F 1033 – Die sprechende Amputationssäge

Julia Reuckl, Datenbank-Mitarbeiterin der MAK-Sammlung Metall und Wiener Werkstätte-Archiv, stellt uns eine Amputationssäge aus dem späten 16. Jahrhundert vor und erzählt von der Schönheit chirurgischer Instrumente.

Künstlerisch gestaltete Amputationssägen gelten als ambivalente Sammlungs- und Ausstellungsobjekte, da sie zwei Betrachtungsweisen vereinen: einerseits eine Bewunderung für die handwerkliche Meisterleistung, andererseits eine gewisse Ehrfurcht vor dem Zweck des Objekts. Aufgrund der reichen Verzierung – profilierter Holzgriff, Ätzarbeiten an Halter und Bogen und kleine bronzene Maskenverzierungen (Bronzemaskerons) am Ende des Bogens – stellt die Amputationssäge innerhalb des Bestands chirurgischer Instrumente der MAK-Sammlung eine Besonderheit dar.

Der Gesamtbestand der MAK-Sammlung Metall umfasst etwa 12 000 Objekte, zu den Sammlungsschwerpunkten zählen unter anderem Schmuck sowie Objekte der Wiener Werkstätte. Die meisten Gegenstände sind historisch und wurden im europäischen Kulturraum hergestellt, doch auch zeitgenössische Werke werden in die Sammlung aufgenommen – in den letzten Jahren insbesondere Bestecke italienischer DesignerInnen sowie zeitgenössischer Schmuck.

Die Amputationssäge zählt zu den etwa 1 000 Metallarbeiten, die der kunstgewerblichen Sammlung Dr. Albert Figdors entstammen, einer der bedeutendsten Wiener Privatsammlungen aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg; sie enthält kunstgewerbliche Objekte aus verschiedensten Materialien. Ein Teil der Sammlung Figdor gelangte Mitte der 1930er Jahre ins MAK und ist heute – je nach Materialart – auf die verschiedenen Sammlungen verteilt.

Ein erwähnenswertes Merkmal der Amputationssäge ist ihre Inschrift:

Grausam sichtt meine gestaltt herein
Mitt Angst Schmerzen und grosser Beinn
Wenn nur das Werk ist alss volennd
Mein Schmerzen sich in Freide wend.

Zur damaligen Zeit waren Amputationen äußerst schmerzlich und wurden meist ohne Schmerzmittel durchgeführt. Daher war es lediglich die Erfahrung und Arbeitsgeschwindigkeit des Chirurgen, die die Qual linderte. Hierfür war das richtige Instrumentarium von großer Wichtigkeit. So gab es Amputationssägen in den unterschiedlichsten Größen, entsprechend den verschiedenen Gliedmaßen. Das vorliegende Exemplar F 1033 ist besonders groß und weist daher auf die Verwendung für Oberschenkelamputationen hin, die durch den enormen Blutverlust als besonders gefährlich galten. Doch trotz dieser Schreckensbilder waren Amputationen teilweise lebensrettend, wie die Inschrift auf der Säge besagt.

Das Objekt ist bis zum heutigen Tage in einem bemerkenswert guten Zustand; ob sie jemals praktische Anwendung gefunden hat, kann allerdings nicht mehr festgestellt werden. Zuletzt wurde die Amputationssäge 2002 im Rahmen der Ausstellung Welt – Macht – Geist. Das Haus Habsburg und die Oberlausitz 1526–1635 in den Städtischen Museen Zittau der Öffentlichkeit gezeigt. Bald ist sie auch in der Datenbank des MAK online zu bewundern.

Julia Reuckl ist klassische Archäologin und Kunsthistorikerin. Sie arbeitete bereits bei mehreren Ausgrabungen in Österreich und der Türkei. Seit 2012 ist sie für die Datenbankerfassung im MAK tätig.

Ein Beitrag von Sara Alavi Kia für die Abteilung Neue Lernkonzepte

Foto © MAK/Nathan Murrell

 

Stuhl oder Sessel? Semotan sagt Strandkorb.

Johannes Semotan, Mitarbeiter bei der Datenbank für die Sammlung Möbel und Holzarbeiten des MAK – Österreichisches Museum für angewandte Kunst / Gegenwartskunst, erzählt von seiner Arbeit und stellt uns sein Lieblingsobjekt vor.

Seit Anfang 2013 wird, finanziert vom Bundeskanzleramt, Abteilung Kunst und Kultur, im MAK in einem Team von 13 Personen an einer neuen Datenbank gearbeitet. Damit werden die Objekte der MAK-Sammlung neu aufbereitet und durch die detaillierte Erfassung zeitgemäß für Forschung und Öffentlichkeit online bereitgestellt.

