Ein Wohnzimmer lädt zum „Hinauswohnen“ aus den eigenen vier Wänden ein

Unsere Autorin Marlene Maier, Volontärin der VIENNA BIENNALE 2015: IDEAS FOR CHANGE, hat sich im Wiener Sonnwendviertel mit dem Wohnbauprojekt WOHN_ZIMMER Sonnwendviertel von Klaus Kada beschäftigt und Gespräche mit den BewohnerInnen geführt. Begleitet wurde sie von Barbara Taxacher, die mit ihrer Tochter im – nach der Theaterbühne im Erdgeschoss benannten – roten „Theaterhaus“ des WOHN_ZIMMER lebt. Wie alle Gemeinschaftsbereiche in der Wohnanlage kann auch die Theaterbühne von allen BewohnerInnen benutzt werden.

Als Volontärin der VIENNA BIENNALE 2015 habe ich mich intensiv mit der Vision des von Architekt Klaus Kada konzipierten Wohnbauprojekts beschäftigt. In der Tradition des Wiener Wohnbaus reiht sich das Projekt in eine Vielfalt der Modelle des sozialen, genossenschaftlichen und öffentlichen Wohnbaus ein, die oft über die reine Wohnversorgung hinausgehen und wichtige soziale Infrastrukturen versprechen. Was in anderen Städten nur im hochpreisigen Segment denkbar ist, soll hier durch die gezielte Mischung von geförderten und frei finanzierten Wohnungen für unterschiedliche Einkommensgruppen erschwinglich werden.

Während Barbara und ich vom Innenhof bis zum Kräutergarten auf dem Dach einmal quer durch die Anlage spazieren, wird mir klar, dass hier vieles zum Austausch einlädt. Da sind die zahlreichen Balkone, über die Kinder kommunizieren und sich verabreden, die auffallenden, gelben Brücken, die viel mehr verbinden als bloß die unterschiedlichen Bauteile. Kino, Kletterhalle, Proberaum, Gemeinschaftsküche oder das Wellnesscenter – was diese Orte versprechen, ist die Möglichkeit einer lebendigen Gemeinschaft. Und tatsächlich erzählen BewohnerInnen begeistert von regelmäßig stattfindenden Filmabenden, Kochkursen und wöchentlichen Jam-Sessions.

Bald nach ihrem Einzug hat Barbara viele alte Bekannte wiedergetroffen, die zufälligerweise auch im Sonnwendviertel gelandet sind. Eine von ihnen ist Pia Lichtblau, die sich im BewohnerInnenbeirat engagiert. Für sie ist der Alltag im WOHN_ZIMMER von vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten, aber auch von Vermittlungsprozessen geprägt. Die „Spielregeln“ der Nutzung aller Gemeinschaftseinrichtungen werden von den BewohnerInnen selbst bestimmt. Diskutiert und verhandelt wird vorwiegend über soziale Medien. Momentan beschäftigt sich eine Gruppe mit der Gestaltung und Bepflanzung des Innenhofs. Dass ihr Zuhause längst zum städtebaulichen Vorzeigeprojekt avanciert ist und Führungen für Interessierte seither zum Alltag gehören, sehen die BewohnerInnen gelassen. Eigentlich macht sie das sogar ein wenig stolz.

Ein Beitrag von Marlene Maier in Zusammenarbeit mit Noëmi Leemann für die Abteilung Neue Lernkonzepte.

Fotos © Marlene Maier

 

 

 

Interdisziplinarität nachgefragt #2

Die VIENNA BIENNALE – noch bis 4. Oktober zu besuchen – ist die erste Biennale, die Kunst, Design und Architektur verbindet. Interdisziplinarität bedeutet dabei in erster Linie Anstoß zur Reflexion: Welche Begriffe sind charakteristisch für die jeweils anderen Disziplinen? Denken KünstlerInnen anders als DesignerInnen, wer spricht in welcher Form über deren Problemlösungen, Formfindung und Arbeitsweise?

Thomas Geisler, Kustode der MAK-Sammlung Design, hat für unseren Blog einige Fragen beantwortet.

Lieber Thomas, was wolltest du der Architekturbranche schon immer mitteilen?
Design ist NICHT Architektur im Kleinen. Es sind idente Entwurfsprozesse. Selbst der Maßstab ist nicht unbedingt ein Unterscheidungskriterium – vor allem in Zeiten der Digitalisierung. Gebaute Architektur hat jedoch per se eine höhere Haltbarkeit – nicht immer zum Vorteil –, aber Design könnte davon noch lernen.

