie Halbfabrikate, Rohlinge, Musterstücke, Modeln, Formen, Modelle und plastische Entwürfe. Besonders wertvoll für weitere Forschungstätigkeit ist das betriebliche Dokumentationsmaterial: historische Fotos der künstlerischen Produkte, Skizzen, Entwürfe, Umzeichnungen und Schablonen zu den Erzeugnissen sowie korrespondierende Modellbücher, Kalkulationsbücher und Geschäftsunterlagen.

 

Werkstätte Hagenauer Wien

Franz Hagenauer stammte aus einer Künstlerfamilie. Schon sein Vater, der Gold- und Silberschmied, Gürtler, Bronzearbeiter und Ziseleur Carl Rudolf Hagenauer (1872–1928) hatte im Jahr 1898 seine erste metallverarbeitende Werkstätte in Pressburg gegründet. 1901 übersiedelte Carl samt Betrieb nach Wien. Seine Söhne, die Metallbildhauer Karl und anschließend Franz, führten das Familienunternehmen bis zur Schließung im Jahr 1987 weiter.

Carl Hagenauer widmete sich vorerst der Herstellung klassischer „Wiener Bronzewaren“ in historisierendem Stil. Um 1900 wandte er sich dem linearen Jugendstil zu, während Form und Dekor der Erzeugungen ab 1909 vom Einfluss der Wiener Werkstätte geprägt sind. Beide Söhne studierten an der Wiener Kunstgewerbeschule bei Mitgliedern der Wiener Werkstätte und arbeiteten gleichzeitig im väterlichen Betrieb mit, der seinerseits auch für die Wiener Werkstätte tätig war.

 

Karl Hagenauer (1898–1956), Architekt, Metallbildhauer, Gold- und Silberschmied, Ziseleur und Gürtler orientierte sich zunächst an den Stiltendenzen der Wiener Werkstätte, wie die große Ähnlichkeit seiner Entwürfe zu Arbeiten von Dagobert Peche zeigt. Karls Vorliebe für geschwungene Linien mit verspielten, fließenden Formen und floralen Motiven wurde zunehmend durch klare geometrische Konturen und funktionale, schmucklose Gestaltung in Anlehnung an seinen Lehrer Josef Hoffmann ersetzt.

 

Zu Hagenauers Produktionen Ende der 1920er Jahren zählten Darstellungen von Menschen und Tieren, funktionalisiert zu dekorativen Gebrauchsgegenständen wie Lampenfüße, Aschenbecher, Briefbeschwerer, Buchstützen, Aschentöter, Stempel, Flaschenöffner etc., aus den Werkstoffen Messing, Kupfer, Email, Elfenbein, Stein und Holz. Diese Erzeugnisse der Marke Hagenauer wurden weltbekannt und bis in die USA exportiert.

 

Ab 1930 nahm die Werkstätte Hagenauer die Herstellung von Möbel in ihr Produktionsprogramm auf. Der Architekt Julius Jirasek (1896–1966), ein Studienkollege Karls an der Kunstgewerbeschule konnte für seine Mitarbeit im Familienbetrieb gewonnen werden. Die neue Formensprache der Möbel war geprägt von funktionalem, einfachem und schmucklosen Design und wurde damit den stilistischen Anforderungen einer „Neuen Sachlichkeit“ gerecht, als deren Wegbereiter sowohl Karl als auch Jirasek für alle Gebiete des Kunstgewerbes gelten.

Julius Jirasek, Schreibtisch
Julius Jirasek, Schreibtisch, Nussholz furniert, 1948 © MAK

 

Franz Hagenauer (1906–1986), Metallbildhauer und Gürtlermeister, beendete 1925 sein Studium an der Wiener Kunstgewerbeschule und trat im selben Jahr in den väterlichen Betrieb ein. Sehr früh konzentrierte er sich bei seinen Metallarbeiten auf die Technik des Blechtreibens. Wie sein Bruder ging Franz stilistisch aus der Wiener Werkstätte hervor, die den Hanak-Schüler bereits 1923 mit einem hochdotierten Preis für die Anfertigung einer getriebenen „Blechplastik“ auszeichnete.

 

Ende der 1920er Jahre entwarf Hagenauer eine Reihe von getriebenen Metallköpfen, die stilistische Nähe zum Art Deco und der „Neuen Sachlichkeit“ aufweisen. In seinen „gesichtslosen“ Plastiken reduziert der Bildhauer den menschlichen Körper in konsequenter Weise auf seine geometrischen Grundformen.

In der Nachkriegszeit widmete sich Franz zunehmend der Produktion von Gebrauchsgegenständen. Neben der Verarbeitung von Metall nahm er aufgrund der allgemeinen Materialknappheit den Werkstoff Holz in sein Produktionsprogramm auf. Daraus ließ er Aschenbecher, Leuchter, Besteck, Lampen, Möbel, etc. herstellen, die auf ihre klare, sachliche Form ohne jegliches Dekor beschränkt sind.

 

Das Archiv der „Werkstätte Hagenauer Wien“ im MAK

Als die hauptsächlich zweidimensionalen Unterlagen aus der Werkstätte Hagenauer im MAK ankamen, handelte es sich um großteils unsystematische Stapel loser Papiere, wahllos in Transportkisten abgelegt.

Das „Lüften“ der Geheimnisse dieser Kisten und Mappen zählte wie das Auspacken von Geschenken zu einer ersten spannenden Aufgabe. Archivmaterial, Entwürfe und Fotografien mussten mit Rücksicht auf ihre Entstehungszusammenhänge nach Sachbegriffen geordnet werden, um die Bestände systematisch zu inventarisieren und digital zu erfassen. Dabei wiederum wird für die Sicherung und Erhaltung der Unterlagen Vorsorge getroffen: Fotos werden in säurefreien Kuverts und Archivkartons archiviert, Entwürfe gereinigt und in säurefreiem Seidenpapier sowie Mappen konserviert, etc.

Im Anschluss daran werden die historischen Dokumente für wissenschaftliche Zwecke ausgewertet, die Informationen aus den Quellen untereinander abgeglichen sowie digital verknüpft und schließlich in die MAK-Sammlung online gestellt, wodurch nicht zuletzt eine systematische Aufarbeitung und damit Neubewertung der Bestände ermöglicht wird.

Ein Beitrag von Maria-Luise Jesch, Sammlungsmitarbeiterin der MAK-Sammlung Metall und Wiener-Werkstätte-Archiv

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