Gründe für eine neue Datenbank:

  • Sowohl für die Forschung als auch für die interessierte Öffentlichkeit ein schneller und einfacher Zugang zur MAK-Sammlung,
  • Sichtbarmachen der Objekte in den Depots und Transparenz für die Öffentlichkeit,
  • Erleichterung interner Abläufe durch den direkten Zugang zum MAK-Sammlungsbestand,
  • internationale Vernetzung mit anderen Museen über Links zu vergleichbaren Objekten.

Für jeden Sammlungsbereich gibt es eigens zuständige MitarbeiterInnen wie Johannes Semotan. Sie beschäftigen sich intensiv mit den einzelnen Objekten der Sammlung und bestimmen deren Materialien. Semotans Aufmerksamkeit fiel dabei  auf ein Fundstück für unsere Rubrik – einen Strandkorb der Firma Prag-Rudniker Korbwaren-Fabrication, dessen Herstellungsdatum leider nicht mehr ermittelt werden kann.

Datenbank

Passend zum heißen Sommer und der Sehnsucht nach einer kühlen Brise zeigt uns Semotan einen Strandkorb, wie man ihn von der Nord- und Ostsee kennt. Semotan selbst erinnert er an Urlaube in Polen und Hamburg. Dieser ausgesuchte Strandkorb ist der einzige seiner Art in der MAK-Sammlung und auch deshalb etwas Besonderes, weil bisher nicht nachvollziehbar ist, ob das Möbel tatsächlich zum Verweilen am Strand oder doch im Garten auf Sommerfrische genutzt worden ist.

Die Firma Prag-Rudniker Korbwaren-Fabrication zählt zu den traditionsreichen Firmen wie Thonet und J. & J. Kohn in Wien um 1900. Die außergewöhnlichen Möbelstücke dieser Fabrik sind das Ergebnis der Zusammenarbeit mit namhaften Architekten im Umfeld der Wiener Werkstätte. Ab 1886 wurde in der Mariahilfer Straße 25 produziert – im Anschluss in der Neubaugasse 56. Von 1900 bis in die 1960er Jahre wurde in der Mariahilfer Straße 1a im 6. Wiener Gemeindebezirk verkauft.

Nicht zuletzt stellt sich im Zusammenhang mit der Datenbankerfassung die Frage: Sessel oder Stuhl? Denn wie allgemein bekannt, sind sich ÖsterreicherInnen und Deutsche in diesem Punkt uneinig. Um also die Suche in der Datenbank für den gesamten deutschsprachigen Raum möglich zu machen, ist in der Folge eine intensive Zusammenarbeit der MitarbeiterInnen der unterschiedliche Abteilungen, aus Deutschland wie aus Österreich, notwendig. So sind erweiterte Kategorien wie Armlehnsessel und Armlehnstuhl entstanden.

Johannes Semotan und der Strandkorb


Johannes Semotan ist Kunsthistoriker und war zuvor in der Inventarisierung beim Land Niederösterreich sowie 2013 als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim niederösterreichischen Landesmuseum beschäftigt. Als Sohn einer Tischlerfamilie begleitet ihn von je her das Interesse für Möbel und Holzarbeiten.

Ein Beitrag von Sara Alavi Kia für die Abteilung Neue Lernkonzepte.

Credits Fotos:
© MAK
© Nathan Murrell

Valentin Ruhry – Bitcoin und Instagram


Valentin Ruhry in der Ausstellung, 2014
© MAK/Marlies Wirth

Valentin Ruhry ist bekannt für seine minimalistischen Skulpturen und seine absolute formale Konsequenz. Er versteht sich als Bildhauer mit recherchebasiertem, konzeptuellem Approach. Oft arbeitet der Künstler mit dem Medium Licht als Material, bzw. untersucht Alltagsobjekte auf ihre physikalisch messbaren Eigenschaften (wie Spannung, Reibung, etc.). Valentin (*1982 in Graz) studierte Bildhauerei bei Erwin Wurm an der Wiener Angewandten und am National College of the Arts in Oslo, Norwegen.

Bei einem mehrmonatigen Aufenthalt in den USA im Vorfeld der MAK-Ausstellung vertiefte der Künstler seine Recherchen zu dezentralen Märkten und alternativen Währungen, und dem „neuen“ Kunstmarkt, der auf sozialen Netzwerken wie Instagram über digitale Emotion getriggert wird. Bereits Anfang des Jahres hatte er gemeinsam mit dem Künstler Andy Boot ein Projekt gestartet, das sich im Kontext der Cyberwelt mit dem Kunstmarkt beschäftigt: Auf der Plattform www.cointemporary.com bieten Ruhry und Boot Arbeiten anderer Künstler unterschiedlicher Generationen zum Verkauf an. Bezahlt werden soll in der alternativen Währung Bitcoin, mit dem Ziel eine kritische Hinterfragung des faktischen Marktwerts von Kunstwerken anzukurbeln.