Wer ist dein Lieblingsarchitekt oder deine Lieblingsarchitektin der Gegenwart?
Es gibt unterschiedliche Qualitäten, die ich an unterschiedlichen Architekten und Architektinnen schätze. Noch komme ich nicht in die Verlegenheit, eine Auswahl für mein Traumhaus treffen zu müssen. Zaha Hadid wird es nicht, so viel steht jedoch fest.

Was magst du an deiner Wohnung gar nicht?
Dass sie zu klein ist, wenn ich Gäste habe, und zu groß, wenn ich allein sein möchte.

Kannst du uns eine Ausstellung oder ein Buch zum Thema Architektur empfehlen?
Bernhard Rudofskys Architecture Without Architects: A Short Introduction to Non-Pedigreed Architecture von 1964.

Thomas Geisler ist Kustode der MAK-Sammlung Design. Gemeinsam mit Harald Gruendl hat er im Rahmen der VIENNA BIENNALE 2015 die Ausstellung 2051: Smart Life in the City kuratiert.

Ein Beitrag von Noëmi Leemann in Zusammenarbeit mit Sara Alavi Kia für die Abteilung Neue Lernkonzepte.

Foto © MAK/Nathan Murell

Valentin Ruhry – Bitcoin und Instagram


Valentin Ruhry in der Ausstellung, 2014
© MAK/Marlies Wirth

Valentin Ruhry ist bekannt für seine minimalistischen Skulpturen und seine absolute formale Konsequenz. Er versteht sich als Bildhauer mit recherchebasiertem, konzeptuellem Approach. Oft arbeitet der Künstler mit dem Medium Licht als Material, bzw. untersucht Alltagsobjekte auf ihre physikalisch messbaren Eigenschaften (wie Spannung, Reibung, etc.). Valentin (*1982 in Graz) studierte Bildhauerei bei Erwin Wurm an der Wiener Angewandten und am National College of the Arts in Oslo, Norwegen.

Bei einem mehrmonatigen Aufenthalt in den USA im Vorfeld der MAK-Ausstellung vertiefte der Künstler seine Recherchen zu dezentralen Märkten und alternativen Währungen, und dem „neuen“ Kunstmarkt, der auf sozialen Netzwerken wie Instagram über digitale Emotion getriggert wird. Bereits Anfang des Jahres hatte er gemeinsam mit dem Künstler Andy Boot ein Projekt gestartet, das sich im Kontext der Cyberwelt mit dem Kunstmarkt beschäftigt: Auf der Plattform www.cointemporary.com bieten Ruhry und Boot Arbeiten anderer Künstler unterschiedlicher Generationen zum Verkauf an. Bezahlt werden soll in der alternativen Währung Bitcoin, mit dem Ziel eine kritische Hinterfragung des faktischen Marktwerts von Kunstwerken anzukurbeln.

„Das Internet ist technisch gesehen eine dezentrale Infrastruktur, die sich jedoch durch die Omnipräsenz und das Zusammenwirken globaler Unternehmen immer mehr zu einer digitalen Diktatur entwickelt.“, sagt Valentin, der sich im Kontext mit der MAK-Ausstellung für wirtschaftsökonomische Grundlagen interessiert und u.a. auf den österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter (1883–1950) verweist.

Dabei gibt es auch eine Verbindung zu Marshall McLuhan, der in seinem Buch The Global Village das World Wide Web fast dreißig Jahre bevor es erfunden wurde als „weltumspannende Dorfgemeinschaft“ prophezeite. Die „digitale Diktatur“ findet sich auch in Dave Eggers The Circle (2013) wieder, wo das Prinzip Sharing is Caring in die totale Transparenz umkippt.

Am Donnerstag, 20. November um 17 Uhr sprechen Valentin Ruhry und MAK-Kuratorin Marlies Wirth in der Ausstellung über das Internet, Apple, und die Folgen!

 

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twittert mit uns über die Ausstellung: @MAKwien
zeigt uns eure Fotos auf instagram: @MAK_vienna
#ValentinRuhry

 

 

 

App-Stories #2: Eintauchen in die MAK-App und ihre Features

 

Authentische Einblicke durch Videos, persönliche Audiokommentare von KuratorInnen, SammlungsleiterInnen und RestauratorInnen des MAK, greifbare Kontexte durch Originalfotos, Schnappschüsse von BesucherInnen und Comics internationaler ZeichnerInnen – das und mehr bietet ab 16.9. die neue MAK-App für Tablets. Fürs Erste tauche ich in das Feature „entdecken“ ein:

 

Eine Seite, die mit Schränken, Tassen, Vasen, Stühlen, Tischen, Kissen, Gläsern, Büchern möbliert ist. Dazwischen vereinzelte Verben – „schreiben“, „lieben“, „feiern“ und viele andere begegnen mir. Aber Vorsicht: Besser, ich gewöhne mich nicht an diesen Anblick, denn die Seite wird nie wieder so aussehen, wie ich sie jetzt vor mir sehe – sie baut sich stets aufs Neue auf, zeigt sich mir laufend in neuem Kleid, mit neuen Nachbarschaften von Gegenständen und Verben.