„Das Internet ist technisch gesehen eine dezentrale Infrastruktur, die sich jedoch durch die Omnipräsenz und das Zusammenwirken globaler Unternehmen immer mehr zu einer digitalen Diktatur entwickelt.“, sagt Valentin, der sich im Kontext mit der MAK-Ausstellung für wirtschaftsökonomische Grundlagen interessiert und u.a. auf den österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter (1883–1950) verweist.

Dabei gibt es auch eine Verbindung zu Marshall McLuhan, der in seinem Buch The Global Village das World Wide Web fast dreißig Jahre bevor es erfunden wurde als „weltumspannende Dorfgemeinschaft“ prophezeite. Die „digitale Diktatur“ findet sich auch in Dave Eggers The Circle (2013) wieder, wo das Prinzip Sharing is Caring in die totale Transparenz umkippt.

Am Donnerstag, 20. November um 17 Uhr sprechen Valentin Ruhry und MAK-Kuratorin Marlies Wirth in der Ausstellung über das Internet, Apple, und die Folgen!

 

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twittert mit uns über die Ausstellung: @MAKwien
zeigt uns eure Fotos auf instagram: @MAK_vienna
#ValentinRuhry

 

 

 

App-Stories #2: Eintauchen in die MAK-App und ihre Features

 

Authentische Einblicke durch Videos, persönliche Audiokommentare von KuratorInnen, SammlungsleiterInnen und RestauratorInnen des MAK, greifbare Kontexte durch Originalfotos, Schnappschüsse von BesucherInnen und Comics internationaler ZeichnerInnen – das und mehr bietet ab 16.9. die neue MAK-App für Tablets. Fürs Erste tauche ich in das Feature „entdecken“ ein:

 

Eine Seite, die mit Schränken, Tassen, Vasen, Stühlen, Tischen, Kissen, Gläsern, Büchern möbliert ist. Dazwischen vereinzelte Verben – „schreiben“, „lieben“, „feiern“ und viele andere begegnen mir. Aber Vorsicht: Besser, ich gewöhne mich nicht an diesen Anblick, denn die Seite wird nie wieder so aussehen, wie ich sie jetzt vor mir sehe – sie baut sich stets aufs Neue auf, zeigt sich mir laufend in neuem Kleid, mit neuen Nachbarschaften von Gegenständen und Verben.

Ich lasse mich von einem Gegenstand zum nächsten treiben und nehme ersten Kontakt mit den Gegenständen, die die MAK-Schausammlung Wien 1900. Design / Kunstgewerbe 1890­–1938 bevölkern, auf. Ich grabe tiefer und finde mehr über einen einzelnen Gegenstand heraus: Ich entscheide mich für einen Schrank und höre einen Audio-Beitrag, der von seinen ursprünglichen BesitzerInnen erzählt, sehe ein Video, das mir einen Blick in sein Inneres ermöglicht, oder ich entdecke Fotos des früheren Aufstellungsortes. Ich tauche immer tiefer in die Welt der angewandten Kunst ein, tippe ein Verb an und stocke. Was hat „weinen“ mit einem Schrank zu tun?

Sich überraschen lassen und ab 16.9. die MAK-App downloaden!

 

von Beate Lex, Leitung Neue Lernkonzepte, MAK

 

Incertitudes – EXEMPLARY: 150 Years of the MAK – from Arts and Crafts to Design

The exhibition EXEMPLARY: 150 Years of the MAK – from Arts and Crafts to Design sparks an inspired and inspiring confrontation between the long-standing history of the MAK collection and contemporary design avant-garde. Tying in with EXEMPLARY’s unique presentation, nine internationally acclaimed design mavens participated in an experiment exploring the significance of the MAK collection as both a source of inspiration and a venue for envisaging everyday life in the future.

Ying Gao, Interactive garments, Incertitudes, CA, 2013, Plastic, sewing needles, electrical components

 

Ying Gao is the creator of one of these “exemplary” projects: for Incertitudes she uses acoustic sensors in outfits which react to voices and sound with movement. The movement is generated electromechanically via a double layer of fabric and creates an aesthetic that is equally reminiscent of art, fashion, and technology.

 

Visitors of the exhibition are invited to use the online participation platform to comment on and contribute to this unique exemplary collection.