Ich lasse mich von einem Gegenstand zum nächsten treiben und nehme ersten Kontakt mit den Gegenständen, die die MAK-Schausammlung Wien 1900. Design / Kunstgewerbe 1890­–1938 bevölkern, auf. Ich grabe tiefer und finde mehr über einen einzelnen Gegenstand heraus: Ich entscheide mich für einen Schrank und höre einen Audio-Beitrag, der von seinen ursprünglichen BesitzerInnen erzählt, sehe ein Video, das mir einen Blick in sein Inneres ermöglicht, oder ich entdecke Fotos des früheren Aufstellungsortes. Ich tauche immer tiefer in die Welt der angewandten Kunst ein, tippe ein Verb an und stocke. Was hat „weinen“ mit einem Schrank zu tun?

Sich überraschen lassen und ab 16.9. die MAK-App downloaden!

 

von Beate Lex, Leitung Neue Lernkonzepte, MAK

 

APP-Stories #1 The Making-of: Eine App erblickt das Licht der Welt

Gespannt sein, am 16. September ist es so weit: Die MAK-App für Tablets erscheint! Ausgestattet mit multimedialen Inhalten und interaktiven Features zur MAK-Schausammlung Wien 1900. Design / Kunstgewerbe 1890–1938 steht die App zum Gratis-Download für iOS- und Android-Tablets bereit oder kann im MAK als Multimedia-Guide auf einem Leihgerät genutzt werden.

Einige Monate intensiver Arbeit liegen hinter mir und unserem Projektpartner NOUS Wissensmanagement GmbH. Ins Projekt eingebunden waren auch zahlreiche meiner KollegInnen im MAK, wie etwa Christian Witt-Dörring, der Kurator der MAK-Schausammlung Wien 1900, einige SammlungsleiterInnen des Hauses, die Restauratorin Beate Murr, Bettina Algieri als Lektorin, die EDV-Abteilung, Thomas Matyk, der Fotos gesucht, gefunden und bearbeitet hat, Mika Wißkirchen als Fotograf, Sabine Andreasch mit rechtlicher Expertise und viele mehr.

Im Oktober 2013 haben wir das App-Projekt gestartet – kurz vor Weihnachten haben wir bereits gejubelt, weil wir einen Prototypen in Händen halten konnten. Gerne hätten wir die App im Frühling vorgestellt, aber im Jänner kam das Projekt leider zum Stehen, weil meine Tage durch die Arbeit am MAK DESIGN LABOR, das am 15. Mai eröffnet wurde, voll ausgefüllt waren.

Nach intensiven Diskussionen fiel eine der wichtigsten Entscheidungen gleich zu Beginn: Wir machen eine Tablet-App. Die rasant steigenden Absatzzahlen am Tablet-Markt und die im Verhältnis zu Smartphones größeren Bildschirme gaben dabei den Ausschlag. Die zunehmende Verbreitung von Tablets zieht veränderte Gewohnheiten hinsichtlich der Mediennutzung nach sich: Inhaltliches Konzept, BenutzerInnenführung und User Experience sind daher sowohl für die Nutzung der App im Museum, als auch für das Benutzen außerhalb des MAK – im Wohnzimmer, im Wartezimmer, im Hotelzimmer – ­­konzipiert.

Videos ermöglichen auf den großen Screens hautnahe Einblicke, und ausreichend große Fotos liefern kulturgeschichtliche Kontextualisierungen. Und jede Menge Atmosphäre schaffen sie obendrein.

Zwei Schritte nach vor, ein Schritt zurück: So lässt sich das Projekt – aber das gilt wohl für die meisten Projekte – am besten beschreiben. Vieles lag in der Luft, wurde zu Papier gebracht und wieder verworfen: „Zu teuer, zu aufwändig, zu kompliziert, …“ Doch ebenso Vieles haben wir umgesetzt – in Zusammenarbeit mit Ulf Harr (Interaktionsdesigner) und Christian Henner-Fehr (Kulturberater).

 

Ab Dienstag, 16.9. wartet die MAK-App im App Store und im Google Play Store, und um 18 Uhr sprechen die Projektbeteiligten – Max Arends von NOUS, Ulf Harr, Christian Henner-Fehr und ich – bei einem „Talk mit Q&A“ in der MAK-Säulenhalle über Herangehensweisen und Herausforderungen rund ums Projekt. Wir freuen uns auf Fragen, Diskussionen und Erfahrungsaustausch!

 

 

von Beate Lex, Leitung Neue Lernkonzepte, MAK